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Daniel Kehlmann:Hätte er nur geschwiegen

Dass der prominente Schriftsteller in seiner Corona-Luxusbleibe im amerikanischen Montauk Beamte des Robert-Koch-Instituts herabsetzt, kommt bei etlichen Lesern gar nicht gut an.

Zum Interview "Große Bereitschaft zum Gehorsam" vom 6. Mai:

Ein solche Pandemie wäre geeignet als Lehrstück für Demokratie: Wie geht man als Politiker und als Bürger mit den Unsicherheiten um, die die Wissenschaft, die weltweit in unzähligen Organisationen unter Hochdruck arbeitet, täglich produziert? Wie fundiert und nachvollziehbar können Entscheidungen angesichts überkomplexer Lagen in der Welt sein? Wie kann eine Beschädigung der Verfassung/des Grundgesetzes vermieden werden? usf.

Daniel Kehlmanns Äußerungen dazu aber sind überheblich, unfundiert, bestenfalls flapsig; er ist auch schlecht informiert; so behauptet er, der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet sei dafür verspottet worden, dass er sich für Lockerungen eingesetzt habe. Es lohne sich einfach im Augenblick für Politiker nicht, für größere Freiheiten einzutreten. Er übersieht, dass im Beliebtheitsranking Laschet deutlich gewonnen hat. Die Lage ist unübersichtlich, uneindeutig, vielleicht lässt sie sich von Montauk aus leichter beobachten.

Hartmut Krauß, Bielefeld

Dass sich Herr Kehlmann mit Sack und Pack aus New York City abgesetzt hat, zeigt eine gewisse Einsicht in den Ernst der Lage. Dass er einfach mal ein Haus in Promilage mieten kann, ist schön für ihn. Ebenso, dass er weiter und ohne Reisemöglichkeit sogar noch besser arbeiten und Geld verdienen kann. Ich frage mich aber, wie er zu der Einschätzung kommt, den Beamten des Robert-Koch-Instituts (RKI) könne "Kultur nicht gleichgültiger sein". Er ist "Freund der Wissenschaft", interessiert sich "durchaus" für Mathematik, versteht aber nicht einmal ansatzweise, wie die R-Zahl zustande kommt. Als "Wissenschaftstheoretiker" sollte er wissen, worüber er besser schwiege.

Gerhard Hübner, München

Es ist empörend, dass Herr Kehlmann die Angestellten des RKI als "Schreckgespenst" und "graue Hüter über die Zahlen" bezeichnet und sie bezichtigt, als "Wissenschaftsfunktionäre" im Sinne ihres eigenen Machterhalts politische Entscheidungen übertragen zu bekommen und zu treffen. Der Schriftsteller behauptet, das "Schicksal der Kultur" in den Händen von RKI-Mitarbeitern zu sehen, denen nichts gleichgültiger als die Kultur sei. Dass Kehlmann nicht in der Lage ist, die Modelle hinter der Reproduktionszahl nachzuvollziehen, ist allenfalls Ausdruck seiner Ausbildung. Stattdessen verweist er auf sein "Interesse für Mathematik" und sieht "albtraumhaft" die Reproduktionszahl die "Zukunft der Gesellschaft" bestimmen. Diese Behauptungen und Argumente könnten problemlos von einem Verschwörungstheoretiker stammen. Kehlmann beflügelt hier den verwässernden Trump-Sprech von Fake Science mit Bezug auf alles, was in der Konsequenz gerade unangenehm ist.

Dr. med. Florian Ehehalt, Dresden

© SZ vom 05.06.2020
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