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Frankreich:Adieu, Rabenmutter

Französinnen haben mehr Kinder und sind trotzdem häufiger berufstätig als deutsche Mütter - wie sich der Arbeitsalltag für Frauen in den zwei Ländern unterscheidet.

(SZ vom 26.7.2003) Gaelle Olivier fällt auf. Ihr Bauch wölbt sich unter dem cremefarbenen Top, das sie zum blauen Hosenanzug trägt. Aufrecht steht sie im lichten Foyer im Hauptsitz des Versicherungskonzerns Axa, Avenue Matignon, Paris. Als sie ihre Besucherin in Empfang nimmt, läuft eine Kollegin vorbei und ruft: "Wie geht's? Wann ist es denn soweit?" Olivier lächelt und antwortet: "Einen Monat noch." Sechs Wochen später wird sie eine E-Mail schreiben: "Der kleine Achille ist vor vierzehn Tagen auf die Welt gekommen. Es geht ihm sehr gut. Ich habe bereits wieder angefangen, ein wenig von zu Hause aus zu arbeiten."

Gaelle Olivier gehört zur Nachwuchselite Frankreichs. Das jedenfalls hat ihr und 49 anderen Jungmanagern kürzlich die Zeitschrift L'Expansion bescheinigt. "Die fünfzig jungen Wölfe des französischen Kapitalismus" lautete die Schlagzeile der Titelgeschichte und im Kurzporträt zu Olivier stand: "Die 32-Jährige ist die persönliche Assistentin von Axa-Chef Henri de Castries. Ein strategisch günstiger Posten für eine schnelle Karriere." Karriere, ja. Und das mit Kindern. Achille ist bereits der dritte Sohn von Olivier. Die beiden anderen Jungen sind drei und vier Jahre alt.

Anderer Alltag

Karen Heumann, Geschäftsführerin für Strategie und Effizienz bei der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt, gehört zur deutschen Jungmanager-Elite. Sie ist kinderlos. "Nachwuchs", sagt sie, "lässt sich mit dem aufreibenden Job nicht vereinbaren." Dabei konnte sie sich beides, Karriere und Kinder, durchaus vorstellen. Damals war das, als sie noch in Frankreich studierte: "Solange ich in Frankreich gelebt habe, war das für mich ganz klar. Ich werde einen Beruf haben, ich werde Karriere machen, es wird sich gelohnt haben, dass ich mich jetzt so anstrenge. Und ich werde natürlich auch Kinder haben", erzählt die 38 Jahre alte Frau.

Doch als sie nach Deutschland zurückkam, war plötzlich alles ganz anders. Es gab kein Rollenmodell für Frauen, die Karriere machen und Kinder haben wollen. "In Frankreich habe ich einen ganz anderen Alltag erlebt. Ich habe Frauen gesehen, die aus dem Auto steigen, hinten auf dem Sitz brüllten die Kinder, das Baguette unter dem Arm. Das waren Frauen, die gerade von der Arbeit kommen. Das ist normal in Frankreich", sagt Heumann. Diese Frauen waren für sie Vorbilder, da wollte sie sich einreihen. "Aber in Deutschland? Hier begegnen einem doch fast nur die Hausfrauen mit den Kinderwagen auf Spielplätzen", hat Heumann beobachtet.

Sie ist nicht die einzige, die dieses stereotype Leben ablehnt. Deutsche Frauen treten zunehmend in den Gebärstreik. Während nach einer Eurostat-Statistik nur acht Prozent der 1957 geborenen Französinnen noch kinderlos sind, trifft dies auf 24 Prozent der gleichaltrigen deutschen Frauen zu. Die Geburtenrate in Deutschland liegt mit statistisch 1,4 Kindern je Frau deutlich unter der französischen von 1,9 Kindern. In Frankreich steigt die Geburtenzahl sogar schon wieder, in Deutschland sinkt sie kontinuierlich.

