Fake Science Wissenschaft auf Abwegen

Unter dem Deckmantel der Forschung verbreiten Raubverlage jede Menge interessengeleiteten Unsinn. Mit diesem Thema setzen sich auch die Leser auseinander. Einer hält den medialen Aufschrei für übertrieben.

SZ-Zeichnung: Till Großmann

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"Im Netz der Raubverleger" vom 20. Juli, "Die Welt des Pseudo" vom 31. Juli sowie weitere Artikel zum Thema Fake Science:

Steile Thesen

In Ihren drei Artikeln über sogenannte Raubverlage in der Wissenschaft finden sich Aussagen wie: "Professoren vieler deutscher Universitäten erscheinen auf zweifelhaften Veranstaltungen und veröffentlichen bei Raubverlagen - und verschwenden damit Steuergelder, die eigentlich in Spitzenforschung fließen sollten." "Die gesamte deutsche Wissenschaft sollte die Kollision mit den Raubverlagen daran erinnern, dass Geschwindigkeit oft genug auf Kosten von Gewissenhaftigkeit geht." "Haufenweise Pseudowissenschaft wirkt plötzlich ebenbürtig." "Die Datenauswertungen der SZ offenbaren: Die Schattenwissenschaft ist im Zentrum der Elite-Forschung angekommen."

Es ist bedauerlich, dass empirische Belege für diese starken Thesen fehlen. Nur am Rande sei bemerkt, dass ein solches Vorgehen den "Regeln guter wissenschaftlicher Praxis" widerspricht, wie sie die meisten deutschen Universitäten in verbindlichen Richtlinien und Satzungen formuliert haben. Mit dem im Wirtschaftsteil porträtierten Professor für Produktionssystematik führen Sie lediglich einen Einzelfall an, der im Wissenschaftsbetrieb wohl eher eine Randerscheinung ist. Denn in der Scientific Community gibt es eine große Übereinstimmung darüber, welche Zeitschriften, Verlage und Veranstaltungen akademisch anerkannt sind.

Wenngleich einzelne Wissenschaftler/innen in seltenen Fällen zu unlauteren, inakzeptablen Praktiken greifen, um ihre Karrieren zu befördern, so ist die grobe und reißerische Verallgemeinerung, wie sie in Ihren Artikeln erfolgt, nicht zielführend. Es wäre schön, wenn Sie erstens Nachweise für Ihre Thesen anführten und zweitens die Gründe für dieses pauschale "Science-Bashing" offenbarten.

Prof. Dr. Claudia Benthien, Hamburg

Größte Vorsicht

Vielen Dank für Ihre verdienstvolle Arbeit, die Raubjournale und -Verlage unter den wissenschaftlichen oder den Sich-so-Gebenden zu entschleiern. Wie Sie sagen, ruinieren diese die Wissenschaft. Die Betrugshäuser zu erkennen und zu vermeiden gelingt offenbar selbst erfahrenen WissenschaftlerInnen nicht immer, denn einige dieser Betrüger entwickeln viel kriminelle Energie, ihre wahre Identität zu verschleiern. Dabei ist es meines Erachtens ganz leicht, sie zu erkennen, mit Ausnahme vielleicht eines Graubereichs. Wer als Wissenschaftler nur in seriösen, anerkannten Journalen veröffentlichen will, muss nur einige Punkte beachten, dann kann er kaum hereinfallen.

Werde ich per E-Mail als Zoologe um Artikel auf dem Gebiet der Otolaryngologie, oder gleich eines ganz und gar beliebigen Gebietes aus sämtlichen Feldern der Naturwissenschaften oder der Medizin gebeten, vielleicht noch verbunden mit Anschleimen, wie bedeutend mein Artikel sei, ist der Fall klar. Oder hat die E-Mail-Adresse nach .edu noch einen Zusatz wie .org oder .com, ebenfalls. Ist das Englisch fehlerhaft, sowieso. Handelt es sich um eine reine Online-Zeitschrift ohne Basis einer anerkannten wissenschaftlichen Fachgesellschaft, ist größte Vorsicht geboten. Trägt die "Zeitschrift" ein "Global" oder "International" im Titel, ebenso. Da das Problem der Raubjournale und -Verlage ein internationales ist, ist es sehr schwer zu fassen, und jeder Wissenschaftler muss selber aufpassen, dass seine wertvolle Arbeit nicht auf einem Haufen Müll landet.

Die Wissenschaftsorganisationen müssten Abstand nehmen von ihrem Drängen, Wissenschaftler sollten unbedingt in Open-Access (= online in aller Regel) veröffentlichen: Dort ist die Gefahr des sowohl wissenschaftlichen wie finanziellen Total-Verlusts am größten. Die traditionellen Qualitäts-Verlage, die noch drucken, verlangen kein Geld vom Autor, nur dann, wenn der Artikel zusätzlich auch im Open Access erscheinen soll. Diese Art des Open Access parallel zur gedruckten Zeitschrift muss der Wissenschaftler allerdings aus eigener Tasche bezahlen.

