Interview Die Angst der Chefs

Furcht vor dem Karriereknick, dem Jobverlust - und den eigenen Mitarbeitern. Womit Führungskräfte zu kämpfen haben.

Chefs, die von morgens bis abends unter Strom stehen, sind in ihrer Führungsfähigkeit häufig stark eingeschränkt, meint der Managementtrainer und Psychologe Klaus Rempe aus Münster. Jutta Göricke fragte ihn, wie sie zu sich selber finden.

Herzrasen, Tinnitus und mehr - der Chef als sein eigenes Opfer.

(Foto: Foto: photodisc)

SZ: Sie behaupten, mehr als die Hälfte aller Führungskräfte leide unter Ängsten. Wovor fürchten sie sich?

Rempe: Wie jeder andere Mensch haben sie Angst vor einem Karriereknick oder gar vor Jobverlust. Die ständigen Veränderungsprozesse in den Unternehmen machen auch vor den Führungsetagen nicht halt. Da werden Positionen neu definiert, Abteilungen aufgelöst, Menschen verschoben. Das kann zu einer Einbuße von Macht und Status führen. Aber das ist nicht alles: Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass sich Führungskräfte auch vor Konflikt- und Jahresgesprächen mit Mitarbeitern fürchten.

SZ: Ein Chef, der vor seinen ureigensten Aufgaben zittert?

Rempe: Da trennt sich eben auch bei Führungskräften die Spreu vom Weizen.

SZ: Wie äußert sich denn die Angst des Leitwolfs?

Rempe: Das reicht von Herzrasen und Tinnitus über Schlafstörungen bis zu Gereiztheit und depressiven Stimmungen - die gesamte Palette psychovegetativer Störungen eben.

SZ: Darunter leidet auch der eine oder andere Arbeitnehmer.

Rempe: Ja, aber eine gestresste Führungskraft erschwert auch ihm das Leben. Sie kann sich nur schwer auf ihre Mitarbeiter einstellen. Dann endet zum Beispiel die Auseinandersetzung mit einem Assistenten, der einen Fehler gemacht hat, in Gebrüll. Oder er wird ostentativ ignoriert, weil der Chef Angst vor Konfliktsituationen hat. Ein guter Manager muss zunächst einmal sich selbst managen können. Er muss über eine ausgeprägte emotionale Intelligenz verfügen, die ihn im Umgang mit Frustrationen, mit dem Scheitern von Projekten und anderen Belastungen lenkt. Dazu gehört die Fähigkeit, negativen Dauerstress zu erkennen, seine Zeit geschickt einzuteilen und sich Phasen der Regeneration zu gönnen. Erst dann ist er in der Lage, sich auf seine Mitarbeiter einzustellen.

SZ: Und keiner weit und breit, der den einsamen Wolf wenigstens einmal lobt.

Rempe: Das ist das Schicksal der Führungskraft.

SZ: Wie kann ihr geholfen werden?

Rempe: Führungskräfte müssen lernen, ihre eigenen Erfolgsressourcen intelligent zu nutzen. Obwohl das Problem quer durch die Vorstandsetagen wandert, sich in Fehlzeiten und Demotivation der Mitarbeiter äußert, wird es nur von wenigen Unternehmen erkannt und bearbeitet. Dabei kostet schlechter Führungsstil viel Geld. Und wenn es einmal zu einer Verfestigung der Symptome gekommen ist, wird es um so schwerer, den Teufelskreis zu durchbrechen. Der gestresste Manager hält seine innere Unruhe und seinen schlechten Schlaf für den Normalzustand. Subjektiv fühlt er sich sogar gut. Seine Selbstwahrnehmung hat dann schnell nichts mehr mit dem zu tun, wie seine Umwelt ihn erlebt. Das führt letztlich nicht nur zu einem Verlust von fachlicher und sozialer, sondern auch von persönlicher Kompetenz.

SZ: Das hört sich traurig an.

Rempe: Ich nenne dieses Phänomen mentale Selbstverstümmelung.