Digitalisierung an Schulen Auf berufene Lehrer kommt es an

Der Bund gibt viele Milliarden Euro für eine bessere Ausstattung der Schulen mit Internetzubehör aus. Den Bedürfnissen der Lehrer, die den Digitalunterricht halten sollen, werde zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, meinen einige Leser.

Die Computerausstattung ist das eine, die Art des Unterrichts und das Engagement der Lehrer dabei das andere wichtige Element beim Digitalunterricht.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

"Ein digitaler Irrweg" vom 29. Januar und "Macht süchtig" vom 9./10. Februar:

Unterricht mit Freude

Professor Zierer thematisiert zu Recht, dass in der Schule und im Klassengeschehen die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler entscheidend ist. Dieses Beziehungsgeschehen als solches zu erkennen und für die Klassenführung zu nutzen, muss den Studenten vermittelt werden. Das kann anhand von Fallbeispielen, von Hospitationen bei einem erfahrenen Lehrer oder von Nachbesprechungen bei eigenen Unterrichtsversuchen erlernt werden. Durch das Antrainieren von adäquaten Verhaltensmustern mittels Virtual Reality jedoch bleiben Verhaltensweisen schematisch, technokratisch, es geht nur um die Effizienz. In ihrem Einfühlungsvermögen und in ihrer Beziehungsfähigkeit werden die angehenden Lehrer so nicht geschult. Dazu braucht es nämlich ein lebendiges Gegenüber, den Schüler mit seiner ihm eigenen (Lern-)Geschichte, mit seinen individuellen Beziehungsmustern und seinen emotionalen, sozialen und kognitiven Befindlichkeiten. Sich diesem verstehend zu nähern und dann eine für das jeweilige Kind, die jeweilige Situation, die jeweilige Klassengemeinschaft adäquate Haltung und Handlung zu entwickeln, braucht Freude am Menschen und Zuversicht, viel Wissen und kann durch Erfahrung erworben werden. Hier muss die Lehrerausbildung ansetzen. Die Lehrerberatung, wie sie zum Beispiel Alfons Simon in den 50er-Jahren in Bayern entwickelt hat (nachzulesen in seinem Buch "Verstehen und Helfen") ist hier vorbildlich.

Dr. Elke Möller-Nehring, Erlangen

Einzelkämpfer mit Whiteboard

Ich stimme dem Beitrag von Herrn Zierer voll zu, möchte aber noch ein paar Ergänzungen anbringen. Das Training in einer virtuellen Welt wird nie die tägliche Erfahrung im Klassenraum ersetzen können. Der Programmierer entscheidet, wie die virtuellen Figuren reagieren. Und da hört es auch schon auf mit dem Trainingseffekt: Kein Schüler reagiert genau wie ein anderer Schüler. Und oft genug reagiert er auch ganz anders, als von ihm gewohnt. Jeder Schüler kommt mit immer wieder unterschiedlichen äußeren Einflüssen in den Unterricht, die neben der Persönlichkeit das jeweilige Verhalten determinieren. So etwas lässt sich nicht für eine VR-Simulation programmieren. Und es gibt auch kein allumfassendes Lösungskonzept für Unterrichtsstörungen. Jede einzelne Situation, jede Unterrichtsstunde ist eine neue Herausforderung für einen Lehrer. Und selbst mit größter Erfahrung und sorgfältiger Vorbereitung auf eine Unterrichtsstunde geht manchmal etwas schief. Deswegen ist die im Text beschriebene emotionale und soziale Intelligenz so wichtig und durch keinen noch so tollen Medieneinsatz zu ersetzen. Aber gerade in diesem Bereich fehlt die Unterstützung von Seiten der Schulbehörden. Da wird wieder das sonst viel kritisierte Einzelkämpfertum der Lehrerschaft gefördert: Jeder für sich, aber Hauptsache mit interaktiven Whiteboard.

