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Goldschmiedin:Die Frau, die ihre Ideen versilbert

Doris Betz, Goldschmiedin: "Das Schmuckstück ist die Selbstverwirklichung."

(SZ vom 19.9.2001) Nur zwei Seesterne liegen im Schaufenster des Wohnateliers. Die Vorhänge sind zugezogen. Dahinter hämmert und biegt Doris Betz an einem Stück Silberdraht. Stundenlang schaut sie auf das winzige Stück. Das Radio erzählt ihr Geschichten aus der Welt. Tritt jemand durch die Tür, haben ihre Augen zuerst Mühe, ihn zu erkennen. Galerien aus Amsterdam und Berlin, aus Wien und Washington rufen an, um sich Stücke schicken zu lassen, die auf gerade mal 17 Quadratmeter Goldschmiede-Werkstatt entstehen.

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Eine Tür trennt Atelier und Wohnzimmer von Doris Betz. Auf dem Esstisch, neben Teekanne und Tabak, hat sie ihren Schmuck ausgebreitet. Kunststoff mit Gold, Silber zu wilden Knäueln geformt. Jedes Stück ist ein Unikat. "Da bin ich drin, mit meinen Einsichten und Vorstellungen", sagt sie. Eine geborene Münchnerin, 40 Jahre alt und mit 1,80 Meter so groß, dass ihr Bruder für sie einen extrahohen Goldschmiedetisch zimmerte.

Wie ein "intimer Austausch" kommt es ihr vor, wenn jemand Lust hat, ihren Schmuck zu tragen. Schmuckstücke sind Weggefährten, werden vererbt, gebettet in Schächtelchen und Sätze wie: "Als Mutter diese Kette bekam ..." Eine Kette, die das Atelier von Doris Betz verlässt, ist auf die Ewigkeit gut vorbereitet. Zuerst heizt sie dem Silberdraht mit einem Lötrohr ein. Dann zieht sie das Edelmetall durch eine Walze. Länger und dünner kommt das Material wieder zum Vorschein. "Leicht biegbar und doch stabil", sagt Doris Betz und greift zum Hammer.

Unter der Platte des Arbeitstisches hängt ein Lappen aus Leder - wer mit kostbaren Werkstoffen arbeitet, verliert ungern nur einen Krümel davon. Immer wieder legt sie den Draht prüfend auf den Entwurf, eine Bleistift-Zeichnung. "Es muss alles zusammenpassen", sagt sie, "vorher kann ich meine Arbeit nicht weggeben." Zuletzt streift Doris Betz einen Mundschutz über und reibt das Silber ab. Die Tinktur riecht eklig, wie hochkonzentrierter Nagellack. Das Metall wird dunkel, wie ein Bleistift-Strich. "Wenn ich das Silber schwärze, bekommt es eine Klarheit, als würde ich den Schmuck sauber machen", sagt sie.

Die Frau fürs Feine

Zeichnen, Löten, Walzen, Hämmern, der letzte Schliff. Das liebt sie, die Frau fürs Feine - "eine Idee haben, umsetzen, ohne Hilfe, ohne großen technischen Aufwand." Dabei war ihr klar, dass sie kein "normaler Goldschmied" werden wollte. Denn wer zu einem Handwerker in die Lehre geht, arbeitet später nach Kundenwünschen, ein Großteil davon sind Reparaturen.

Doris Betz will eigene Ideen umsetzen. Sie jobbte in Kneipen, bei Goldschmieden und leistete sich nebenher mit einem Freund ein Atelier. Schließlich wurde sie mit 29 Jahren an der Akademie der Bildenden Künste angenommen. Sechs Jahre studierte sie, suchte ihren Stil. "Harte Arbeit", sagt sie heute.

