17. Mai 2010, 21:30 Zukunft des Journalismus (21) "Blogger sind wie Pitbulls"

Aufmerksame Wachhunde und keine fetten und zufriedenen Schoßhündchen: Ariana Huffington spricht über die "Watchdog"-Funktion der Presse.

Interview: L. Kramp und S. Weichert

Die Revolution der neuen Medien führt zur Renaissance des geschriebenen Wortes - behauptet Arianna Huffington, 58, Gründerin und Herausgeberin von The Huffington Post, der einflussreichen politischen Online-Nachrichtenzeitung aus den USA. Das News-Portal setzt aber auch auf eine der wichtigsten Leistungen der klassischen Printmedien: Es investiert in den investigativen Journalismus und legt zusammen mit der Organisation Atlantic Philanthropies und anderen Spendern einen Fonds mit einem Startvolumen von 1,75 Millionen Dollar (1,32 Millionen Euro) auf. Arianna Huffington wurde durch ihre zahlreichen Blogs bekannt. Bei den kalifornischen Gouverneurswahlen im Jahre 2003 trat die "Königin der Blogger" (Der Spiegel) zunächst gegen den Republikaner Arnold Schwarzenegger an. Die gebürtige Griechin, eine studierte Ökonomin, verfasste insgesamt zwölf Bücher, darunter mehrere Streitschriften über die politische Kultur in den USA. Sie lebt im Raum Los Angeles mit ihren zwei Töchtern; Seit 1997 ist sie geschieden von dem republikanischen Politiker und Filmproduzenten Michael Huffington.

Vom

Spiegel

zur Königin der Blogger gekürt: Ariana Huffington.

(Foto: Foto: Reuters)

sueddeutsche.de: Frau Huffington, stimmt es, dass die Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten vor allem dem wachsenden Einfluss des Internet zu verdanken ist?

Ariana Huffington: Davon bin ich überzeugt. Blogger haben ebenso zu seiner Wahl beigetragen wie Obamas eigene Online-Kommunikationsstrategien: Von viralen Videokampagnen über SMS als Graswurzel-Kommunikationswerkzeug bis hin zu Social Networks und deren Möglichkeiten, gigantische Spendenaufrufe zu starten. Er hat einfach etliche Spielarten des Internet mit einbezogen, die zu Schlüsselkomponenten seines Erfolgs wurden.

sueddeutsche.de: Medienkampagnen hat es immer gegeben.

Huffington: Wenn wir an alte Zeiten zurückdenken - und das entspricht in der Ära der Neuen Medien dem Jahr 2004, als es noch kein YouTube, kein virales E-Mail-Marketing und keine Huffington Post gab - konnten während des Wahlkampfs noch dreiste Lügen erzählt werden, ohne dass das große Konsequenzen gehabt hätte. Auch wenn die traditionellen Medien diese Lügen zunächst hinterfragten, wurden sie von Politikern einfach so oft wiederholt, bis die Medien irgendwann aufgaben.

sueddeutsche.de: Sprechen Sie der gesamten Presse ihre Kritikfähigkeit ab?

Huffington: Die Traditionsmedien neigen dazu, sich schnell dem nächsten Aufregerthema zu widmen. Blogger lieben es, eine Geschichte zu hinterfragen. Sie sind richtige Pitbull Terrier: Wenn sie sich erst mal in etwas verbeißen, ist es unmöglich, sie wieder davon loszureißen.

sueddeutsche.de: Leute wie der Zeit-Herausgeber Josef Joffe glauben, dass die Gratiskultur im Netz das gedruckte Wort und den Qualitätsjournalismus gefährde - wofür er auch Sie und die Huffington Post verantwortlich macht.

Huffington: Das ist doch vollkommener Quatsch! Es geht nicht um Entweder-Oder, sondern um eine Konvergenz neuer und alter Medien. Natürlich hat die Zeitungsindustrie derzeit mit tief greifenden Problemen zu kämpfen - aber sie wären keinen Deut weniger dramatisch, wenn es uns nicht gäbe. Ich verstehe unter Publizistik kein Nullsummenspiel, bei dem neue Publikationsformen andere killen. Klar, neue Technologien beeinflussen klassische Verlagsmodelle - deshalb muss es darum gehen, Inhalt so unter die Leute zu bringen, dass sie nicht widerstehen können. Es ist alles ganz anders als bei Herrn Joffe: Es ist eine der großen Nebenwirkungen der Medienrevolution, dass sie dem geschriebenen Wortes zu einer Renaissance verhilft.

sueddeutsche.de: Wie erklären Sie sich die Beliebtheit von Blogs in den USA? Weist dies nicht auf einen Defekt im System der traditionellen Medien sprechen?