Ralf Protzel, Bratislava/Slowakei

Menschliche Qualitäten gefragt

Professor Zierer von der Universität Augsburg sei Dank für die überfällige Aufdeckung des Irrglaubens, dass durch Digitalisierung der Unterricht automatisch besser würde. Erfahrene Lehrkräfte hätten das auch ohne eine solche Untersuchung gewusst. Das kann man nämlich bereits in der berühmten Hattie-Studie nachlesen, die aus anfangs 800 und inzwischen 1400 Einzelstudien mithilfe von mehreren Millionen Lernenden und Lehrenden erstellt wurde. Dabei ergab sich unter anderem, dass ganz alleine von der Lehrkraft fast zwei Drittel der beeinflussbaren Leistungsentwicklung bestimmt werden. Das Handeln von Lehrkräften ist demnach deutlich wirkungsvoller als alle anderen Schuleinflüsse zusammen. Wichtiger als die Schulform, das Unterrichtskonzept, der Gebäudezustand oder das soziale Umfeld ist für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern ihre Lehrkraft mit ihren menschlichen Qualitäten. Die bildungspolitischen Diskussionen um die jeweils herrschenden didaktischen Schwerpunkte vom jahrgangsübergreifenden Lernen bis zur Gruppenarbeit, von G 8 oder G 9, von Montessori- bis Waldorfpädagogik, von der Ganzwortmethode bis hin zum Frühenglisch in der Grundschule, von Laptop-Klassen etc., das alles lenkt nur von dem eindeutigen Ergebnis ab, das diese und andere Studien ergaben: Es kommt auf die Lehrkraft an, und zwar auf ihre Persönlichkeit und ihren Unterricht.

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Lehrer sein ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung, für die gute Lehrer Begeisterung mitbringen: für ihr Fach, für den Unterricht und für die Kinder. Zünden kann es nur, wenn der Funke von den Lehrenden überspringt. Oder wie es der Essayist und Humanist Michel de Montaigne bereits im 16. Jahrhundert formuliert hat: "Ein Kind unterrichten ist nicht ein Fass füllen, sondern ein Feuer entfachen." Diese Art von Empathie kann kein elektronisches Medium erwecken. Man könnte demzufolge die berühmten fünf Milliarden Euro vom Bund für die Digitalisierung der Schulen deutlich besser anlegen.

Rainer Pippig, Neuried

Gedichte statt Spiele

Der Suchtberater Jürgen Eberle wird in dem Artikel "Macht süchtig" als ein durch und durch vernünftiger Mensch dargestellt - einer, der der Verrohung und Verblödung der Welt entgegenwirkt. Fassungslos macht es mich aber, dass er tatsächlich vorgeschlagen haben soll, in der Schule statt Gedichten Computerspiele zu analysieren. Diesem Vorschlag liegt eine einigermaßen befremdliche Logik zugrunde: Alles, was irgendwie eine konsumierbare Handlung anbietet, wäre demnach auf demselben Niveau angesiedelt und trüge zur Bildung bei. Letztere - nur zur Erinnerung - ist das Kerngeschäft der Schule.

Es ist unbestritten, dass Schulen und Eltern zusammenarbeiten müssen, um die Mechanismen, mit denen der Digitalsog die Menschen instrumentalisiert und entmündigt, für Kinder verständlich zu machen. Das kann aber nur funktionieren, wenn gleichzeitig Werteverständnis und Qualitätsbewusstsein an Gegenständen geschult werden, in denen Werte und Qualität auch eine Rolle spielen. Es ist weder Schüler*innen noch Lehrer*innen zumutbar, sich zur Entwicklung analytischer Fähigkeiten anstelle von Literatur mit Computerspielen zu befassen, also Lernzeit und Energie in das zu investieren, was die Herren des Silicon Valley zur Profitmaximierung in Endlosreihen auswerfen lassen. Dafür ist unsere Lebenszeit zu kostbar.

Brigitte Waltenberger, München

Analoge Kreativität

Der Artikel "Macht süchtig" legt überzeugend dringenden Handlungsbedarf nahe. Fachleute zeigen uns schon lange und überzeugend die Risiken und Gefahren für unsere Gesellschaft auf. Die Verantwortlichen in jedem Elternhaus, jeder Schule, Universität und in jedem Unternehmen müssen endlich dafür Sorge tragen, dass sie sich zumindest das notwendige Wissen aneignen, um den nachfolgenden Generationen die erforderliche Medienkompetenz zu vermitteln - für den gesunden Geist, für Selbstbestimmung und Freiheit, das natürliche Gefühl für die reale Welt, die uns umgibt, die schöne Macht der analogen Kreativität - am Ende für unseren erfolgreichen Fortbestand.

Nina Kaempfe, Berg