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Interimsmanager:Leiharbeiter in Nadelstreifen

Firmenlenker auf Zeit: Interimsmanager müssen Führungserfahrung mitbringen und schnelle Erfolge liefern.

Manch ein Manager atmet tatsächlich auf, wenn er mit 54 Jahren seinen Posten verliert. Auf keinen Fall wolle er zurück ins Geschirr, beteuert er dann tagsüber auf dem Golfplatz und inspiziert abends unauffällig am Computer, ob seine Vermögenslage das überhaupt hergibt. Falls nicht, muss ein neuer Job her. Das allerdings gelingt Führungskräften im fortgeschrittenen Alter nicht im Handumdrehen. Realisten hoffen erst gar nicht auf einen Dreijahresvertrag mit fortlaufender Verlängerung, sondern halten gleich nach einem Projekt oder einer Aufgabe im Interimsmanagement Ausschau. Personalberater benutzen dafür einen nüchternen Begriff: Bei ihnen heißt das "Übergangslösung" und kann - hat man sich erst einmal an den Ausdruck gewöhnt - eine ganz attraktive Sache sein.

Etwa 10.000 Interimsmanager arbeiten derzeit in Deutschland.

(Foto: Foto: photodisc)

Häufig müssen Unternehmen Führungspositionen nur auf eine begrenzte Zeit neu besetzen. Vielleicht hat sich der avisierte Kandidat über Nacht anders entschieden, vielleicht ist das Unternehmen ist in eine Krise geraten und benötigt einen erfahrenen Sanierer, vielleicht ist der amtierende Geschäftsführer auf längere Zeit krank, oder der letzte Stelleninhaber hat Knall auf Fall gekündigt. In solchen Situationen werden händeringend "Manager auf Zeit" gebraucht.

Ihre Aufgabe besteht darin, in der Übergangszeit den reibungslosen Betriebsablauf sicherzustellen oder ein definiertes Projekt anzugehen und erfolgreich zu bewältigen. In vielen Fällen wird auch beides vom Interimsmanager erwartet. Schon das erklärt die hohen Anforderungen an geleaste Führungskräfte, die an der Schnittstelle zwischen angestellten Managern und externen Unternehmensberatern angesiedelt sind.

"Manager auf Zeit müssen Führungserfahrung in der Linie vorweisen können, operative Umsetzungserfahrungen haben und gleichzeitig über ein fundiertes Spezialwissen verfügen", sagt Vera Bloemer, Unternehmensberaterin und Interims-Expertin aus Frankfurt. Die Messlatte liegt so hoch, dass sie selbst von besonders flexiblen Berufsanfängern kaum erreicht werden kann. "Mit 30 Jahren haben Führungskräfte in der Regel noch nicht die nötige Erfahrung", sagt Bloemer, "das ideale Alter für einen hauptberuflichen Interimsmanager beginnt etwa mit Mitte vierzig."

Alles geben, alles aufgeben

Führungs- und Branchenerfahrung ist allerdings nur die halbe Miete. Typischerweise ist ein Interims-Projekt auf drei bis zwölf Monate befristet, sagt Bloemer. In dieser Zeit muss der Zwischen-Manager die vorhandene Führungstruppe kennen lernen und auf Ziele einschwören, mit ihnen zusammen eine Strategie entwickeln, erste operative Maßnahmen einleiten und den Prozess steuern und überwachen. Er muss Management und Mitarbeiter anfeuern und mitreißen, die notwendigen Dinge auch gegen interne Widerstände in Gang setzen, schmollende Verweigerer in der Geschäftsleitung zur Räson bringen, Blockaden im Gesellschafterkreis auflösen und seinen Auftraggebern gegenüber loyal sein. Das alles im Bewusstsein, nach Abschluss der Aufgabe die Firma zu verlassen und das nächste Projekt in Angriff zu nehmen.

Ob alle der derzeit schätzungsweise 10.000 Interimsmanager in Deutschland wirklich über so viel soziale Kompetenz und diplomatisches Fingerspitzengefühl verfügen, ist nicht überliefert. Tatsache aber ist, dass die großen Vermittlungsagenturen von Zeitmanagern - zum Beispiel Heidrick & Struggles, Brainforce, Management Angels, EIM und ZMM Zeitmanager München - auf diese Tugenden ebenso großen Wert legen wie auf eine ansehnliche Erfolgsbilanz der bisherigen Leistungen des Managers. "Überall wird nach dem Track Record gefragt", sagt Vera Bloemer. "Der Nachweis früherer Erfolge ist zum wichtigsten Kriterium der Auftragsvergabe geworden."

Manche an diesem Beruf Interessierte meinen, mit einer Liste der früheren Auftraggeber samt Schlüsselindikatoren der Performance - meist Umsatz- und Gewinnanstieg - sei dies schon getan, den Rest erledige die eigene Überzeugungskraft. Das ist ein Irrtum. Denn sowohl die Agenturen als auch die bestellenden Aufsichtsräte oder Kapitalgeber holen gern Referenzen ein und lassen sich genau berichten, wie sich der Kandidat außerhalb der Papierform dargestellt hat. "Ein Bluff ist, wie in jeder anderen Branche, natürlich auch hier möglich", sagt Bloemer, "aber das geht nicht lange gut. Bevor Auftraggeber ein Risiko mit einem unbekannten Manager eingehen, sollten sie Referenzen lieber überprüfen.""

Verständlich, denn die Tageshonorare für Interimsmanager bewegen sich zwischen 700 und 2000 Euro. Da die Vermittlungsagenturen davon rund ein Drittel für sich beanspruchen, prüfen sie genau, wen sie mit Aussicht auf Erfolg ins Rennen schicken können. Schließlich soll die Reputation keinen Schaden nehmen.

Blender bleiben draußen

In ökonomisch harten Zeiten liebäugeln viele angestellte und unter Druck stehende Führungskräfte mit der selbstständigen Existenz als Manager auf Zeit. Doch nicht jedem liegt es, ohne Backoffice und klangvollem Firmennamen hart am Markt Aufträge zu akquirieren, sich für den aktuellen Kunden ins Zeug zu legen und gleichzeitig die Fühler nach Folgeaufträgen auszustrecken. Begründetes Selbstbewusstsein, Eigenmotivation und Durchhaltevermögen sind dafür ebenso zwingend wie ein makelloser Ruf, die Anbindung an Vermittlungsagenturen und ein stabiles berufliches Netzwerk.

Das wollen sich die deutschen Agenten auch für sich selbst schaffen. Mit dem Bundesarbeitskreis Interim Management (BIM) wurde im vergangenen Dezember die erste Plattform für die Vermittler von Interimsmanagern geschaffen (www.bakim.de). Mitmachen kann jeder, der sich seit mindestens zwei Jahren professionell mit Interimsmanagement beschäftigt und über einen qualifizierten Pool von mehr als 500 Zeitmanagern verfügt. Profitieren von dem intensivierten Informationsaustausch würde nicht zuletzt die suchende Wirtschaft: Bluffern und Blendern ginge es dann schnell an den Kragen.