Vor allem die gut ausgebildeten deutschen Frauen entscheiden sich gegen Nachwuchs. Vierzig Prozent der Akademikerinnen hier zu Lande haben keine Kinder. Damit hinkt Deutschland der internationalen Entwicklung hinterher. Denn im Durchschnitt der führenden Industriestaaten gilt mittlerweile: je besser die Ausbildung, desto mehr Kinder. Das hat die in Paris ansässige Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kürzlich festgestellt.

Die Karriere geht weiter

Dabei ist nicht der berufliche Ehrgeiz das ausschlaggebende Argument gegen Kinder, wie viele Deutsche es immer noch vermuten. Im Gegenteil: Französinnen haben nicht nur mehr Kinder. Die französischen Mütter sind in der Regel auch viel häufiger berufstätig als deutsche Mütter.

Mittags, bei einem Treffen mit Gaelle Olivier in einem kleinen Bistro, Feinkostladen und Restaurant in einem: Die eng stehenden Holztische sind zur Mittagszeit dicht besetzt. Olivier hat Schwierigkeiten, ihren dicken Bauch an den anderen Gästen vorbeizuschieben. Ihr Gesicht ist etwas voller geworden. Auf dem Porträtfoto in L'Expansion hat sie viel hagerer ausgesehen. Auch die Haare sind länger und lockiger. Auf die eine Frage hat sie natürlich gewartet: "Bedeutet das dritte Kind das Ende Ihrer Karriere?" Olivier lacht und antwortet: "Bestimmt nicht. Wenn die Schwangerschaft weiter gut verläuft, werde ich bis kurz vor der Geburt arbeiten. Danach habe ich die Möglichkeit, eine Zeit lang von zu Hause aus zu arbeiten. Ich muss viel telefonieren, da merkt niemand, ob ich zuhause bin oder im Büro."

Olivier spricht aus Erfahrung. Bei den ersten beiden Jungs hat sie es genauso gemacht. Und ihr Chef? "De Castries hat mir erst einmal gratuliert, als ich ihm von meiner Schwangerschaft erzählt habe. Dann hat er mich gefragt, was ich vorhabe. Als ich ihm erklärte, wie ich meine Arbeit weiterführen will, war er sofort einverstanden. Ich denke, er hat gesehen, dass ich mich und meine Familie organisieren kann."

Olivier ist in ihrer Rolle als persönliche Assistentin schwer zu ersetzen. Einzelne Aufgaben können andere Kollegen manchmal übernehmen. Aber wenn sie längere Zeit aussetzen wollte, müsste der Posten neu besetzt werden. "Meine beiden älteren Jungs haben zu Hause ein Kindermädchen", erzählt Olivier. Die Betreuerin kommt morgens um acht. Oft ist Olivier dann schon im Büro. Aber ihr Mann wartet zu Hause, bis die Kinderfrau kommt. Sie bleibt bis abends um sieben. Dann kehrt Olivier zurück. Ihr Mann, der in der Autoindustrie arbeitet, kommt später. "Einer von uns beiden ist immer da, wenn die Kinderfrau kommt oder geht", sagt Olivier.

Seitdem die Kinder drei Jahre alt sind, besuchen sie zudem die staatliche französische Vorschule. Sie ist keine Pflicht. Aber 99 Prozent der Franzosen besuchen die Vorschule vom dritten Lebensjahr an. Vielen Eltern ist gar nicht mehr bewusst, dass die Schulpflicht erst mit sechs Jahren beginnt. Selbstverständlich bleiben die Kinder bis nachmittags in der Vorschule.

Großes Misstrauen

Ganz anders in Deutschland. Zwar gehen fast alle Dreijährigen mittlerweile in den Kindergarten. Aber in den alten Ländern der Bundesrepublik sind nicht einmal ein Fünftel Ganztagseinrichtungen. Nur Ostdeutschland ist eine Ausnahme. Dort sind nahezu alle Kindergärten den ganzen Tag geöffnet.

