7. Erotikfachmesse "Venus":Sex, wo bleibt dein Stachel?

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In Berlin tagte zum siebten Mal die Erotikfachmesse Venus. Ein selbstloser Rundgang durch die Dildo bestückten Messehallen voller Schautafeln für exotische Hautkrankheiten, die aber keine Schautafeln für exotische Hautkrankheiten sind.

STEPHAN MAUS

Der Funkturm auf dem Berliner Messegelände schickt Gedankenwellen in Richtung Pariser Eiffelturm. Der große Bruder ist weit weg, doch Berlin will auch mal sündig sein. Vier Tage lang. Am Rande der Stadt, zwischen Autobahndreieck, Lärmschutzmauern und Zentralem Omnibusbahnhof ballt sich der Sex. Hier tagte zum siebten Mal die Venus, Deutschlands größte Erotikfachmesse. O Schaumgeborene, wer hat dich im Speckgürtel stranden lassen? O Aphrodite, denk an deinen Messeausweis.

(Foto: N/A)

Die Messe liegt inmitten von breiten Verkehrsadern und kann sicheren Fußes nur durch eine Fußgängerunterführung erreicht werden. Die Unterführung stammt aus den siebziger Jahren, jener Zeit, in der die Pornographie den Durchbruch in die Öffentlichkeit schaffte. Die Passage ist in Orange gefliest und wird beleuchtet von Lampen in Kleeblattform. Wer zur Venus möchte, muss diesen Transitraum durchqueren und wird von ihm gezeichnet: Neon, Fliesen, Orange, Kleeblatt. Und auch die vermarktete Erotik ist von der Ästhetik ihrer Geburtsstunde gezeichnet. Die moderne Venus wurde in einer Fußgängerunterführung geboren, in einem schrill gefliesten, neonbeleuchteten Kreissaal, über den die Autos donnern, in den Rolltreppen führen wie in ein Kaufhaus, und wo künstliche Sonnen aus dem Zentrum von Glückskleeblättern strahlen.

Im ersten Moment der Porno-Schock: Diese Frau dort wird doch nicht wirklich in aller Öffentlichkeit . . . in einer kathedralenhohen Messehalle mit dem Sex-Appeal eines Übungsareals für Gabelstaplerfahrschüler . . . vor Hunderten von atemlos filmenden Messebesuchern, die zu 80 Prozent so aussehen, als stünde am Ende ihres Trainingsplans das Gouverneursamt von Kalifornien . . . Doch, sie wird. Und dabei wird sie zehn Minuten lang gucken wie zur Zahnspangenanprobe, um dann mit leicht geröteten Knien wieder aufzustehen und auf dem Boden zwei fettglänzende Flecken in Form ihrer Brüste zu hinterlassen, die sie mit Massageöl eingecremt hat; - zwei fettige Flecken und einen abgebrochenen, künstlichen Fingernagel.

Inmitten von erotischen Bügelbrettbezügen, Treib's-trotzdem-Tampons, Taschenmuschis mit Orgasmusgarantie, synthetischen Liebespartnern in Nixenform (bewegliche Augen, Pinkeloption), singenden Penissen und Gummibäumen, die überall aus Hydrokulturkübeln erigieren wie ein Metaphernwald - sind sie aus Dildorestmaterial, werden von ihnen Brustimplantate abgeerntet? - wird man Zeuge der wundersamen Metamorphose von Obsessionen in Nischenmärkte. Sogar für Brillenpornos ist Platz in Gottes sündiger Welt. Manche Nischenmärkte produzieren Tableaus, von denen die Surrealisten nicht zu träumen gewagt hätten. Eine japanische Filmproduktion lässt eine nackte Taucherin in den unauslotbaren Tiefen des offenen Meeres defäkieren und spürt mit einer Unterwasserkamera verträumt dem schwebenden Tanz der Sauerstoffbläschen um die aufsteigenden Fäkalien nach. O Japan, fernes Inselreich. Das stumme Staunen der Zuschauer unterscheidet sich in nichts von dem der Fische. Doch ungerührt kneten meditative Vertriebschefs handtaschengroße XXL-Jelly-Multispeed-Vibratoren mit Genussring, linksdrehendem Clit-Teaser und rechtsdrehendem G-Punkt-Stimulator und verhandeln über Mengenrabatte und Aktionspakete.