Huffington: Als ich damals online ging, war ich fasziniert von der Unmittelbarkeit und Lebendigkeit, von der Transparenz und Freiheit, auch der beispiellosen Reichweite, die das Internet bot. Blogs wurden sehr schnell zu einer potenten journalistischen Kraft im Vorfeld und während des Irakkriegs, als viele 'Mainstream-Medien' die Verlautbarungen anonymer Regierungsquellen wiederkäuten, anstatt sie kritisch zu hinterfragen. Man erinnere sich nur an den Skandal um Judy Miller bei der New York Times.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob Blogs dem Recherchejournalismus Konkurrenz machen.

sueddeutsche.de: Glauben Sie ernsthaft, Blogs könnten jenen Recherchejournalismus ersetzen, der derzeit bei vielen Verlagen gekürzt wird?

Huffington: Blogs liefern natürlich keinen Ersatz für investigative Recherchen - aber sie können, wenn sie es richtig anstellen, eine andere Methode der Hintergrundberichterstattung entwickeln. Im Prinzip geht es doch darum, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, wohin auch immer diese uns führen mag. Außerdem ist es ein Klischee, wenn Sie der Blogosphäre unterstellen würden, sie bestünde nur aus Leuten, die ihre Meinungen in die Welt hinausposaunen wollten. Die US-Präsidentschaftswahlen 2008 haben eindeutig bewiesen, dass es beim Bloggen auch um Expertise und Informationen geht - grafisch oder tabellarisch aufbereitete, destillierte und vergleichende Informationen. Auch die Online-Journalisten hatten gute Storys und Scoops.

sueddeutsche.de: Der Spiegel hat Sie neulich zur "Königin der Blogger" gekrönt, aber geht es Ihnen wirklich nur ums Bloggen?

Huffington: Blogging, also die Echtzeitübertragung von Meinung, ist unbestritten ein wichtiger Teil der HuffPost - immerhin arbeiten inzwischen 3000 Blogger für uns. Aber das ist ja bei weitem noch nicht alles: Die Mischung aus Blogs, Nachrichten, Communities und etlichen anderen redaktionellen Rubriken wie Wirtschaft, Unterhaltung, Medien, Mode, Umweltbewusstsein und Comedy macht uns zu einer waschechten Internet-Zeitung.

sueddeutsche.de: Welche innovative Formen im Netz, außerhalb von Blogs, sind für den Journalismus von Bedeutung?

Huffington: Für eine der aufregendsten Entwicklungen halte ich nach wie vor den so genannten "Bürgerjournalismus" - die Kurzformel für eine Sammlung von Methoden, sich die Kraft der Online-Gemeinschaft, ihr Wissen, ihre Information und ihren Zugang zunutze zu machen.

sueddeutsche.de: Ein Ansatz, der die Standards des Qualitätsjournalismus unterläuft.

Huffington: Ob online oder offline - Journalismus sollte stets nach journalistischen Prinzipien wie Genauigkeit, Fairness und Transparenz streben. Es nutzt aber niemandem, wenn die traditionellen Medien wie besessen sind von ihrer antiquierten Auffassung, sie müssten grundsätzlich immer beide Seiten eines Problems darstellen - selbst wenn die Wahrheit eines Sachverhalts klar und deutlich auf der einen oder der anderen Seite verortet werden kann. Die Wahrheit liegt eben nicht immer genau in der Mitte. Stattdessen lauert sie mitunter irgendwo im Graubereich.

sueddeutsche.de: Da machen Sie es sich zu einfach. Der Leser soll sich frei seine Meinung bilden können.

Huffington: Die Huffington Post vermeidet den irreführenden Weg, sich Nachrichten mit einer Einerseits-andererseits-Haltung zu nähern. Unsere Evolution ist ebenso real und unumkehrbar wie die globale Erwärmung: Da gibt es einfach nichts abzuwägen. Davon abgesehen gaukeln wir auch niemandem vor, keine persönlichen Standpunkte zu haben - wir machen sie dafür transparent.

sueddeutsche.de: Vorerst haben Sie mit der HuffPo ein Geschäftsmodell fürs Blogging etabliert, das es Ihnen immerhin ermöglich, eigene Mitarbeiter mit Büros an mehreren Standorten zu beschäftigen. Wollen Sie demnächst eine eigene Redaktion mit Vollzeitstellen aufbauen?

