Abgesang auf ein Stück Lebens-Kultur Rauchen ist sexy

Verringelt, verkringelt, verkräuselt: Früher galt die Kunst des Rauchens als Genuss. Heute wird sie erbittert bekämpft - ein bedauernswerter Irrtum. Ein Abgesang.

Von Klaus Podak

Es gab eine Zeit, Vergangenheit, lange her, da konnten Dichter unschuldig, ungeschmäht das Tabakrauchen besingen. Da galten der Tabak und sein Gebrauch als etwas Schönes, Beflügelndes, Leidenschaftliches, gar als Signal eines gesunden Lebens. Wilhelm Busch zum Beispiel, der von 1832 bis 1908 lebte, ließ sein kleines Schicksalsdrama "Die beiden Enten und der Frosch" ausklingen mit den Worten: "Drei Wochen war der Frosch so krank! / Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!"

Die Epoche, in der Menschen ihr Befinden, ihre Gefühle ausgedrückt sahen im sich verringelnden, sich verkringelnden, sich verkräuselnden Rauch ist endgültig vorbei, ganz gleich ob einige von uns immer noch rauchen und auch nicht aufhören wollen damit.

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Den Dichter Arno Holz (1863-1929) riss seine "goldmundstückige Zigarette" zu dieser Eloge hin: "In / die tanzenden, spielenden, flirrenden Sonnenstäubchen, / aufwölkchend, / aufflitternd, aufzitternd, / sich verringelnd, sich verkringelnd, sich / verkräuselnd, / wirbelt der Rauch." Auch hier bei Holz scheint Glück auf und zugleich etwas von dem Geheimnis des sich vor den Augen verflüchtigenden Rauchs, das ein Religionslexikon in dem Artikel über Räucherungen so formuliert: "Offenbar ist also der Rauch als solcher mit einer Symbolkraft als des unstet Ziehenden, als des Konturen Verwischenden wie des mächtig Emporwallenden von Bedeutung gewesen."

Heute bleibt uns nichts anderes mehr übrig, als das letzte Wort zu betonen: gewesen. Denn das Zeitalter des Rauchens, die Epoche, in der Menschen ihr Befinden, ihre Gefühle ausgedrückt sahen im sich verringelnden, sich verkringelnden, sich verkräuselnden Rauch ist endgültig vorbei, ganz gleich ob einige von uns immer noch rauchen und auch nicht aufhören wollen damit.

Raucher gelten nur noch als Süchtige, als lasterhafte Menschen, unfähig zu gesundheitsklarer Selbstdisziplin, als verirrte, uneinsichtige Selbstzerstörer, die zudem das Leben aller Nichtraucher in ihrer Umgebung rücksichtslos gefährden. Das Rauchen wird kühl unter die modernen Produktionsverfahren des todbringenden Feinstaubs eingereiht, schlimmer noch als die ebenfalls lebensgefährlichen Feinstaubschleudern der geliebten Autos mit ihren Platin- und Palladiumpartikeln aus den Katalysatoren. Rauchen ist verkommen zur Krankheit, belauert, bestraft von ständig schärfer praktizierten Techniken sozialer Kontrolle.

Dabei wird man in unseren Breiten kaum einen Raucher finden, der sich zu der Behauptung versteigt, Rauchen sei eine gesunde Sache. Das ist auch in den goldenen Zeiten der Pfeifen, der Zigarren, der Zigaretten, im Rauchgenusszeitalter, wie wir es einmal nennen wollen, nie ernsthaft behauptet oder verteidigt worden. Rauchen ist ungesund, Punktum!

Doch ohne dieses Verdikt infrage zu stellen, ist zu überlegen, warum, wenn alle das wussten, dennoch geraucht wurde und auch in den Zeiten schärferer Verfolgung von einer Menge Menschen immer noch geraucht wird. Sucht? Es gibt keine eindeutige Bestimmung von Sucht, obwohl, so kompliziert ist das, es natürlich eindeutig identifizierbare Süchte gibt, sicher auch die Nikotinsucht. Aber Sucht ist auch im Alltag oft nur ein Killerwort. Es verdeckt dann Phänomene, wo es um Differenzierung ginge.

