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Französische Elite-Hochschule:Privileg und Prestige

Chirac, Royal, Jospin: Sie alle haben an der französischen Kaderschmiede ENA studiert. Gegner sagen, dort lerne nur eine hochmütige Elite. Um künftig Seilschaften zu verhindern, soll sie nun reformiert werden.

Die französische Regierung scheint entschlossen, eine sakrosankte Regelung zu beseitigen, mittels derer bislang die Weichen für die Besetzung der Spitzenpositionen in Verwaltung, Politik und Wirtschaft gestellt wurden. Wie der für den Staatshaushalt zuständige Minister Eric Woerth dieser Tage vor Studenten der Elitehochschule ENA (Ecole Nationale d'Administration) ankündigte, sollen die 10 bis 15 bestbenoteten Absolventen des jeweils 27 Monate dauernden Studiengangs das schon lange kritisierte Privileg verlieren, sich ihr künftiges Tätigkeitsfeld in der bürokratischen Spitze der Republik frei auswählen zu können.

Die Ecole Nationale d'Administration: Hier herrscht ein ausgeprägter esprit de corps der Besten.

(Foto: Foto: ENA)

Bislang war es Praxis, dass diese Elite der Elite automatisch Aufnahme in der "Cour des Comptes", der "Inspection des Finances" oder dem "Conseil d'Etat" fand. Alle drei Institutionen bieten ihren Mitgliedern die sichere Gewähr zügigen Aufstiegs zu leitenden Positionen in Politik, Verwaltung und Privatwirtschaft.

Kein Entrinnen - lebenslang

Wer nicht zu diesen Glücklichen gehörte, musste sich je nach Notendurchschnitt damit abfinden, im weniger prestigeträchtigen diplomatischen Dienst oder im Corps der Präfekten unterzukommen. Beide Laufbahnen sind allein schon deswegen weit weniger beliebt, weil sie mit häufigen Ortswechseln verbunden sind. Außerdem bieten sie nur begrenzte Karrierechancen, die überdies von der jeweils die Regierung stellenden Parteienkonstellation abhängig sind. Schließlich gibt es aus dieser einmal eingeschlagenen Laufbahn lebenslang kein Entrinnen mehr, denn der Aufstieg zu einer Führungsposition in Verwaltung oder Privatwirtschaft ist so gut wie ausgeschlossen.

Das verhindert nicht zuletzt der ausgeprägte esprit de corps der jeweils Besten einer "Promotion", die stets darüber wachen, dass diese Positionen nur mit ihresgleichen besetzt werden. Dieser hochdifferenzierte, hochmütig-elitäre Kastengeist der "Enarchen", wie die Absolventen der ENA genannt werden, hat aber auch zur Folge, dass sich Seilschaften und wahre "Dynastien" ausbilden, die von vornherein verhindern, dass Außenseiter eine realistische Chance haben, in den exklusiven Zirkel zu gelangen. Bezeichnend dafür ist, dass die allermeisten Absolventen der ENA aus arrivierten Familien in Paris stammen.

Wer sich nach den Noten im Abschlussexamen noch nicht einmal für die Verwendung als Präfekt oder Diplomat qualifiziert, wird "administrateur civil". Das ist gewissermaßen ein Stigma, denn es signalisiert den Eingeweihten, dass dieser Enarch sich nicht die Qualifikation erworben hatte, um seine Karriere in einem der drei prestigeträchtigen "grands corps d'état", also dem Rechnungshof, der Finanzinspektion oder dem Staatsrat zu beginnen. In der Nomenklatur der Enarchie gelten diese Absolventen deshalb als "sous-hommes", als "Untermenschen".

Auf der nächsten Seite: Warum Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der anders als seine Amtsvorgänger kein Absolvent der ENA ist, die Auswahlpraxis "schockierend" findet.

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Nepotismus und "Vetternwirtschaft"

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Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der anders als seine Amtsvorgänger kein Absolvent der ENA ist, hatte diese Auswahlpraxis kürzlich als "schockierend" bezeichnet, da sie nicht denen, die für einen wichtigen Posten am besten geeignet sind, den Zugang dazu verschafft, sondern dass allein die Noten in einem Abschlussexamen über ein ganzes Berufsleben entscheiden.

Die Kritik ist umso berechtigter, als dieser exklusive Club der Spitzen-Enarchen, von dem nicht wenige bald aus dem Staatsdienst ausscheiden, um wesentlich besser bezahlte Führungsposten in der Privatwirtschaft zu übernehmen, ein informelles Netzwerk bildet, das angesichts des traditionell engen Verhältnisses, das zwischen dem Staat und den großen Unternehmen in Frankreich besteht, Nepotismus und "Vetternwirtschaft" Tür und Tor öffnet.

Leider wird die Reform, die darauf abzielt, grundsätzlich allen Absolventen der ENA die gleichen Chancen zu eröffnen, aber erst nach 2011 wirksam werden.