Huffington: Wir werden weiter wachsen und uns redaktionell vergrößern, soviel steht fest. Dazu gehört, dass wir mehr Reporter fest anstellen und unsere Zusammenarbeit mit den Bürgerjournalisten intensivieren werden. Auch sind wir derzeit dabei, eine Initiative zu gründen, die sich der Förderung des investigativen Journalismus annimmt - eine der ersten Dinge, die von der aktuellen Krise des traditionellen Mediengeschäfts erfasst wurden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sich im Internet mit Journalismus Geld verdienen lässt.

sueddeutsche.de: Der Publizist und Blogger Eric Alterman glaubt, dass er für den Qualitätsjournalismus ohne die Umsätze aus dem Anzeigengeschäft schwarzsieht. Sehen Sie überhaupt Möglichkeiten, mit Journalismus im Internet Geld zu verdienen?

Huffington: Die Huffington Post arbeitet seit ihrer Gründung mit einem Geschäftsmodell, das auf der Akquisition von Werbegeldern basiert - und das hat uns noch nie davon abgehalten, auch längere Stücke und leidenschaftliche intellektuelle Debatten zu publizieren. Unsere Anzeigenumsätze steigen kontinuierlich.

sueddeutsche.de: Was halten Sie von der Strategie, über den Verkauf von Artikeln oder Ausgaben Geld zu verdienen?

Huffington: Während ich zuversichtlich bin, dass es schon bald neue Geschäftsmodelle für Journalismus im Internet geben wird, glaube ich nicht daran, dass Online-Abonnements funktionieren. Dazu muss man sich nur das gescheiterte kostenpflichtige Angebot der New York Times ansehen, das der Verlag jetzt wieder einführen will. Das einzige, wofür Internetnutzer bereit sind zu zahlen, sind Finanzberatung und Porno.

sueddeutsche.de: In unserer zersplitterten Medienlandschaft scheint Markenbildung immer wichtiger zu werden. Wie können Zeitungsverlage hier ihre Stellung verbessern?

Huffington: Führende Nachrichtenanbieter wie MSNBC, CNN, The New York Times und natürlich auch die HuffPo sind weit mehr als reine Online-Portale. Der Schlüssel für den Erfolg im Internet ist es, eine starke Stimme zu haben und einen distinkten Standpunkt zu vertreten. Alle starken publizistischen Marken im Internet bieten etwas Einzigartiges an - und bauen dann darauf auf. Journalistische Online-Angebote müssen, wenn sie gut laufen sollen, ihren Lesern unverwechselbare Inhalte offerieren und gleichzeitig interaktiver werden.

sueddeutsche.de: Sehen Sie in Journalisten immer noch die "Vierte Gewalt"?

Huffington: Ein Großteil der Unzufriedenheit mit dem traditionellen Journalismus rührt daher, dass die meisten Journalisten anscheinend vergessen haben, dass ihre erste Pflicht darin besteht, der Wahrheit nachzuspüren - egal, welche Konsequenzen ihnen blühen. Viele Journalisten haben sich in der Vergangenheit allzu häufig als Stenographen statt als "Watchdogs" verstanden, indem sie ihren Presseausweis als Eintrittskarte missbrauchten, um den Mächtigen möglichst nahe zu sein. Wir brauchen aber Redaktionen, die voll sind von aufmerksamen Wachhunden und nicht mit fetten und zufriedenen Schoßhündchen.

sueddeutsche.de: Das sollen Internetredaktionen leisten?

Huffington: Ich denke nicht, dass Online-Journalismus zu einer Abschwächung der "Watchdog"-Funktion der Presse führt, im Gegenteil: Der technologische Fortschritt und das Wachstum von Nachrichtenangeboten im Internet werden den Nutzern kontinuierlich mehr und mehr Kontrolle darüber geben, welche Informationen sie bekommen, und wie diese präsentiert werden. Die Tage, in denen uns eingebildete Wichtigtuer diktierten, was wichtig ist und was nicht, sind vorbei - Gott sei Dank!

Buchhinweis: In diesen Tagen erscheint der Band "Wozu noch Zeitungen? Wie das Internet die Presse revolutioniert" mit zahlreichen Interviews über die Zukunft des Journalismus, herausgegeben von Stephan Weichert, Leif Kramp und Hans-Jürgen Jakobs, im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht (ISBN 978-3-525-36750-6).