Einen Schritt weiter kommt man beim Nachdenken über die Formel der Gesundheit, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), vage genug, aufgestellt worden ist. Da wird dekretiert, Gesundheit sei der "Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens". Diese Definition umfasst mehr als die Gesundheitsvorstellung jedes Hausarztes. Wie könnte er auch, neben dem körperlichen, das geistige und soziale Wohlbefinden bestimmen? Das tut jeder für sich selbst. Und in dieser allgemeinen Bestimmung steckt ein Restchen anarchischer (und das heißt, genau übersetzt, herrschaftsfreier) Selbstbestimmung ohne soziale Kontrolle. Über den Zustand seines geistigen und sozialen Wohlbefindens entscheidet - wie lange noch? - jeder Mensch selbst. Die weiche Formulierung der WHO schließt mehr an Humanität ein, als im Bereich purer Medizin sich fassen lässt. Dabei ist es überflüssig zu betonen, dass Wohlbefinden, geistiges und soziales, einer Person nie auf Kosten anderer Personen durchgedrückt werden darf. Gewisse Rauchverbote sind plausibel und sinnvoll. Wer sich gestört, belästigt, in seiner Gesundheit bedroht fühlt, der hat wie der Raucher ein Recht auf sein Wohlbefinden. Und dann gibt es Menschen, für die Pfeife oder Zigarre oder Zigarette ebenso zu den Elementen eines anderen Wohlbefindens gehören.

Wohlbefinden ist ein kurios-umständliches Wort. Es bedeutet, geht man der Wortgeschichte nach, einfach gutes Leben. Die WHO hat eine Utopie in eine Definition verwandelt. In diesem Schlüsselwort steckt nicht nur die Erklärung für vergangene Genussfreudigkeit. Es enthält, richtig gehört, Zukunftsmusik.

Was das Rauchen betrifft, war die WHO aber zu ganz anderen Tönen bereit.

Unter dem Einfluss des obersten Regierungsmediziners (U.S. Surgeon General) der USA, Charles Everett Koop, eines strengen, superfrommen Christen, definierte die WHO Rauchen als Krankheit in der Abteilung gestörtes Verhalten.

Koop ist auch die hysterische Furcht der Amerikaner vor Tabakqualm zu verdanken, freiwillig oder unfreiwillig eingesogenem. 1988 publizierte er einen Report, in dem der fromme Mann donnerte, Verlangen nach Nikotin sei gleich der Sucht nach Heroin und Kokain. Auch die gruseligen Warnungen auf Tabakprodukten, auch auf Kau- und Schnupftabak, sind sein Werk. Für das Jahr 2000 versprach er gar ein rauchfreies Amerika. Koop, ein Kinderchirurg, der sich viele Verdienste in seinem Fach erworben hatte, erkannte als Surgeon General, wie wirkungsvoll die Kombination medizinischer Informationen mit moralischen Argumenten war. Nachdem er seinen Glauben durch Übertritt in die Zehnte Presbyterianische Kirche von Philadelphia frisch gestärkt hatte, schrieb er: "Von da an sah ich die Koexistenz zwischen der Wissenschaft und Gott." Die Geschichte dieses Surgeon General zeigt, dass unser Abschied vom Zeitalter des schönen, unschuldigen Rauchens eng verknüpft ist mit der Entfaltung neuer Religiosität, in der Moral und Wissenschaft eine Allianz eingegangen sind. Nicht einmal Weihrauch lassen die Presbyterianer qualmen.

Ironischerweise verdanken wir das Rauchen Amerika, genauer der so genannten Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. Der schickte zwei Spanier zur Erkundung Kubas los, die von der sonderbaren Sitte der Einwohner berichteten, in Palmblätter eingerollten Tabak zu entzünden und den Rauch zu "trinken", wie man das lange noch nannte. Dass dies religiös-satanisch interpretiert werden konnte, erfuhr schmerzlich Rodrigo de Jerez, einer der beiden Abgesandten des Kolumbus. Er hatte sich das Rauchen angewöhnt. Als er wieder in Spanien war und aus Mund und Nase Rauch ausstieß, da wähnte man ihn mit dem Teufel im Bunde. Der Ortspriester - soziale Kontrolle gab es schon immer - meldete den Vorfall der Inquisition, die den armen Rodrigo für Jahre in den Kerker warf. Er kam erst wieder frei, als das Rauchen sich unaufhaltsam im Land verbreitet hatte.