Prof. Dr. Bernd Kramer, Regensburg

Raffinierter Betrug

Die Debatte über Raubverlage und "Fake Science" ist lediglich der vorläufige Höhepunkt einer fundamentalen Fehlentwicklung im universitären Bereich und in dessen wissenschaftlichem Umfeld. Seit vor etwa 25 Jahren die Universität dem rein marktwirtschaftlich verstandenen Wettbe-werbsgedanken unterworfen und wissenschaftliche Effizienz ausschließlich über die Höhe der eingeworbenen Drittmittel definiert wurde, seit der (krisen-)fest angestellte "akademische Rat" durch die Schleudersitz-Jobs von "Lehrbeauftragten" und "Juniorprofessuren" abgelöst worden ist, wandelt sich der intellektuelle Wettstreit der klügsten Köpfe zu einer kreativen Innovationsoffensive des raffiniertesten Betrugs. Bis zu 40 Prozent des Lehrdeputats (das ist zwischen einzelnen Universitäten und zwischen einzelnen Fachbereichen oft sehr unterschiedlich) wird an manchen Universitäten aus rein haushaltstechnischen Überlegungen entweder von unbezahlten Wissenschaftlern bestritten, die zwar habilitiert, aber noch ohne "Ruf", das heißt ohne eigenen Lehrstuhl sind, die aber unterrichten müssen, um die "venia legendi", also die Lehrbefugnis nicht zu verlieren. Lehrbeauftragte werden zwar - nicht selten unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns - pro Unterrichtsstunde bezahlt, erhalten aber keinerlei Vergütung für Vor- und Nachbereitung, für Korrek- turen, Fahrt- und Übernachtungskosten und müssen die Sozialversicherungen zu 100 Prozent selber tragen.

Dr. Marie-Luise Bernreuther, Tauche

Ranking nach Qualität

Am Ende seines - gemessen an der allgemeinen Empörungswelle, die nun übers Land schwappt - moderaten Beitrags schlägt Patrick Illinger vor: "Abhilfe schaffen würde eine Art digitales Qualitätssiegel für Qualitätsjournale ...". Gute Idee, nur: Das gibt es schon längst. Zwar "lediglich" analog, aber seit vielen Jahren bewährt. In den Disziplinen, in denen ich publiziert habe (BWL, insbesondere Marketing und Psychologie, insbesondere Sozialpsychologie) und in anderen empirischen Wissenschaften auch (beispielsweise VWL) sind die nach Meinung aller Fachkollegen besten Fachzeitschriften entsprechend ihres jeweiligen Qualitäts- beziehungsweise Anspruchsniveaus "gerankt", das heißt in eine Rangfolge gebracht und mit einem Qualitätssiegel versehen: angefangen bei A+, A, B, C und D bis hin zu E. Und Wissenschaftler selbst sind eben nicht (!) gehalten, möglichst viel, sondern möglichst hochwertig zu publizieren.

100 E-Publikationen wiegen eine A-Publikation nicht im Entferntesten auf! Auch 1000 nicht. Wertvoll in dem Sinne, dass sie bei Berufungen, Vergabe von Forschungsgeldern oder Leistungszulagen berücksichtigt werden, sind im Regelfall nur A+- und A-Publikationen, mit großen Abstrichen bisweilen auch B-Publikationen. D und E geben Fleißzettelchen und zumeist auch C-Publikationen. Alle nicht gerankten Publikationen sind für die Katz und vielfach sogar schädlich, weil die Urheber damit zu erkennen geben, dass sie ihre Zeit verschwenden, mutmaßlich weil sie sich dem anonymen Urteil von Fachkollegen nicht stellen wollen. Dies gilt natürlich in ganz besonderem Maße für die von Ihnen angesprochenen Fake-Publikationen. Wer sich damit erwischen lässt, setzt seine Karriere aufs Spiel - also keine gute Idee.

Prof. Dr. Stefan Müller, Neustadt

Leicht durchschaubar

Ich bin an einer Hochschule Mathematiker und schreibe als Forschender regelmäßig Veröffentlichungen und besuche Konferenzen. Fast jeden Tag bekomme ich Mails mit Einladungen zu dubiosen Tagungen und mit Angeboten, in Zeitschriften zu veröffentlichen. Alle diese Angebote sind jedoch sehr leicht als Geldmacherei zu durchschauen (sehr allgemein gehaltene Konferenzthemen und Zeitschriftentitel, keine persönliche Anrede in der Mail, ...).

Ich muss mich sehr darüber wundern, dass Kollegen auf so etwas reinfallen sollten. Spätestens, wenn man sieht, welche Gebühren fällig werden, klingeln doch bei jedem vernünftigen Menschen sämtliche Alarmglocken. Ich habe noch nie für eine Publikation Geld bezahlen müssen, und das geht meinen Kollegen fast allen genauso. Ich glaube den Kollegen nicht, wenn sie sagen, sie sind auf solche Angebote hereingefallen und wurden getäuscht. Ich fürchte, da müssen andere Gründe im Spiel gewesen sein.

Stephan Rosebrock, Karlsruhe

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