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Hirntod:Komplexe Diagnostik

Der Augsburger Neurologe Peter Ratzka, der mehrmals an der Hirntoddiagnostik beteiligt war, widerspricht in einem ausführlichen Leserbrief Professor Claudia Wiesemann, die die Diagnostik in einer Außenansicht als unzureichend kritisiert hatte.

"Bei lebendigem Leib" vom 5. Juni:

Ohne mich in Einzelheiten verlieren zu wollen, möchte ich weiten Teilen der "Außenansicht" von Frau Prof. Dr. Claudia Wiesemann (Professorin für Medizinethik und Mitglied des deutschen Ethikrates) widersprechen. Als Neurologe war ich mehrmals an der Hirntoddiagnostik beteiligt und hatte niemals die Vorstellung, dass es sich hierbei um eine einfache Prozedur handelt, die man so nebenbei abhandeln kann.

Um die Qualität der Diagnostik sicherzustellen, werden durch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) qualifizierte Teams aus erfahrenen Ärzten gebildet, die eine solche komplexe Diagnostik in Kliniken durchführen können, welche diese Expertise nicht vorhalten. Die Diagnose Hirntod ist entgegen der Ansicht der Autorin das Ergebnis direkter ärztlicher Beobachtungen und Untersuchungen zweier unabhängiger Mediziner, die bezüglich Qualifikation und Durchführung die dezidierten Vorgaben der Deutschen Ärztekammer erfüllen müssen. Die jeweils erhobenen klinischen Befunde (zum Beispiel der Ausfall der Hirnstammreflexe) stehen jedoch nicht als alleinig entscheidende Indizien im Raum, sondern liefern erst im Kontext mit der Krankengeschichte, der Art der Hirnschädigung, den aktuellen Laborbefunden, den Vitalparametern und der apparativen Zusatzdiagnostik die Informationen, die letztlich die Diagnose des Hirntods erlauben.

Es obliegt dabei natürlich der Sorgfaltspflicht jedes Mediziners, Fehleinschätzungen zu verhindern, so muss zum Beispiel eine Überdosierung eines Narkosemedikamentes oder eine Vergiftung erkannt, das heißt eine Intoxikation ausgeschlossen werden. Dies erfolgt angepasst an die jeweilige Situation durch Screeningverfahren oder etwa Blutspiegelbestimmung von sedierenden Medikamenten, gerade auch bei Patienten mit Leber- und Nierenleiden.

Die Autorin behauptet, dass fast alle Techniken, die im Rahmen der Zusatzdiagnostik verwendet werden, nur den momentanen Ausfall der Hirnfunktionen zeigen. Die unter anderem bei der Hirntoddiagnostik verwendete Ultraschalluntersuchung der hirnversorgenden Gefäße ist jedoch in der Lage, den Stopp des Blutflusses in das Gehirn nachzuweisen, welches eine irreversible Schädigung des Gehirns zeigt. Auch die Kontrastdarstellung der Hirngefäße mit der CT-Angiografie kann hier einen Beitrag leisten, wobei sich die durch Welschehold et al. (Deutsches Ärzteblatt, 2012) gezeigten Unterschiede der Validität der Untersuchungen bezüglich der Bestätigung des Hirntods unterscheiden.

Diese Ergebnisse werden entgegen der Behauptung der Autorin in der Fachwelt offen diskutiert, was alleine schon die Veröffentlichung der Studie im Deutschen Ärzteblatt zeigt. Auch die Qualifikation der an der Hirntoddiagnostik beteiligten Mediziner war und ist ein Punkt kontroverser Diskussionen. Dies hat zu einer Überarbeitung und Verschärfung der Richtlinien zur Feststellung des Hirntods geführt, die erst kürzlich vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer dem Gesundheitsministerium zur Genehmigung vorgelegt wurde. Beachtenswert ist, dass Frau Wiesemann nicht auf diese Überarbeitung und die Diskussion hierüber eingegangen ist. Dr. med. Peter Ratzka, Facharzt für Neurologie, Augsburg

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

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© SZ vom 18.06.2015
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