Den Pornostars wird ein heiliger Respekt entgegengebracht, wie man ihn in archaischen Zeiten den Sibyllen zollte. Die hinten abgesaugten und vorne drall gespritzten Frauen werden wie wissende Abgesandte aus einem fremden Reich behandelt, in dem alles möglich ist, in dem noch die abwegigste Obsession auf Verständnis stößt. Sie sind Vestalinnen der Transgression, die ihre monumentalen Plattform-High-Heels tragen wie antike Kothurne. Noch der vorlauteste Ballungsraumfernsehmoderator lauscht in andächtiger Sammlung den Starlets. Im Bann der Pornoaura gibt es keinen Spott für künstliche Brüste, für Silikonlippen und Blondhaarperücken. Das alles sind respektierte Insignien eines Kults, der in einem unerreichbaren Wunschraum zelebriert wird, in einem Ganzwoanders, in Pornotopia: Vor der Kamera!

Ein Pornoaddict aus Hannover ist mit einem lebensgroßen Pappaufsteller seiner Lieblingsdarstellerin nach Berlin gereist, um die Ikone signieren zu lassen. Der Mann ist gekleidet, als hätte er noch vor seiner Abreise den Rot-Kreuz-Container geplündert, aber das spielt keine Rolle. Jeder Fan wird als Kunde betrachtet, bekommt einen Kuss, ein Lächeln und sein Foto mit dem Star im Arm. Das gehört zum Geschäft, und das läuft trotz Krise scheinbar gut. Denn seit je ist das Pornogeschäft die hohe Schule des Kostenabbaus. Die Maxime: Wir können nur billig, aber da steht Ihr doch drauf.

Durch diesen Rationalisierungsfuror ist der Pornofilm ein Reservoir für überlebten Trash. In ihm konservieren sich die verblassten Tapetenmuster der 70er, die Bettdeckenkollektionen der 80er und namenloser Dosentechno. Die Musik in den Filmen und an den Ständen ist gemafreie Muzak für den Fahrstuhl zur Hölle. Das Erotikgeschäft, seine Manager und Stars sind ein unerschöpflicher Fundus von Billigästhetik. Das macht krisenresistent. Molly Luft, dickste Hure von Berlin und Puffmutter, begegnet der ökonomischen Krise mit grell geschminkter Gelassenheit. Die Rezession berühre sie überhaupt nicht, sie sei schon seit Jahren so billig, dass gerade jetzt ihre Stunde komme: "Wir sind der Aldi-Puff."

Nicht der Markt ist der Feind, sondern der eigene Körper. So haben viele Schönheitschirurgen ihren Stand hier aufgebaut. Ausschließlich aus Polen, der billige Osten ist ein wichtiger Pornozulieferer. Ist der Körper nicht mehr frisch genug, gilt es für die Stars, den Absprung zu schaffen. In die abseits gelegene Halle 21 b hat das Schicksal all jene hingeschwemmt, die den würdigen Ausstieg nicht geschafft haben. Hier torkelt mir eine proseccoselige Mittvierzigerin in G-String, High-Heels und mit Glitter auf dem nackten Körper in die Arme und lädt mich in ihren Swinger-Club. Schnupperangebot: "Erste Mal umsonst, Freigetränk, Shuttlebus direkt hier vom Messegelände. Man sieht sich." Auf jeden Fall. Mit dem Shuttle-Bus von Sodom nach Gomorra.

Überhaupt, die Halle 21 b. Hier spielt die Branche am Abend Hollywood und verleiht ihre Porno-Oscars, die Goldene Venus. Allerdings gibt es ungefähr zehn mal so viele Preise zu verleihen wie in Hollywood. Einer ist für das beste Videokassettencover, was verblüfft, da alle Hüllen schon aus einem Meter Entfernung aussehen wie medizinische Schautafeln für exotische Hautkrankheiten.

Der erotischste Moment dieser Fachmesse? Am Ende eines langen Tages, nachdem die meisten Besucher die Ausstellungshallen schon verlassen haben, setzt sich das aufsteigende Sternchen am Pornohimmel Julia Taylor auf ein stapelbares Messesitzmöbel zu ihrer Kollegin, die freundlich Julias müde Füße nimmt und sie ausgiebig massiert. Keine Dildospiele aus dem Balkan, keine fernöstlichen Fesselrituale, nur eine Fußmassage. Doch selbst dieses Bild freundschaftlicher Zärtlichkeit ist kein wirksames Gegengift gegen die krude Bilderflut der vermarkteten Sinnlichkeit. Nach zwölf Recherchestunden im Land der Gummibäume, der künstlichen Fingernägel und der dickflüssigen Cum Shots sehnt man sich weder nach ausschweifendem Oralverkehr im Stehen, noch nach zügellosem Missionarsverkehr im Liegen, sondern nach lebenslanger Enthaltsamkeit. Zwei Tage nach Eröffnung der internationalen Fachmesse für Erotik gibt der Dalai Lama eine Audienz in der Humboldt Universität. Vielleicht castet er bei dieser Gelegenheit auch neue Mönche.

© SZ v. 20.10.2003 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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