SZ-Serie Mitdenken, Verantwortung schenken

Was ist eigentlich das Harzburger Modell?

Von Christine Demmer

(SZ vom 10.8.2002) Im Pleistozän der Unternehmensführung waren die Rollen noch klar definiert. Vorgesetzte hatten zu befehlen, und Mitarbeiter hatten zu gehorchen. Ein- und Widersprüche waren strikt verboten. Paragraf 1: Der Chef hat Recht. Paragraf 2: Hat er ausnahmsweise nicht Recht, tritt automatisch §1 in Kraft. Punktum, Ende, Schluss. Nach diesem Modell funktionierten Armeen, Verwaltungen, kirchliche Organisationen, Regierungen und Unternehmen. Leider nicht besonders gut, und viel Spaß machte es den Weisungsempfängern auch nicht.

Ein neues Führungsverständnis

Da kam vor einem halben Jahrhundert ausgerechnet ein ehemaliger Offizier und Generalstab-Vertrauter daher und verkündete das Aus für die autoritäre Führung. Professor Reinhard Höhn, nach dem Krieg gemeinsam mit Gisela Böhme Gründer und alleiniger Leiter der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad Harzburg, erkannte, dass Geführte besser und freudiger funktionieren, wenn sie mitdenken dürfen.

Binnen weniger Jahre entwickelte er diesen bahnbrechenden Gedanken weiter zum so genannten Harzburger Modell. Durchaus mit Erfolg, jawoll: In den sechziger Jahren entschied sich die Bundeswehr (gegen heftigen Widerstand aus den eigenen Reihen) für die Übernahme des neuen Führungsverständnisses. Bedeutende Wirtschaftsunternehmen folgten, und in den siebziger Jahren wurde das einzige Führungskonzept deutschen Ursprungs den zunehmend aus den USA herüberschwappenden Management-by-Modellen mit Stolz entgegengehalten.

Beobachten und Kontrollieren

Das für damalige Zeiten geradezu revolutionäre Modell betrachtete den Mitarbeiter als selbstständig denkenden, handelnden und entscheidenden Menschen. Der Vorgesetzte sollte sich von seinem überkommenen Denkmodell trennen und das Mitarbeiterpotenzial für das Unternehmen nutzbar machen. Das tat er, in dem er seinen Leuten feste Aufgabengebiete zuwies und die dazu nötigen Kompetenzen einräumte.

Der Mitarbeiter durfte nun also weitgehend selbst entscheiden, wie er seine Aufgaben erledigte; der Chef beschränkte sich aufs Beobachten und Kontrollieren.

Insbesondere letzteres war entscheidend, denn der Chef trug immer noch die Verantwortung dafür, dass die Südfrüchte irgendwie von den Bäumen runter und nach Deutschland auf den Mittagstisch kamen. Der Mitarbeiter hatte die Handlungsverantwortung, der Vorgesetzte die Führungsverantwortung. Das Teilen von Verantwortung wurde zum Kernstück des Höhnschen Konzeptes.

An den Mann gebracht wurde das Delegationsprinzip des Harzburger Modells in Stellenbeschreibungen, wie sie heute immer noch in vielen Unternehmen anzutreffen sind. Darin ist genau festgehalten, was Mitarbeiter Müller zu tun hat: also seine Pflichten. Was er tun darf, um seine Pflichten zu erledigen: also seine Kompetenzen. Und was sein Vorgesetzter tun muss, um ihn dabei zu unterstützen: wie also die Führungsverantwortung aussieht.

Grundsätze für den Chef

Zur Unterstützung der Manager, für die das natürlich mehrheitlich Neuland war, entwickelten die in den sechziger und frühen siebziger Jahren sprießenden Organisationsabteilungen mit Begeisterung Führungsgrundsätze und verteilten sie im Unternehmen. Auf dem Dienstweg, selbstverständlich, denn auf dessen strenger Einhaltung beruhte das gesamte Harzburger Modell.

Genau daran stießen sich denn auch die Kritiker. Sie empfanden das Modell als zu starr, zu bürokratisch und meinten, dass es für den Mitarbeiter zu einfach sei, sich auf die in der Stellenbeschreibung niedergelegten Aufgabenfelder zurückzuziehen. Hätten die Kritiker Recht, dann wäre das Harzburger Modell der Auslöser des weit verbreiteten "Dafür bin ich nicht zuständig"-Syndroms.

Bis zum Jahr 2000, dem Todesjahr von Reinhard Höhn, wurden rund 600.000 Führungs- und Nachwuchskräfte in Bad Harzburg nach diesem Modell instruiert. Einige weitere Hunderttausende haben durch ein Fernstudium das Harzburg-Diplom und die Lehre vom mitdenkenden und mitverantwortlichen Mitarbeiter erworben. Eigentlich müsste sich das Delegationsprinzip mittlerweile flächendeckend ausgebreitet haben. Hat es aber nicht. Spötter sprechen deshalb gerne vom Habsburger Modell: Guter Ansatz, aber keine Zustimmung im Volk.