Jobsuche:Vom Bewerber zum Betrüger

Getürkte Zeugnisse, gefälschte Lebensläufe: Wie Personaler versuchen, Tricksern auf die Schliche zu kommen.

Katharina Vitinius

Voller Energie stürzte sich der 33-jährige Controllingleiter in den neuen Job. "Ein Glücksgriff", frohlockte der Firmenchef. Die Freude hielt gerade mal sechs Monate an, da lag dem Arbeitgeber ein Pfändungsbeschluss über knapp 500.000 Euro vor. Das hoffnungsvolle Talent hatte in seiner letzten Firma in die Kasse gegriffen und war fristlos gefeuert worden. Im Zeugnis hatte davon nichts gestanden - das hatte der Controller selbst geschrieben, die Unterschrift war gefälscht. Deshalb flog er jetzt nicht nur hochkant aus der neuen Firma, sondern hatte auch noch ein Strafverfahren wegen Urkundenfälschung am Hals.

Jobsuche: Ein Anruf unter falschem Vorwand  beim früheren Chef oder Ex-Kollegen: Manchmal führt ein Trick zur Erkenntnis, dass der Bewerber lügt.

Ein Anruf unter falschem Vorwand beim früheren Chef oder Ex-Kollegen: Manchmal führt ein Trick zur Erkenntnis, dass der Bewerber lügt.

(Foto: Foto: sueddeutsche.de)

"Fälle dieser Art häufen sich", sagt Manfred Lotze. "Schätzungsweise jede dritte Bewerbung ist heute mehr oder weniger getürkt." Der Mann sollte es wissen, denn als Chef der Düsseldorfer Detektei Kocks lebt er von der Qualität seiner Recherchen. Immer öfter wird Lotze von Unternehmen beauftragt, die Angaben von Bewerbern vor der Einstellung zu überprüfen. Sind die Neuen nämlich erst einmal fest an Bord, dann ist es schwierig, ihre Täuschung in eine Entlassung umzuwandeln.

Personalchefs müssen sich in diesen Fällen selbstkritisch fragen: Haben sie die Bewerbung nicht gründlich genug gelesen? Beim Vorstellungsgespräch nach den falschen Dingen gefragt? Sich von eindrucksvollen Lebensläufen und eloquentem Auftreten bluffen lassen? "Frechheit siegt", sagt Lotze. "Je anspruchsvoller und dominanter einer aufmarschiert, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er damit durchkommt."

Bei vielen Jobsuchenden liegen die Nerven blank. Auf dem Arbeitsmarkt herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf, es wird getäuscht, getrickst und gelogen. In einigen Bewerbungsratgebern wird offen dazu aufgefordert: Die Firmen hielten es bei ihrer Produktwerbung schließlich auch nicht immer mit der Wahrheit. Wo aber Diplom- und Promotionsurkunden am Computer entstehen, die elfmonatige Arbeitslosigkeit in eine freiberufliche Consulting-Tätigkeit umgewidmet und der Buchhalter die Bewährungsstrafe wegen eines Vermögensdelikts verschweigt, ist es mit den Grundsätzen Wahrheit und Lückenlosigkeit im Lebenslauf nicht weit her. "Mit Übertreiben oder Kaschieren hat das nichts mehr zu tun", sagt die Arbeitsrechtlerin Marion Teraske aus Brühl. "Das ist arglistige Täuschung, Urkundenfälschung, knallharter Betrug." Und darauf stehen Strafen, die weit schlimmer sind als ein erklärbarer Bruch in der Vita.

Die Legenden der Detektive

Vor ein paar Jahren hat der Düsseldorfer Detektiv 5000 Bewerbungen unter die Lupe genommen. 1500 davon waren "nicht korrekt", wie Lotze vorsichtig formuliert. "Der Anteil dürfte heute höher sein." Neben den zur Klitterung animierenden Ratgebern lastet er den Personalern eine Mitschuld an. Die hätten nicht mehr genügend Zeit, um jede Bewerbung mit der gebotenen Sorgfalt zu prüfen. Jeder dritte Hochschulabsolvent erweitere irgendwann und irgendwo im Ausland seinen Horizont, bei ausländischen Dokumenten müssten selbst erfahrene Personaler die Segel streichen.

Außerdem seien die Trickser schlauer geworden. "Wenn in einem Lebenslauf steht, dass der Kandidat zwischen I/93 und IV/97 an der Universität XY gewesen sei, signalisiert das Auge dem Gehirn die Botschaft: ,Der hat da studiert und seinen Abschluss gemacht.' Die Zeitdauer entspricht ja auch der Dauer eines normalen Studiums. Aber stehen da etwa die Worte 'Abschluss', 'Examen' oder 'Diplom'? Nein, das steht da nicht. Insofern kann man dem Schreiber noch nicht einmal eine Täuschungsabsicht vorwerfen."

In so genannten Attention Workshops für Geschäftsführung, Personal und Revision zeigt Lotze das Bedrohungspotenzial auf. "70 Prozent aller entlarvten Firmenbetrüger haben schon bei der Bewerbung gelogen", sagt er. "Wenn man da genauer hinschauen würde, ließe sich manche böse Überraschung vermeiden." Zuerst prüft der Detektiv die schriftlichen Unterlagen: Stimmen die angegebenen Beschäftigungszeiten? Meist genügt ein Anruf bei den früheren Arbeitgebern.

Halten die sich aus Datenschutzgründen bedeckt, denkt sich Lotze - oft entlang der im Lebenslauf angegebenen Hobbies - eine plausible Story aus und kontaktiert Ex-Kollegen, Vorgesetzte oder Mitarbeiter. Etwa so: "Sie erinnern sich gewiss noch an XY. Ein prima Mann, ich bin mit ihm im selben Tennisclub. Er möchte in den Vorstand, was kein Problem ist, aber unsere Satzung schreibt nun mal fünf Referenzen vor, und da wollte ich mich nur mal erkundigen." Hat der Kandidat Dreck am Stecken, kriegt Lotze das raus.

Gibt es die genannten Bildungseinrichtungen wirklich? Die meisten ausländischen Hochschulen veröffentlichen ihre Absolventenlisten im Internet, manche sogar bis weit in die Vergangenheit. Stimmt die brillante Abschlussnote auf dem Hochschuldokument oder wurde eine Grafik-Software bemüht? Telefonat mit einer Sekretärin am angeblichen Lehrstuhl: "Hier Lehrstuhl Uni Passau, Hintze am Apparat. Herr Doktor XY hat sich bei uns um eine Professur beworben, ich kann seine Promotionsurkunde leider nicht einscannen, sie ist ziemlich unleserlich, aber mein Chef möchte die vollständigen Unterlagen morgen haben: Können Sie mir bitte, bitte helfen?" Aber klar wird der Kollegin geholfen.

War der Kandidat tatsächlich eine Zeit lang selbstständiger Consultant? Naiver Anruf beim Finanzamt, Umsatzsteuerstelle: "Mir liegt hier eine Rechnung von XY vom soundsovielten vor, da fehlt die Mehrwertsteuer. Muss ich die jetzt draufschlagen oder gibt es die Firma gar nicht? Ich will ja nichts falsch machen." Kaum ein Steuerbeamter lässt sich die Gelegenheit entgehen, einen Steuersünder zu ertappen. Und Detektive haben viele Legenden parat, um andere Legenden zu enttarnen.

© SZ vom 22.10.2005
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