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Problemberatung im Job:Der neutrale Blick

Berufliche Veränderungen, Konflikte mit Kollegen oder Überlastung: Bei Problemen im Job hilft Supervision oft weiter. Auf maßgeschneiderte, neue Methoden hoffen Klienten aber vergeblich.

Die Postkarte ist knallrot. Nur in einer Ecke, unten rechts, schiebt sich ein kleiner schwarzer Fleck ins Bild. Werbung? Moderne Kunst? "Nein", sagt Wolf Hinsching, "das ist Supervision." Eigentlich handele es sich bei dem Punkt um einen Marienkäfer. Allerdings aus nächster Nähe aufgenommen. Deshalb erkenne der Betrachter nur viel Rot und ein Pünktchen Schwarz. Im Job sei das oft genauso. "Meine Klienten sind manchmal irritiert, wissen nicht mehr weiter, weil sie zu nah dran sind." Supervision helfe ihnen, auf Distanz zu ihrer beruflichen Situation zu gehen. "So klärt sich ihr Blick, und die Dinge sortieren sich neu."

"Aufregende Übungen, die den Klienten faszinieren, gibt es nicht" - eher ein hilfreiches Gespräch mit dem Supervisor.

(Foto: Foto: iStock)

Dass Wolf Hinsching, der bereits seit vielen Jahren als Supervisor arbeitet, auf die Postkarte zurückgreift, um seinen Beruf zu erklären, kommt nicht von ungefähr. Wer weiß schon, was sich hinter diesem Wort versteckt? Allerlei Phantasien geistern durch die Köpfe derjenigen, die zu ihm in die berufliche Beratung kommen. Einige denken, Supervision meine Kontrolle, andere hoffen, der Berater serviere ihnen maßgeschneiderte Lösungen für ihr Problem. Oder sie erwarten ein Feuerwerk neuer Methoden, die sichtbar machen, wo es in ihrem Job brennt.

All diese Erwartungen enttäuscht Hinsching bereits im ersten Gespräch. "Wir sprechen miteinander, das ist meist alles. Aufregende Übungen, die den Klienten faszinieren, gibt es bei mir fast gar nicht." Zumindest nicht im Einzelgespräch, schon eher für Teams oder Gruppen. Denn da sind sie seiner Meinung nach manchmal durchaus sinnvoll.

Eine gemeinsame Suchbewegung

Supervision ist für ihn eine gemeinsame Suchbewegung. Nach den Dingen, die den Blick verstellen. Gut zuhören, auf die innere Stimme achten, möglichst viel wahrnehmen bei sich selbst und beim Gegenüber, das ist sein Handwerkszeug. Wenig spektakulär und doch sehr ungewöhnlich in einer Zeit, in der so viele am liebsten sich selber reden hören. Hinsching sieht sich als eine Art Bergführer, der in schwierigem Gelände erfahren, aber nicht unbedingt der bessere Wanderer ist. Allein seine fachkundige Begleitung, so sagt er, vermittle den Klienten ein sichereres, gelasseneres Gefühl. Beides ist wichtig, denn manch einem wächst im Job vieles über den Kopf: die Führungsrolle, Konflikte mit Kollegen, Veränderungen oder undurchsichtige Arbeitsabläufe.

Thorsten (Name geändert) ist so einer. Er fühlt sich überfordert. "Ich muss etwas verändern, wenn wir am Markt bleiben wollen", sagt der Mittfünfziger, der seit etwa 20 Jahren eine kleine Firma mit 14 Angestellten leitet. Becker gesteht auch: "Ich brauche Hilfe. Aber ich habe Angst vor diesem Schritt." Der Berliner fürchtet, dass ein Supervisor auf seinen Schwächen herumreiten und ihn zu Schritten drängen könnte, die er seit langem scheut. "Du musst" - dieser innere Druck hängt wie ein Damoklesschwert über Becker. Und noch ein weiteres Schreckgespenst hält ihn ab: der Gedanke an Therapie.

Wolf Hinsching kennt derartige Befürchtungen. "Die Menschen haben viel Angst vor Psychologie, sie ist so wenig greifbar für sie", sagt er. Berufliche Störungen haben zwar seiner Meinung nach durchaus auch etwas mit der eigenen Biographie zu tun. Darüber zu sprechen bedeutet für ihn aber längst nicht Therapie. Er stellt auch mal persönliche Fragen, doch verliert er dabei nie die berufliche Rolle und das Unternehmen aus dem Blick. Es geht ihm vor allem darum, seine Klienten im Job wieder handlungsfähig zu machen.

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