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Mitarbeiterkommunikation:Firmen entdecken den Flurfunk

Der Chef tratscht mit: Wie Unternehmen versuchen, auf Gerüchte Einfluss zu nehmen.

Chris Löwer

Es passiert am helllichten Tag. Am Kaffeeautomaten, im Aufzug, auf dem Weg zur Kantine. Niemand kann es verhindern. Gerüchte, Tratsch, Getuschel, das Neueste vom Neuesten. Viele Führungskräfte fürchten den Flurfunk so sehr wie miese Quartalszahlen. Ihre Angst: Da gerät hinter meinem Rücken etwas außer Kontrolle, und ich kann nichts dagegen unternehmen.

Wer so denkt, hat schon verloren. "Niemand wird den Flurfunk je zum Verstummen bringen. Daher muss man ihn sich zunutze machen", sagt Peter Funke, Vorstand der Düsseldorfer Strategieberatung SMP AG. Funke weiß, wovon er spricht, er war sieben Jahre lang beim Henkel-Konzern im Marketing und Vertrieb tätig. Er hat registriert, dass sich immer mehr Unternehmen Klatsch und Tratsch zunutze machen, um zu erfahren, was an der Basis wirklich los ist, wo es hakt und was sich verbessern lässt.

Das wird besonders wichtig, wenn Fusionen oder ein Arbeitsplatzabbau anstehen. "Dann ist ein ehrliches Feedback via Flurfunk unerlässlich", sagt Funke. Doch wie kommt man an die Informationen heran? Bei Henkel veranstaltet man Kamingespräche, bei denen das Top-Management mit Fragen von Angestellten aller Hierarchieebenen konfrontiert wird. Wesentliches daraus findet sich dann in der Mitarbeiterzeitschrift wieder. Derart am Kamin zu kanalisieren, worüber sonst möglicherweise missverständlich in der Kaffeeküche geklönt wird, ist für Funke ein guter Weg, Gerüchte abzuwehren, zu steuern und zu gewichten. Natürlich funktioniert das nur, wenn die Unternehmenslenker jeder Geheimnistuerei eine Absage erteilen.

Das hat man auch bei der Münchner Siemens AG begriffen. Lothar Pauly, Chef der krisengeschüttelten Kommunikationssparte, hat als eine seiner ersten Amtshandlungen alle Register für eine offene Kommunikation mit den Mitarbeitern gezogen: Im Intranet, in einer Mitarbeiterzeitung und in personalisierten E-Mails wird ständig informiert - mit der Aufforderung an die Belegschaft, darauf zu reagieren. So bleibt die Gerüchteküche weitgehend kalt.

Ein klassisches Negativbeispiel liefert dagegen die Agfa Photo GmbH in Leverkusen. Am Fronleichnamstag dieses Jahres verbreitete die Unternehmensleitung die Nachricht von der Insolvenz der Firma via Intranet, nachdem lähmenden Gerüchte schon lange die Runde gemacht hatten. Zusammen mit der knappen Mitteilung, dass die Juni-Gehälter nicht gezahlt werden können, erfuhren die meisten der 1800 Mitarbeiter vom endgültigen Aus erst nach ihrem Kurzurlaub oder aus den Medien.

Dabei ist das Intranet eigentlich ein wichtiges Instrument, um den Informationsfluss von unten nach oben und umgekehrt fließen zu lassen. Firmen wie IBM, SAP, die Bahn oder VW setzen auf die interne elektronische Kommunikation und andere interaktive Tools. Schließlich, so heißt es bei VW, "ist der Kollege traditionell die wichtigste Informationsquelle".

Firmen entdecken den Flurfunk

Außerdem lassen sich diese Medien prima nutzen, um positive Botschaften zu verbreiten, sagt Achim Mollbach, Managementtrainer und Berater bei Kienbaum. Bei der Gummersbacher Unternehmensberatung sorgt man dafür, dass es sich schnell herumspricht, wenn ein neues, großes Projekt an Land gezogen worden ist. Mollbach: "Flurfunk muss nicht immer negativ sein."

Der Kienbaum-Berater sieht eine zunehmende Bereitschaft in Unternehmen, sich des Themas anzunehmen. "Um positive Aspekte des Flurfunks nutzen zu können, ist es wichtig, für spontane und netzwerkartige Kommunikation im Unternehmen Plattformen zu schaffen." Das heißt: Auch der Chef sollte sich unters Volk mischen, sich an Ritualen wie dem Gang in die Kantine beteiligen und ungeachtet aller Hierarchien und Zuständigkeiten täglich den Plausch mit Mitarbeitern suchen. Mollbach bringt das auf die Formel: "Walk the Talk."

Eine kumpelhafte Ranschmeiße ist damit jedoch nicht gemeint. Davor warnt dringend die Trainerin Dorothee Echter, Geschäftsführerin der Münchner Managementberatung Executive Coaching Quality. "Wer als Chef in der Teeküche auftaucht und ehrliche Auskünfte erwartet, merkt bald: Das funktioniert nicht. Da muss man sich schon ein Netzwerk von Vertrauten aufbauen." Und das müsse man sich erst mühsam erarbeiten. Von der berühmt berüchtigten Methode, über Befragungen an heißen Tratsch heranzukommen, hält Echter wenig: "Das ist in meinen Augen eher eine Notmaßnahme, die von Hilflosigkeit zeugt. Der Weg führt immer über die Menschen und nicht über derartige Hilfsmittel."

Die können ohnehin überflüssig werden, wenn eine ausgeprägt offene Unternehmenskultur gepflegt wird. Dies ist offensichtlich bei SAP so, wo noch nicht einmal der Wunsch nach einem Betriebsrat aufkommt. In dem IT-Unternehmen mit Sitz in Walldorf sind informelle Mitarbeitergespräche nicht nur erwünscht, sondern sie werden auch noch mit betrieblichen Fitness-Angeboten und anderen Freizeitaktivitäten gefördert. Motto: Wo auf den Fluren viel geredet wird, da lernt man auch aus Fehlern und entwickelt neue Ideen im Vorbeigehen.

Bei IBM lädt die Geschäftsleitung zuweilen Mitarbeiter zum Frühstück ein, um zwanglos ins Gespräch zu kommen, zumindest aber, um sich persönlich kennen zu lernen, was ja auch das eine oder andere Vorurteil abbauen soll. Darüber hinaus schafft man Möglichkeiten zum Plausch, etwa bei Partys oder Ausflügen. "Es ist wichtig, den Rahmen der Firma zu verlassen. Draußen hat man den Kopf frei und öffnet sich eher", sagt Berater Funke. "Es kann auch sinnvoll sein, ohne den Geschäftsführer ins Gespräch zu kommen, stattdessen diesen Part durch eine neutrale Person wahrnehmen zu lassen, der dann reportiert." Gerade wenn es in der Firma holprig läuft, ist das ein gutes Mittel, die Ratsch- und Tratschwelle in geordnete Bahnen zu lenken.

Das hat man auch bei dem früher sehr zugeknöpften Karstadt-Quelle-Konzern begriffen. Der neue Chef Thomas Middelhoff sucht anders als seine gescheiterten Vorgänger den unmittelbaren Kontakt zu den Mitarbeitern. Er ist für jeden per Mail erreichbar, auch anonym. Einem Gespräch zwischen Tür und Angel geht er nicht aus dem Weg. "Herr Middelhoff will eben wissen, was die Leute denken", sagt ein Unternehmenssprecher. Funke findet das löblich: "Jede Form, direkt Dampf abzulassen, ist gut. Dann muss man Gerüchte nicht mehr über den Flur schicken."

© SZ vom 5.11.2005
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