17. Mai 2010, 21:26 Von Amerika lernen Die Kalifornikation Europas

Wenn Männer und Frauen bei der Wahl ihres Partners, mit dem sie Kinder haben wollen, konsequent weder ethnischer Zugehörigkeit noch Rasse Beachtung schenken würden, dann müsste man auf Fragebögen unter "ethnische Zugehörigkeit" bald nur noch "Mensch" ankreuzen.

Von Timothy Garton Ash

Ich habe einen Traum. Eines Tages kehrt Alfred Rosenberg, der Chef-Ideologe nationalsozialistischer Rassenlehre, aus der Hölle zurück und setzt sich an den Weg, der durch die Berge oberhalb der Universität Stanford bei San Francisco verläuft. Dort beobachtet er die vorbeikommenden Jogger: den japanischen Amerikaner, einsneunzig groß und gebaut wie ein texanischer Footballspieler, den Hispano-Amerikaner, den iranisch-italienischen Amerikaner, den skandinavisch-chinesischen Amerikaner, den deutsch-irisch-indischen Amerikaner. Alle nur denkbaren Hautfarben und Physiognomien bekommt Herr Rosenberg dort zu sehen. Und dann stirbt er noch einmal, am Schock über eine derart irreversible Zerstörung seines Nazi-Traums.

Wunderbare Platte, starkes Cover: Californication von den Red Hot Chili Peppers. Der eigentümliche Titel beinhaltet die Lösung für ein Problem - das Europa hat.

(Foto: SZ v. 02.09.2003)

Californication, ein bei den Red Hot Chili Peppers geborgter Begriff, ist möglicherweise die Lösung des Problems der ethnischen Unterschiede. Wenn Männer und Frauen bei ihrer Wahl des Partners, mit dem sie Kinder haben wollen, konsequent weder ethnischer Zugehörigkeit noch Rasse Beachtung schenken würden, wenn die aus dieser Verbindung hervorgehenden Kinder und deren Kinder ebenso handelten, dann wäre irgendwann der Punkt erreicht, an dem nicht nur allen Rassen-Stereotypen, sondern auch der politisch korrekten "ethnischen Quote" die Voraussetzung entzogen wäre. Auf dem Fragebogen müsste man dann bei "ethnische Zugehörigkeit" nur noch "Mensch" ankreuzen.

Am weitesten ist dieses Experiment der Menschwerdung derzeit in den verhältnismäßig wohlhabenden, liberal-demokratischen Immigranten-Gesellschaften der anglophonen Welt vorangeschritten: in Australien, Kanada, den Vereinigten Staaten und in Großbritannien.

Es sieht so einfach aus - man nehme einen Mann und eine Frau und mische -, aber die kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen, denen diese jungen Baukasten-Kalifornier ihre Entstehung verdanken, sind komplex, heikel und anspruchsvoll. Sogar hier, in einem privilegierten, reichen und offenen Land, wurden diese Voraussetzungen erst kürzlich und unter Mühen geschaffen - und sie sind umstritten.

"Amerika ist Gottes großer Schmelztiegel", schrieb der russisch-jüdische Theaterautor Israel Zangwill im Jahre 1908. Aber es waren eben ausschließlich die Völker Europas, die er miteinander verschmelzen sah. Wie der Oxforder Historiker Desmond King in seinem Buch "Making Americans" nachweist, setzte das Einwanderungsgesetz von 1924 Quoten fest, welche die Vorherrschaft weißer europäischer Immigranten weiterhin sichern sollte. Erst seit diese Richtlinie 1965 zurückgenommen wurde, sind die Millionen neuer Amerikaner aus Asien, Afrika und Lateinamerika ins Land gekommen. Als Richard Nixon 1969 Präsident wurde, lebten nur rund neun Millionen Menschen in Amerika, die im Ausland geboren worden waren. Heute sind es mindestens 30 Millionen.

Grob geschätzt ist heute jeder vierte Kalifornier außerhalb der USA geboren. Und sie kommen von überall her. Wenn man sich ansieht, wer hier an den Kassen der Supermärkte sitzt, dann scheint man Vertreter aller Völker der Welt entdecken zu können. Und sie alle sagen: "Einen angenehmen Tag noch."

Hinzu kommt, dass Afro-Amerikaner erst seit den sechziger Jahren nicht mehr routinemäßig diskriminiert werden, wie es bis dahin in vielen Staaten und Städten der USA der Fall war. Als ich kürzlich ein Konzert des Jazzpianisten Harold Maburn besuchte, wurde mir plötzlich klar, dass dieser glänzende und enorm würdevolle Musiker während seiner Jugend in Memphis von vielen seiner Mitbürger als "minderwertiger Mensch" angesehen worden sein muss. Und Condoleeza Rice, immerhin ist sie die erste schwarze Sicherheitsberaterin in der Geschichte der Vereinigten Staaten, erzählte jüngst im Kreise schwarzer Journalisten davon, wie eine ihrer Kindheitsfreundinnen, Denise McNair, in dem berüchtigten rassistischen Bombenanschlag von 1963 in Birmingham, Alabama, getötet wurde.

