Nationalismus Mit Passivität kommt man ihm nicht bei

Was tun gegen die nationalistischen Bestrebungen in vielen Ländern, auch in Europa? Ein Leser hofft auf aktive Gegenwehr. Ein anderer sieht die USA als Hauptproblem - und das nicht erst seit Trump.

"Die neue Weltformel" vom 31. Dezember/1. Januar:

Hart erkämpfte Verbundenheit

Stefan Kornelius ist sehr zu danken, dass er in oben genanntem Leitartikel auf eine Gefahr hinweist, die für 2019 nichts Gutes für Europa und seine Demokratien erwarten lässt. Auslöser für seine treffende Zustandsanalyse ist offenbar das Buch eines bisher wenig bekannten israelischen Philosophen und Politikwissenschaftlers mit dem Titel "Der Wert des Nationalismus". Hier schürt ein Intellektueller das Feuer des Nationalismus, was einigen führenden Politikern in Europa und insbesondere Donald Trump sicher sehr gelegen kommt.

Erstaunlich, wie weit wir nach den Katastrophen der beiden Weltkriege bis heute gekommen sind, die doch in mühsamen Jahrzehnten eine neue Gemeinsamkeit der Nationen, sprich EU entstehen ließen. Doch wo stehen wir mittlerweile? Die Union zeigt Zerfallserscheinungen, und die seltsame Passivität, mit der man diesen Prozess betrachtet, ist bestürzend. Zu Recht stellt der Autor deshalb die Frage nach einem "Anti-Trump" in der europäischen Politik. Die hart erkämpfte europäische Verbundenheit und Solidarität soll offenbar wieder der Aufwertung von Nationalstaaten geopfert werden und die Errungenschaften der europäischen Gemeinschaft infrage stellen. Es ist in der Tat an der Zeit, dass unsere Europapolitiker wach werden.

Hansjörg Decker, Bernau

Naivität gegenüber den USA

Über Donald Trump kann man sich in der Tat fürchterlich erregen. Wie schlimm muss es um ein Land bestellt sein, das sich einen solchen Präsidenten erwählt? Wer in den letzten Jahrzehnten mit offenen Augen die USA bereist hat, die marode Infrastruktur und zerfallende Städte gesehen hat, den konnte nur verwundern, dass die Menschen das alles mit sich geschehen lassen. Wer Zeitzeuge des Vietnamkriegs war, die Schandtaten der Yankees in Süd- und Mittelamerika nicht vergessen hat und seit 2001 die völkerrechtswidrigen Kriege im Irak, in Afghanistan, Libyen und Syrien beobachtet hat, dem fallen Begriffe wie "Werte", "Weltpolizist" oder "Verantwortung übernehmen" in Zusammenhang mit den USA mit Sicherheit nicht ein.

Mich verwundert seit vielen Jahren die Naivität, mit der die transatlantische Verbundenheit, das gemeinsame Wertesystem und das gemeinsame Sicherheitssystem besungen und beschworen wird. Für andere Völker bedeutet diese angebliche Verbundenheit Bombenhagel, Millionen von Toten und Flüchtlingen, zerstörte Städte und Aussichtslosigkeit. Diese Aussichtslosigkeit für junge Menschen schafft den Terror, den das gemeinsame Sicherheitssystem zu bekämpfen vorgibt. Nichts, aber auch gar nichts ist besser geworden durch die Kriege in Nahost und Afghanistan. Das wissen viele Wähler, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, in Großbritannien, Frankreich oder Österreich. Wer schädlichen Nationalismus bekämpfen will, sollte Kriege beenden, die Soldaten nach Hause holen, der Ungleichheit im jeweils eigenen Land zu Leibe rücken und den Mut aufbringen, die großen Konzerne zur Finanzierung der Infrastruktur mit heranzuziehen.

Es wäre schon viel gewonnen, den Weg friedlicher Zusammenarbeit in Europa weiterzuführen und mit den Nachbarn darüber hinaus neu zu suchen, ohne sie zu sanktionieren oder diplomatisch in die Ecke zu stellen. Hier waren wir um 1990 schon mal sehr viel weiter. Es bedarf multilateraler Vertragswerke, gemeinsamer Projekte und der strikten Absage an die Einmischung in die Angelegenheiten anderer Länder - auch wenn es oft schwerfällt. Denn erst das macht die Nationalisten groß, die man mit Europa in Schach halten will.

Uwe Harden, Drage

Trump - ein ernster Fall

Seit mehr als zwei Jahren ergeht sich die intellektuell ambitionierte Presse in empörten Berichten und "Analysen" über den politisch, intellektuell und moralisch untauglichen, unbelehrbaren, erratisch agierenden, egomanen Narzissten im Weißen Haus - mit der Folge, dass US-Präsident Donald Trump über lange Zeit nicht wirklich ernst genommen wurde.

Mit Stefan Kornelius' Leitartikel "Die neue Weltformel" ändert sich das nun vielleicht. Allmählich wird klar, dass die Weltgemeinschaft mit Trump nur fertigwerden kann, wenn sie ihn ernst nimmt und sich auf ihn einlässt. Die traditionellen politischen und intellektuellen Eliten können mit den neuen nationalistischen Positionen und Strömungen bisher nicht kompetent umgehen - und diese Hilflosigkeit ist vielleicht gefährlicher als die Persönlichkeit Trump.

Univ.-Prof. Dr. Ulrich Trottenberg, Köln