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Glücksfall Arbeit:Wie man Fehlzeiten nutzt

Warum eine Passauer Softwareschmiede einen Dialysepatienten beschäftigt.

Von Christine Demmer

Mit Anwendungssoftware für Banken, Versicherungen oder das Gesundheitswesen ist die Ismaninger Firma MSG-Systems in den letzten 24 Jahren rund 1800 Mitarbeiter stark und zur Aktiengesellschaft geworden. Keine kleine Klitsche also, sondern ein Unternehmen, das auch außerhalb Deutschland tätig ist und seine Mitarbeiter als wichtigste Resource schätzt. Was auch sonst - komplexe Software schreibt sich nicht von selbst.

Armin Bender mit Alexander Philipp

MSG-Systems-Geschäftsstellenleiter Armin Bender mit Alexander Philipp.

(Foto: Foto: SZ)

1999, auf dem Höhepunkt des Internethypes, waren Programmierer und Softwareentwickler Mangelware. Um das zu ändern, bildete die Firma ihre eigenen Fachinformatiker aus. Nach drei Jahren Regelausbildung kannten die jungen Leute den Anwendungsbedarf der Kunden und programmierten, was das Zeug hielt. Auf dem Arbeitsmarkt haben Fachinformatiker gute Chancen, das gilt auch für Bewerber ohne Abitur. Bei Realschülern mit Sinn für Zahlen und logische Strukturen ist der Beruf sehr beliebt.

Auch bei MSG-Systems trafen im Sommer 1999 jede Menge Bewerbungen um einen der begehrten Ausbildungsplätze ein. Die Mappe von Alexander Philipp, damals 16 Jahre alt, weckte das Interesse von Armin Bender, dem Leiter der MSG-Geschäftsstelle Passau. Zum einen wegen seiner erstklassigen Zeugnisnoten, zum anderen wegen seines zuvor absolvierten Fachpraktikums und seiner guten Buchhaltungskenntnisse. Zum dritten wegen des Hinweises im Anschreiben, er sei chronisch nierenkrank.

Nierenkrank in diesem Alter? Armin Bender wurde neugierig. "Den schau ich mir mal an", dachte er und lud den Kandidaten zum Vorstellungsgespräch. Nach neun Bewerbungen und ebenso vielen fadenscheinigen Absagen bekam Alexander Philipp endlich seine Chance - und nutzte sie. Unumwunden räumte er ein, den weiteren Verlauf seiner Krankheit nicht abschätzen zu können. Zur Zeit fühle er sich zwar wohl, aber es könne durchaus sein, dass er künftig mehrmals in der Woche zur Dialyse müsse. "Es gibt schlechtere Vorzeichen für einen Ausbildungserfolg", dachte sich der Geschäftsstellenleiter, schaute nochmals auf das Zeugnis, erkundigte sich bei dem Praktikumsgeber und stellte Philipp als Fachinformatiker-Azubi ein.

Schon sechs Monate später war es soweit: Alexander Philipp musste sich dreimal in der Woche mehrere Stunden lang an ein Dialysegerät in der Klinik anschließen lassen. Das sei lebenswichtig, sagten die Ärzte. Die Termine gaben sein Körper und der Klinikbetrieb vor, auch während der Arbeitszeit, auch während der Berufsschulstunden. "Rund ein Drittel seiner Ausbildungszeit hat er gefehlt", sagt Armin Bender.

Doch während sich sein Blut erneuerte, holte der Auszubildende den Stoff nach und lernte für die Berufsschule. Im Juni 2002 bestand er als einer von vier Kandidaten die Abschlussprüfung vor der IHK in Passau. Obwohl er kaum mehr als 25 Wochenstunden im Betrieb gewesen war und reichlich Unterrichtsstoff verpasst hatte, brauchte Alexander Philipp dafür keine drei Jahre. Er wurde von der Firma in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen.

Heute arbeitet der 21-Jährige als Anwendungsentwickler in der Software-Firma und schreibt Programme für Rückversicherer. Seine Dialyse-Frequenz hat sich auf viermal in der Woche erhöht. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag verlässt Philipp am frühen Nachmittag seinen Arbeitsplatz, fährt nach Hause, legt sich aufs Bett und schließt sich für fünfeinhalb Stunden an sein Dialysegerät an. Das hat er leihweise bekommen, damit er von den Klinikzeiten unabhängig ist.

Die Blutwäsche ist anstrengend, "ungefähr wie ein paar Stunden lang Radfahren auf der Ebene", sagt Philipp. Danach fühlt er sich zwar erschöpft, aber es geht ihm grundsätzlich besser. Die Morgenstunden eignen sich nicht für die Dialyse. "Ich bin froh, dass ich in der Nacht regenerieren kann." Seine Krankheit ist unheilbar. Er darf nicht zu viel trinken und muss eine salzarme Diät einhalten. Als er 17 Jahre alt war, hat sich Alexander Philipp auf die Warteliste für eine Nierentransplantation setzen lassen. Im Durchschnitt müssen die Patienten fünf bis sechs Jahre darauf warten. "Mit etwas Glück bin ich bald dran", sagt er.

Bis es soweit ist, kann er nicht Vollzeit arbeiten und verdient entsprechend weniger. Davon kann er später keine Familie ernähren. Geschäftsstellenleiter Bender sieht das mit Sorge. "Ich bin sehr bemüht, Herrn Philipp auf eine 40 Stunden-Woche zu bringen", sagt er. "Damit er wirklich einmal auf eigenen Beinen stehen kann." Die Firma hat ihren Mitarbeiter mit einem Notebook ausgestattet, um ihm die Möglichkeit zu geben, auch während der Dialysezeiten zu arbeiten. Das macht Alexander Philipp gern, "ist doch egal, ob ich lese, mich mit Freunden unterhalte, fernsehe oder programmiere." In seiner knappen Freizeit geht er ins Fitnessstudio und treibt Ausdauersport. "Das zahlt sich in jedem Fall aus."

Für das Unternehmen hat sich das Investment in den jungen Mann längst gelohnt. Armin Bender hält große Stücke auf seinen Entwickler und würde jederzeit wieder einen solch begabten Dialysepatienten einstellen - trotz der hohen Fehlzeiten und des organisatorischen Aufwandes. "Am Ende zählt doch nur die Leistung", sagt Bender, "zählen nur die Ergebnisse".

© SZ vom 18.12.2004
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