Aber die Verfolger schliefen nicht. Um 1560 schrieb ein kurpfälzischer Gesandter aus Den Haag: "Ich kann nicht umhin, mit einigen Worten jene neue, erstaunliche und vor wenigen Jahren aus Amerika nach unserem Europa eingeführte Mode zu tadeln, welche man eine Sauferei des Nebels nennen kann, die alle alte und neue Trinkleidenschaft übertrifft. Wüste Menschen pflegen nämlich den Rauch von einer Pflanze, die sie Nicotiana oder Tabak nennen, mit unglaublicher Begierde und unauslöschlichem Eifer zu trinken und einzuschlürfen." Der Krieg, auch in diesem Fall Vater aller Dinge, der Dreißigjährige (1618-1648), sorgte dafür, dass Tabaktrinken sich über ganz Mitteleuropa verbreitete.

Auch Mediziner wurden früh aufmerksam, positiv. Überschwänglich priesen sie den Tabak als wunderbares Allheilmittel: bei Husten, Asthma, Kopfschmerz, Magenkrämpfen, Gicht und Frauenleiden wurde er eingesetzt, gegen Pest und Geschlechtskrankheiten verordnet, bei Magen- und Darmkrankheiten mit Hilfe eines Tabakklistiers eingeführt. Dies alles allerdings nicht in der Form von Rauch, sondern in Zubereitungen der Pflanzenblätter: Naturheilkunde.

Aufmerksam beobachtete die Kirche weiterhin den unheiligen Rauch. Sie befand, erfolglos zunächst, "es sei ungeziemlich und gottlos, den Mund, den Ein- und Ausgang der unsterblichen Seele, den Mund, welcher zum Atmen der frischen Luft und zum Lobe des Allerhöchsten bestimmt sei, durch Einsaugen und Ausblasen des Dampfes zu entweihen".

Kampf gegen, Kampf für den faszinierenden Dampf also von Anfang an. Die Obrigkeit erfand die Tabaksteuer. Das Volk kämpfte für die Raucherlaubnis. In der deutschen Märzrevolution 1848 erstritten die Demokraten in Berlin (ihr einziger Triumph) das Recht, in der Öffentlichkeit zu rauchen: "Ooch im Tiergarten?" "Ja, auch im Tiergarten darf geraucht werden, meine Herren." "Na, denn können wir ja zu Hause jehen." Am 25.März 1848 wurde es amtlich: "Das Verbot des nicht feuergefährlichen Tabakrauchens in den Straßen der hiesigen Residenz und der Vorstädte ist aufgehoben." Die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts wurde zum Zeitalter des stilvollen Genussrauchens. Man erfand den Smoking, den Rauchanzug für den Rauchsalon. Wird auch er verschwinden, wenn es bald überall heißt "No Smoking"?

Noch ist es nicht ganz so weit. Aber die Inseln der Rauchseligen - wenn es die heute, jenseits verqualmter Kneipen, überhaupt noch gibt - schrumpfen oder verschwinden. Der Rauchertisch neben der Klotür des feinen Restaurants ist kein Ersatz. Auch das Volk der Kettenraucher, müde der Demütigungen ihrer Sucht, akzeptiert überraschend unterwürfig die Verbannung von angestammten Orten. Wer hätte gedacht, dass Italiener, Spanier, Engländer und Iren, allesamt rauchstarke Völker, ohne jeden lärmenden Protest Lokalverbote, die scharfe Einschränkung ihrer Gelüste hinnehmen würden.

Vielleicht bilden sich aber, versteckt, neue Reservate, in denen nicht gequalmt, dafür genussvoll geraucht wird. Liebhaber des blauen Dunsts sind gut beraten, sich an den Satz des weisen Epikur zu erinnern "Lebe im Verborgenen!" Für Aficionados anarchisch glühenden Tabaks: "Rauche im Verborgenen!" - zusammen mit Menschen, die sich, wohl wissend, was sie tun, von ihrer Lust nicht abbringen lassen.