Umfragen Besinnungslos im Trend

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Meinungsumfragen kurz vor der Wahl veröffentlichen? Geht gar nicht, meint ein Leser. Andere Leser fordern von den Umfrageinstituten mehr Transparenz.

"Die Stimmungsmacher" vom 20./21. Oktober:

Wenn die Umfragewerte einer Partei noch am Ende eines Wahlkampfes nahezu stündlich steigen oder sinken, ist kaum davon auszugehen, dass derart viele Wähler so lange um ihre Entscheidung ringen. Vielmehr setzt genau das ein, was ZDF und Forschungsgruppe Wahlen bis zum Wahltag mit ihren permanenten Umfragen befeuern und auch noch zugeben: die Manipulation der Wähler. Die Begründung des ZDF für Befragung bis zur Wahlurne, die Wähler entschieden sich immer später und sollten dies nicht "auf der Grundlage veralteter Werte tun", ist so verräterisch wie zynisch und heißt nichts anderes, als dass die manipulierbaren Wähler sich besinnungslos nach Art der Fliegenschwärme dem veröffentlichten Trend anschließen. Damit sinkt der Wert freier Wahlen, Grundbedingung jeder Demokratie. Wahlumfragen sollten mindestens 14 Tage vor einer Wahl verboten sein.

Annette Knote, München

Ab jetzt wird geschwiegen

Es ist fast schon heuchlerisch, wenn Moderator/innen ganz unschuldig bei der Vorstellung der Zahlen behaupten, das alles sei ja nur eine Momentaufnahme, mehr nicht. Diese aber sind massenhaft präsent, wirken unvermeidlich objektiv, haben es in sich. Sie bestimmen und verstärken den Trend und sind zum Schluss das, was zu großen Deutungen und Kommentaren Anlass gibt: Die Grünen sind nicht aufzuhalten, die SPD auf historischen Tiefstand, die CDU schlechter denn je, die AfD mit einer abenteuerlichen Erfolgsgeschichte. Und der Zuschauer oder Zuhörer orientiert sich daran, was denn sonst? Er will natürlich nicht zu den Verlierern gehören. All das ist nicht neu, nur vor den Wahlen ist alles immer wieder vergessen. Wäre es denn nicht möglich, sich darüber zu verständigen, dass die Medien nicht die Unschuldslämmer sind? Natürlich sind sie nicht an allem schuld. Aber was sie liefern, ist mehr als das unschuldige Material zu einer bewussten Meinungsbildung. Sie beeinflussen erheblich die öffentliche Stimmung. Mögen Politbarometer unterhaltsam und spannend sein, eine gewisse Zeit vor den jeweiligen Wahltagen müssten sie schweigen.

Dr. Wolf-Rüdiger Schmidt, Wiesbaden

Auf Intransparenz hinweisen

Wir halten es für ein fragwürdiges demokratisches Verhalten der Umfrageinstitute, wenn einer der wichtigsten Punkte für das Gesamtergebnis einer Befragung wie die Gewichtung der Antworten als Betriebsgeheimnis bezeichnet und damit der Öffentlichkeit vorenthalten wird. Es käme sicher niemand auf die Idee, unser Wahlsystem dahingehend zu ändern, die dazugehörigen Wahlverfahren als Staatsgeheimnisse zu kennzeichnen. Was spricht dagegen, wenn Medien bei der Veröffentlichung von Wahlprognosen künftig darauf hinweisen, dass die Verfahren hierzu nicht hinreichend transparent und nachvollziehbar sind, weil sie als Betriebsgeheimnisse geführt werden?

Ludwig und Jana Degenhart, München