Die französische Familienforscherin Jeanne Fagnani hat untersucht, warum Französinnen mehr arbeiten und mehr Kinder haben als Deutsche. Sie kommt zu dem Schluss, dass die unterschiedliche Kinderbetreuung eine Rolle spielt - aber nicht die entscheidende. Gewiss, schreibt Fagnani in einer Studie, sei die französische Politik, anders als die deutsche, mit zunehmend besseren Kinderbetreuungseinrichtungen seit den siebziger Jahren auf die arbeitende Mutter ausgerichtet. Bei den deutschen Frauen dagegen fiel ihr ein großes Misstrauen gegen jegliche Versorgung der Kinder außerhalb des eigenen Hauses auf: "Die Mehrheit der westdeutschen Frauen glaubt immer noch an die Theorie, dass ein Kind unter drei Jahren ständig bei der Mutter sein sollte, und dass jede Trennung traumatisch für das Kind sei." Dabei entbehrt dieser Glaube jeglicher wissenschaftlichen Grundlage, sagt der Leiter des Münchner Instituts für Frühpädagogik, Wassilios Fthenakis. Und nicht nur das, er "enthält kleinen Kindern auch wichtige Entwicklungsmöglichkeiten vor".

"Och, wie Sie das machen"

Dennoch zeigt sich der ausgeprägte Mutterinstinkt zäh, wie manche Unternehmen schmerzlich feststellen müssen, die ihre Mitarbeiterinnen mit Kindern gerne halten würden. So rollt etwa die Commerzbank jungen Müttern geradezu einen roten Teppich aus. Von umfangreichen Informationen zum Wiedereinstieg in den Beruf über die kostenlose Beratung zu Möglichkeiten der Kinderversorgung bis zur hauseigenen Betreuung "Kids und Co". Diese Kindertagesstätte steht immer offen, wenn die eigene Tagesmutter krank wird, die Großeltern verreist oder gar nicht vor Ort sind.

Die Commerzbank bietet damit jungen Eltern Möglichkeiten, von denen selbst Französinnen nur träumen können. Dennoch arbeiten nur etwa 60 Prozent der jungen Mütter bei der Commerzbank weiter. Das ist nicht mehr als im deutschen Durchschnitt. "Unternehmen können zwar Hilfe leisten, aber entscheidend ist der Einfluss der Familie, des sozialen Umfelds", sagt Barbara David, die das Projekt in der Commerzbank betreut. "Wenn die Eltern oder wenn Freunde sagen, 'was, du gibst deine Kinder ab, um zu arbeiten', dann kommen alle Wiedereingliederungsprogramme dagegen nur schwer an."

Kerstin Niethammer-Jürgens ist Familien-Anwältin in Potsdam. Sie wurde mit spektakulären Fällen bekannt - etwa mit dem Fall, als der Sohn der Rocksängerin Nina Hagen vom eigenen Vater festgehalten wurde. Spektakulärer noch ist für viele, dass die Anwältin fünf Kinder hat. Sie sind vierzehn, zwölf und zehn Jahre alt. Die beiden Zwillinge haben gerade ihren achten Geburtstag gefeiert. "Auf der einen Seite höre ich: 'Och, wie Sie das machen' Auf der anderen Seite kommt aber auch richtig Kritik: 'Warum haben Sie denn überhaupt Kinder in die Welt gesetzt, wenn Sie doch nicht da sind?'" Die Schelte, stellte Niethammer-Jürgens fest, kommt ausschließlich von Frauen.

"Eine Rabenmutter? Was ist das?" fragt Sandrine Cailleteau, die eine deutsche Mutter hat, erstaunt. Das Wort gibt es nicht im Französischen. Die 38 Jahre alte Pariser Strategieberaterin in der Pharmaindustrie hat drei Kinder im Alter von zehn, vier und zwei Jahren. Nach kurzem Nachdenken fügt sie hinzu: "Eine gute Mutter zeichnet sich dadurch aus, dass sie Qualitätszeit mit ihren Kindern verbringt, ihnen zuhört, mit ihnen spielt und diskutiert, wenn sie da ist." Wenn Cailleteau abends gegen sieben Uhr nach Hause kommt, hat ihr männlicher Kinderbetreuer die Kleinen bereits gebadet und ihnen das Abendessen gemacht. Die Mutter liest dann die Gutenacht-Geschichte vor.