Das, was man den "Großen Mix" nennen könnte, ist ein Produkt der vergangenen vierzig Jahre. Rasse ist nach wie vor die Quelle der größten Spannungen in den USA. Bis Arnold Schwarzenegger - selbst ein Immigrant in erster Generation - bekannt gab, er wolle in Kalifornien für den Gouverneursposten kandidieren, war die Topstory im hiesigen Fernsehen (ab und zu unterbrochen von Nachrichten aus dem Irak) die Vergewaltigungsklage einer weißen Frau gegen den Basketball-Star Kobe Bryant.

Laut einer Umfrage des Senders CNN glaubten 68 Prozent der befragten schwarzen Amerikaner, die Beschuldigungen seien falsch, nur 50 Prozent der Weißen waren dieser Meinung; 68 Prozent der Schwarzen sagten, sie hätten "Mitgefühl" mit Bryant, bei den Weißen waren es nur 40 Prozent. Eine rassistische weiße Vereinigung verteilte in der Stadt, in der der Prozess stattfinden sollte, Flugblätter gegen Bryant. Die Überschrift der Flugblätter lautete: "Don't have sex with blacks."

Der rechtsgerichtete amerikanische Nationalist Pat Buchanan hat kürzlich sogar Oswald Spengler übertrumpft, Autor von "Der Untergang des Abendlandes". Buchanan veröffentlichte ein Buch mit dem Titel "Der Tod des Westens: Wie das Aussterben der Bevölkerung und die Immigranten-Invasionen unser Land und unsere Zivilisation gefährden". Immigranten-Invasionen! Indem er einige der oben erwähnten Zahlen anführt, ruft Buchanan aus: "Wenn die Amerikaner ihre Zivilisation und Kultur bewahren wollen, müssen die amerikanischen Frauen mehr Kinder kriegen." Also, ihr Töchter der amerikanischen Revolution, legt euch hin und denkt an Amerika!

Als Alternative könnte man darauf hoffen, dass das Prinzip Californication funktioniert: dass große Gruppen von Menschen mit unterschiedlichster ethnischer, religiöser und kultureller Herkunft sich tatsächlich vermischen und zugleich eine gemeinsame bürgerliche Kultur bewahren können, damit Amerika als freie, demokratische und selbstbewusste Nation fortbestehen kann. Niemand hat das je geschafft, nicht in Amerika, nicht in Australien, nicht in Kanada, ganz zu schweigen von irgendeinem europäischen Land. In Zangwills Schmelztiegel "verschmolzen" die Völker und "formierten sich neu", weil die ankommenden, größtenteils europäischen Immigranten sich an die starke und anziehende anglophone Kultur anpassten. Wie ein scharfsinniger Kolumnist einmal bemerkte, gab es nicht nur WASPs, also weiße angelsächsische Protestanten, sondern auch KASPs (katholische angelsächsische Protestanten), JASPs (jüdische angelsächsische Protestanten) und SASPs (schwarze angelsächsische Protestanten). Das funktioniert nicht mehr. Die Zahl der Zuwanderer ist zu hoch, sie sind zu verschiedenartig - und das WASP-Rollenmodell ist zu umstritten.

Vor einigen Tagen kam ich in das Foyer des Stanforder Studentenverbandes, wo sich gerade eine Gruppe auflöste, die sich hier zum islamischen Gebet eingefunden hatte. Die jungen Frauen trugen alle Kopftücher. Aber wenn man sich lediglich eine Aufnahme der Gespräche angehört hätte, die sie nach dem Treffen miteinander führten, hätte man sie weder am Akzent, noch an ihrem Vokabular oder Tonfall ("Ok guys. . . like, whatever") von irgendwelchen anderen amerikanischen Studenten unterscheiden können. Wenn es eine Gesellschaft auf dieser Welt gibt, der es noch immer gelingt, eine Art Einheit aus einer solchen Vielfalt zu schmieden - epluribus unum steht auf der Dollarmünze - dann ist es Amerika.

Wer, außer den Amerikanern selbst, würde am meisten von ihrem Erfolg profitieren? Die Europäer sind es. Man muss sich nur eine demographische Karte der Welt ansehen und man wird feststellen, dass ein Kontinent mehr als alle anderen entweder einen massiven Baby-Boom braucht oder einen massiven Einwanderungsschub, um seine überalternde Bevölkerung zu stützen - Europa. Ein Großteil dieser Immigranten wird wahrscheinlich aus der moslemischen Welt kommen. Theoretisch sollte es Türken, Marokkanern, Algeriern und Pakistanis in Europa leichter fallen, sich heimisch zu fühlen, als in Amerika. Denn Europa ist nur ein lose zusammenhängender, vielfältiger Kontinent, keine einzelne Nation. In Wirklichkeit verhält es sich anders herum. Wir sollten von den Amerikanern lernen. Was Europa braucht, ist mehr Californication.