Aids Nur eine Krankheit der Anderen?

Als die Krankheit vor 20 Jahren noch neu war, befürchteten viele eine soziale Katastrophe. In den westlichen Ländern ist diese nicht eingetreten. Aids ist eine Epidemie der armen Länder.

(SZ vom 1.12.2003) - "Der Junge ist sauber", schrieb das amerikanische Magazin Look über den Schauspieler Rock Hudson, als der im November 1925 in Winnetka geborene Roy Scherer in Hollywood die Leinwand eroberte. Als Jahrzehnte später bekannt wurde, dass ausgerechnet er, Rock Hudson, das Bild von einem Mann, schwul und an Aids erkrankt war, und dass man ihn der Kinokasse zuliebe in eine Scheinehe gezwungen hatte, war die Bestürzung groß.

Doch die amerikanische Öffentlichkeit reagierte mit einer Sympathiekundgebung, wie es sie bis dahin für HIV-Infizierte nicht gegeben hatte. Selbst Ronald Reagan schrieb ein Telegramm: "Ich bete für dich".

"Gestern Rock Hudson. Heute Burt Reynolds. Morgen Marlon Brando? Tony Curtis? Mick Jagger?", fragt sich in Hudsons Todesjahr der Schriftsteller Hubert Fichte in seinem Tagebuch. Die Krankheit ist neu und die Verunsicherung so groß wie die Gerüchte um die Ansteckungsmöglichkeiten vielfältig.

Die Angst ist gewichen

"Aids - Eine Epidemie, die erst beginnt", hatte am 6. Juni 1983 in Deutschland die apokalyptische Spiegel-Geschichte geheißen, die Fichte in seinen Aufzeichnungen kommentiert: "Nach den Spiegelartikeln sind die Leute viel geiler", schreibt er und stellt damit den Konsequenzen von Aids und der aufkommenden Homophobie jenen Geständniszwang gegenüber, den Aids auslöste: ein unaufhörliches Reden über Sex und seine Praktiken.

Fast zwanzig Jahre ist das her, die Angst ist gewichen, die soziale Katastrophe, die viele befürchtet oder beschworen haben, nicht eingetreten - nicht in den westlichen Ländern. Dass die Krankheit aus dem Fokus der Berichterstattung verschwunden ist, gehört allerdings nicht zur Erfolgsgeschichte ihrer Bekämpfung.

Das Ideal vom "puren Sex"

Denn die gängige Botschaft, dass sie nicht bei uns stattfinde, sondern woanders, in Afrika, und dass jedes halbe Jahr angeblich ein noch besseres Medikament auf den Markt komme, klingt nach Entwarnung: Der neue UN-Bericht stellt fest, dass das "riskante Verhalten", also ungeschützter Geschlechtsverkehr und sorgloser Umgang mit Drogenbestecken, in Westeuropa wieder zunimmt.

Das Ideal vom "puren Sex" ist - da reicht es, dass jeder ehrlich ist - nicht leicht aus der Welt zu kriegen. Die meisten Werbestrategien beweisen es. Sie setzen auf Understatement, dass es sich "nur" um "das bisschen Gummi" handelt.

"Es gibt einen einfachen Weg, Aids vorzubeugen. Verzichten sie auf Sex!", hieß es in den panischen achtziger Jahren noch in einer Anzeige des U.S. Centers for Disease, Control and Prevention. In ihrem Buch "Ansteckende Wörter. Repräsentationen von Aids", das vor kurzem im Suhrkamp-Verlag erschienen ist, hat Brigitte Weingart die Geschichte der Rede über das Immunschwächesyndrom rekonstruiert. Die nicht selten hastigen Reaktionen und Abschottungen in den Anfängen der Krankheit sind darin sehr gut zurückzuverfolgen, genauso wie die aus dem Boden schießenden Verschwörungstheorien über ihren Ursprung.

"Prüfstein für die Demokratie"

Andere haben den Virenherd im Innern gesucht. Für Peter Gauweiler zum Beispiel, damals Münchner Kreisverwaltungsreferent, war Aids nichts als die Konsequenz einer jahrelangen öffentlich geduldeten gesellschaftlichen Verwahrlosung, von sexueller Kommerzialisierung, Prostitution, Straßenkriminalität und Drogenhandel. Gauweiler wollte umfassender "zugreifen" als die Aids-Politik seiner Gegenspielerin, der damaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth.

Diese hatte Aids als "Prüfstein für die Demokratie" dargestellt: das galt vor allem für Vorschläge wie die Tätowierung von HIV-Infizierten oder den Eintrag der Krankheit in den Personalausweis, die in Deutschland Erinnerungen weckten.

Rührselig und gut zu ertragen

Nur Benetton hat tätowiert: in Oliviero Toscanis Werbekampagne im Herbst 1993, die überall nackte Oberkörper, Arme und Unterleiber mit der Brandmarkung "H.I.V. POSITIV" zeigte. Weil der Blick sich an den wohlgeformten Körpern aber sehr schnell beruhigte, war sie lange nicht so skandalös, wie immer getan wurde. Sie war eher genauso zumutbar wie Hollywoods erstes Aidsepos "Philadelphia", das im selben Jahr auf die Leinwand kam.

Ein "Tabubruch", raunten dennoch viele. Dabei hatte Jonathan Demme das Happy Ending, das die Geschichte eines Aids-Kranken nicht liefern kann, einfach durch einen Sieg der Gerechtigkeit ersetzt. Das war rührselig und, wie Benetton, gut zu ertragen.

Inzwischen ist Aids sehr viel abstrakter geworden, geronnen in Zahlenkolonnen, die alljährlich veröffentlicht werden. Nach dem UN-Bericht von letzter Woche sind weltweit 40 Millionen Menschen infiziert, 14.000 steckten sich in diesem Jahr täglich neu an. Am schlimmsten bleibt es im südlichen Afrika, wo es - da ist der Westen im Spiel - kaum Therapiemöglichkeiten gibt. In Indien, Indonesien und Russland droht eine neue HIV-Welle. Der Spiegel lag damals nicht falsch. Aids ist "Epidemie", allerdings eine Epidemie der Armen.