Ihr Professor Otto Künzli erinnert sich genau an "die interessante Handschrift" der Schülerin. Ihm gefallen ihre Entwürfe: "Als hätte ein Windstoß einige getrocknete Grashalme, ein Bündel knittriger Striche in die Luft gewirbelt und direkt über einem Zeichenblatt die Kraft verloren", schreibt er einmal darüber und nennt die Arbeiten "Schmuck der skrabulösen Art".

"Skrabulös" - das klingt nach kritzeln und Skrupeln und knisterndem Stroh zugleich. Aus der Natur holt sich Doris Betz gern Inspiration. Das merkt man, wenn sie die Pappschachteln öffnet, in denen sie Meerespflanzen, Baumrinden oder getrockneten Blumen aufbewahrt. "Ich glaube", sagt sie, "Goldschmiede sind immer auch Sammler."

Ketten wie Äste

Sie hebt einen Zapfen hoch, dreht ihn zwischen den Fingern. "Total irre .. . wie das gebaut ist", murmelt sie. "Ich entdecke manchmal unglaubliche Pflanzen, soviel Phantasie hat man gar nicht." Mit geradezu wissenschaftlicher Begeisterung erzählt sie von dem feinen Aufbau eines Blattes oder dem kuriosen Muster einer Blume. Jede dieser Formen prägt sie sich ein. Als Erinnerung, nicht als Kopie, tauchen sie in ihrem Geschmeide wieder auf: Eine Brosche aus geschwärztem Silber ähnelt einer dürren Alge, das Glied einer Kette einem gebrochenen Ast.

Selbstständig machte sich Doris Betz 1996. Ihre Laufbahn als Schmuckkünstlerin - so nennt sich, wer nicht als Handwerker von Aufträgen lebt - begann glänzend. Jedes Jahr ein Preis oder ein Stipendium. Im Auftrag des Deutschen Museums forschte sie, wie sich der Kunststoff Hostaglas zu Ringen und Broschen verarbeiten lässt. 1997 erhielt sie den Förderpreis "Angewandte Kunst" der Stadt. Trotzdem ist es schwer, sich auf dem Schmuckmarkt zu behaupten.

Getrübte Aussichten

Viele Goldschmiede bewerten die Branchenaussichten zurzeit als "nicht gerade rosig." Der Münchner Obermeister Michael Mann sagt: "Wir betreiben ein Luxusgewerbe. Unsere Güter braucht kein Mensch, und das Kaufverhalten ist, zurückhaltend." Diese Probleme kennt Eva Sarnowski von der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Sie organisiert den internationalen Wettbewerb "Schmuckszene" zur Handwerksmesse. "Zum Schritt in die Selbstständigkeit gehört Mut", sagt sie. Oft sei der Verdienst der Künstler nicht üppig.

Doris Betz stellt in der Münchner Galerie Spektrum aus - und in der ganzen Welt. Sie musste erst lernen zu verhandeln. Mal verkaufte eine Galerie ihre Stücke, ohne ihren Anteil zu überweisen, mal wurde ein Päckchen unversichert verschickt. "Das Hauptproblem ist", sagt Doris Betz, "dass wir alle nicht satt werden, weder die Künstler noch die Galeristen." Da wacht jeder eifersüchtig über seinen Anteil. Zwischen 50 und 70 Prozent ihres Einkommens verdient sie mit dem Schmuck-Verkauf. Zusätzlich ist sie auf Jobs angewiesen: Kurse geben an der Volkshochschule, Lötarbeiten für einen Lampendesigner, Aufträge für einen anderen Goldschmied.

Auf Urlaub hat sie die letzten drei Jahren verzichtet. "Vielleicht stelle ich noch zu wenig her", überlegt sie, "oder ich muss noch bekannter werden." Und irgendwann seufzt sie: "Mein Beruf ist mein teuerstes Hobby." Dabei trägt sie ihren Schmuck nicht mal - sie will nicht protzen: "Das Teil selbst ist die Selbstverwirklichung - unabhängig davon, ob ich es trage oder nicht."

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