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Schule:"Zu viel Wegwerf-Wissen"

Der Unmut von Eltern und Kindern über den Schulstress ebbt nicht ab. Der Pädagoge Fritz Reheis, Autor des Buches "Bildung contra Turboschule", sieht das G 8 als Symptom einer "Turbogesellschaft".

Das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium (G 8) ist wieder in der Diskussion. Weil der Unmut von Eltern und Kindern über den Schulstress nicht abebbt, beteuern die Kultusminister, sie werden Entlastung schaffen. Als Vorschläge kursieren schlankere Lehrpläne und weniger Unterrichtsstunden, aber auch Samstagsunterricht und bessere Ganztagsangebote. Der Pädagoge Fritz Reheis, Autor des Buches "Bildung contra Turboschule", sieht das G 8 als Symptom einer "Turbogesellschaft". Reheis ist Mitglied des Vereins zur Verzögerung der Zeit. Mehr als 20 Jahre lang war er Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte, an der Uni Bamberg bildet er nun selbst Lehrer aus.

Schulkasse, dpa

Schulkasse: Das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium kann Schülern die Freude am Lernen nehmen.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Das G 8 wurde in Ländern wie Bayern und Hessen überstürzt eingeführt. Ist nicht die Gefahr jetzt groß, nun mit ebenso überstürzten Reformen dem Unmut zu begegnen?

Fritz Reheis: In der Schulpolitik besteht immer die Gefahr, dass eine Reform die nächste jagt. Dennoch muss man die Schüler jetzt schnell entlasten. Bildlich gesprochen, brennt es an den Schulen. Wenn es nicht möglich oder durchsetzbar ist, zum neunjährigen Gymnasium zurückzukehren, muss nun zumindest alles aus den Lehrplänen genommen werde, was reines Wegwerf-Wissen ist, das nur für Prüfungen gelernt wird.

SZ: Das sagt sich so leicht. Sobald es konkret wird, wollen viele Lehrer auf den Stoff doch lieber nicht verzichten.

Reheis: Es kommt aber vor, dass Schüler im Chemieunterricht Substanzen behandeln, die man nur in großen Fachlexika findet. Oder im Fach Geschichte: Da lernen Zwölf- und Dreizehnjährige wochenlang die Verästelungen im mittelalterlichen Machtkampf zwischen Kaiser und Papst. Solches Wegwerf-Wissen gibt es in allen Fächern, da ließe sich vieles streichen.

SZ: Manch ein Historiker wird in diesem Teil der Geschichte aber etwas sehr Wesentliches zum Verständnis unserer Kultur sehen.

Reheis: Mag sein. Wir brauchen aber ein anderes Verständnis von Schule. Bisher dominiert der Stoff im pädagogischen Dreieck zwischen Lehrer, Schüler und Inhalten. Kinder und Lehrer hetzen durch den Lehrplan, der Stress schlägt manchmal auch in Langeweile um. Eigentlich bräuchte man zwei Lehrpläne: erstens den staatlichen, in dem elementares Wissen steht, und zweitens ein offenes Curriculum, in dem Schüler und Lehrer selbst bestimmen, welche Projekte aufgegriffen und auch fächer- und jahrgangsübergreifend bearbeitet werden.

SZ: Sie werben auch für ein "Lernen durch Lehren". Was meinen Sie damit?

Reheis: Die starre Trennung zwischen Lehrern und Schülern sollte aufgehoben werden. Wenn Schüler, begleitet und unterstützt von Lehrern, Teile des Unterrichts selbst übernehmen, lernen sie dadurch oft mehr, als wenn sie nur als Nichtwissende angesprochen werden. Schulen müssen zu kleinen Forschungszentren werden, in denen auch die Pädagogen immer wieder dazulernen.

SZ: Was hindert Lehrer denn daran, kreativer mit den Lehrplänen umzugehen? Vielleicht empfinden es viele insgeheim doch als sehr entlastend, wenn ihnen genaue Vorgaben zum Unterricht gemacht werden.

Reheis: Sicher haben Lehrer auch Angst, die Kontrolle über den Unterricht zu verlieren. Offene Lehrformen sind ja riskant. Aber derzeit sind die Lehrpläne einfach völlig überladen, jeder befürchtet deshalb, mit dem vorgeschriebenen Stoff einfach nicht "durchzukommen".

SZ: . . .und dann würden die Eltern und auch die Kollegen, die ein Jahr später die Klasse übernehmen, auf den Lehrer schimpfen . . .

Reheis: Genau. Es gibt auch die Sorge, die Schüler nicht gut auf die zentralen Vergleichstests und das Zentralabitur vorzubereiten.

SZ: In der G-8-Debatte geht es nicht nur um Lehrpläne, sondern auch um die hohe Zahl an Schulstunden. Verlangen Sie weniger Unterricht, obwohl Sie doch mehr Zeit für Bildung einfordern?