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Studenten in Osteuropa:Die große Chance des Lebens

Die Studienbedingungen in Osteuropa sind meist schlecht - die jungen Frauen und Männer aber so leistungsorientiert wie noch nie.

Von Thomas Urban

Die Antwort ist überall die gleiche, an der renommierten Hochschule Tartu im russisch geprägten Ostteils Estlands wie an der Jagiellonen-Universität in der einstigen polnischen Hauptstadt Krakau oder an der nicht minder traditionsreichen Prager Karlsuniversität: "Wir wollen fit sein für Europa!" Selten wohl in der Geschichte des Bildungswesens wurde kollektiv so viel Zeit und intellektuelle Energie aufgewendet, um dieses - keineswegs genau definierte - Ziel zu erreichen.

Die Universitäten funktionieren in den Ländern, die zum Ostblock gehört hatten, frappierend ähnlich: Es sind Paukanstalten mit Frontalunterricht, Anwesenheitspflicht sogar in den Vorlesungen und einem enormen Lernpensum. Zusätzlicher Druck wird auf die Studenten durch die Praxis der Stipendienvergabe ausgeübt: Wer ein Zwischenexamen nicht besteht oder ein Semester verbummelt, bekommt die staatliche Unterstützung gekürzt oder ganz gestrichen.

Bafög-Demos sind unbekannt

Doch wird dies von den Studenten zwischen Ostseeküste und Donaustrand als unvermeidlich hingenommen. Man hat noch nicht gehört, dass sie wegen der Studienbedingungen oder ihrer meist kargen Lebensumstände demonstriert hätten. Dass in Deutschland Studenten zu Tausenden auf die Straßen gehen, wenn etwa ihre Prüfungsordnung verschärft oder ihr Bafög gekürzt wird, quittieren die Kommilitonen aus dem Osten Europas mit Kopfschütteln. Wohl die meisten von ihnen haben von den Eltern mitbekommen, dass sie nun die große Lebenschance nutzen sollen, die ihnen die demokratische Gesellschaft und das zusammenwachsende Europa bieten. Noch vor einer Generation waren die Studenten in den Ostblockländern auf Gedeih und Verderb von Beurteilungen durch die Parteizellen der Universität abhängig. Eine negative "Charakteristik" durch den Vertreter des Studentenverbands der KP konnte nicht nur eine akademische Karriere, sondern eine ganze Biografie zerstören. "Politisch Unzuverlässige" wurde erst gar nicht zum Studium zugelassen.

Es scheint, dass ein großer Teil der heutigen Studenten gewillt ist, ihre Chancen zu nutzen, von denen ihre Eltern nur träumen konnten. Auf den ersten Blick sind die Studenten in Tartu, Krakau, Prag oder Budapest von denen in München, Löwen, Mailand oder Paris nicht unterscheiden. Sie sind genau so gekleidet, sehen sich die selben Filme an, hören die selbe Musik. Doch berichten Dozenten, die aus den bisherigen Mitgliedsstaaten der EU in den ehemaligen Ostblock gekommen sind, übereinstimmend von dem großen Unterschied auf dem zweiten Blick. "Die Seminarräume vibrieren manchmal förmlich, so leistungsbewusst sind meine Studenten", sagt der aus Wuppertal nach Warschau gekommene Linguist Steffen Möller. Zwar seien die Studenten zunächst nicht gewohnt, Lehrinhalte selbständig zu erarbeiten. Dafür aber würden sie mit ihren Vorkenntnissen, das sie bereits zur Universität mitbringen, oder dem Faktenwissen, das sie sich im Grundstudium aneignen müssen, die Konkurrenz aus Westeuropa weit hinter sich lassen.

Für die Studenten in den drei baltischen Staaten, die neben ihrer Muttersprache auch meist Russisch sprechen, gehört, unabhängig vom Studienfach, Englisch zum Pflichtprogramm. Germanisten oder Romanisten aus diesen Ländern haben also gleich drei oder vier Fremdsprachen gründlich gelernt. Auch in Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn ist längst Englisch die neue Lingua Franca der Studenten. Doch sind auch die Deutsch-, Französisch- und Spanischkurse für Hörer aller Fakultäten stets überfüllt, ebenso wie Managementkurse, die vielerlei Privatinstitute und Stiftungen anbieten.

Es kommt also auf die Studierenden in Alt-Europa eine sehr gut qualifizierte Konkurrenz zu. In puncto Weltläufigkeit steht die junge Generation im Osten ebenfalls nicht mehr hinter den Westlern zurück. Kamen ihre Eltern noch höchstens ins sozialistische Ausland, so sind die heutigen jungen Osteuropäer höchst reisefreudig. Dabei übernehmen sie Arbeiten aller Art, von Gastronomie bis Landwirtschaft, für die die Mehrheit der westeuropäischen Studenten den Rücken nur höchst ungern krumm machen würde.

Konkurrenz für den Westen

Diese Erfahrung macht die Defizite in der Methodik der Seminare meist mehr als wett. "Die junge Generation hier ist weitaus flexibler, als ihre Altersgenossen im Westen es sind", sagt der Wuppertaler Möller. Längst suchen Headhunter aus dem Westen an den Universitäten der neuen EU-Länder flexible, belastbare, karrierebewusste Absolventen, die mehrere Fremdsprachen beherrschen und gleichzeitig anspruchslos sind. Ihnen werden förmlich die Türen eingerannt: An jedem Wettbewerb für einen Posten, ein Stipendium, einen Kurs nehmen zwanzig-, dreißigmal mehr Bewerber teil, als Plätze vorhanden sind.

Es ist dies vielleicht nur der "EU-Effekt", der diese positive Anspannung verursacht, sagen Soziologen. Vielleicht pendle sich alles wieder sehr schnell ein. Aber am Vorabend der Osterweiterung der Europäischen Union lässt sich feststellen: Auf die junge akademische Generation in Alt-Europa rollt eine Welle der Konkurrenten um internationale Jobs aller Art zu. Und im Westen ist man auf diese Art von Konkurrenz aus dem Osten eher schlecht vorbereitet.

© SZ vom 30.3.2004
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