Ehrenamt Bergwacht Höchstleistung in der Steilwand

Der Münchner Bergretter Markus Eckert hilft unter extremen Bedingungen, wenn andere Sportler nicht mehr weiter können.

Von Kathrin Steinbichler

Viele Hochleistungssportler weisen in ihrer Berufsbezeichnung nicht darauf hin, dass sie welche sind. Die SZ hat Menschen besucht, deren Berufsalltag vom Sport bestimmt wird, ohne dass es auf den ersten Blick auffällt.

"Mit jedem Trend gibt's neue Einsätze": Markus Eckert.

(Foto: Foto: Pahnke)

Ruhig. Sehr ruhig ist es um Markus Eckert, obwohl an diesem Nachmittag in der Münchner Seitzstraße im Lehel geschäftiges Treiben herrscht. Rund um den 32-Jährigen von der Bergwacht München dröhnt der Maschinenlärm einer Baustelle, im Innenhof des Hauptsitzes des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) bereiten kleine Menschengruppen ihre Einsatzwägen für den Rettungsdienst vor. Mittendrin macht sich Eckert mit ruhigen, bestimmten Handgriffen für die Dienstfahrt fertig, die für ihn als Bergwachtler zum regelmäßigen Pflicht- und Übungsprogramm gehört.

In den acht Stunden, die nun vor Eckert liegen, kann es sein, dass er Leben retten und um Gesundheit kämpfen muss. Da ist es gut, wenn einer Ruhe ausstrahlt und dem eigenen Körper und seinen Entscheidungen vertraut. Seine Stimme wird nie laut, nie schnell. Eckert beruhigt.

Andere Menschen werden abhängen von dem, was Eckert in dem Moment, in genau dieser Situation zu leisten imstande ist. Doch Eckert will kein Lob, er sagt nur: "Die Bergwacht ist ein Ehrenamt. Das heißt, dass man eine Verpflichtung eingeht und einen gesetzlichen Auftrag hat." Wer in Not steht, hat in Deutschland Anspruch auf einen Rettungseinsatz, und der leidenschaftliche Bergsteiger und Skifahrer Markus Eckert hat entschieden, dazu beizutragen. Und zwar dort, wo andere nicht mehr helfen können, weil sie nicht mehr weiter wissen - in den Bergen.

Leichtsinnige "Halbschuhtouristen"

1920, als Fritz Berger in München die erste Bergwacht in Deutschland gründete, ging es darum, "Ordnung, Sitte und Anstand im Gebirge wieder herzustellen", zumal im und nach dem Ersten Weltkrieg Wilderei, Hütteneinbrüche, Vieh- und Holzdiebstähle in den Bergen zugenommen hatten. Zudem war es unter den Städtern Mode geworden, Ausflüge in die Berge zu machen, was die Zahl der Verunglückten drastisch erhöhte. "Es sind ja nur selten die Einheimischen, denen man helfen muss", sagt der Münchner Markus Eckert auch heute, "sondern die, die sich nicht auskennen oder überschätzen."

Jahr für Jahr nimmt nun die Zahl der Noteinsätze der Bergwacht zu, "mit jedem neuen Trend gibt's neue Einsätze", sagt Eckert. Nicht nur mehr Bergsteiger und Skifahrer, auch Wanderer, Mountain Biker, Nordic Walker und die sogenannten "Halbschuhtouristen", wie Eckert sie nennt, brauchen vermehrt nach Stürzen, Brüchen, Herzinfarkten oder Kreislaufproblemen Hilfe.

Rund 12.000 Einsätze leistet die bayerische Bergwacht jährlich, allein die Münchner Gruppe musste 2006 von den Diensthütten in ihren Einsatzgebieten rund um Garmisch-Partenkirchen, Spitzingsee, Sudelfeld, Brauneck und die Ruchenköpfe über 1000 Mal zum Einsatz ausrücken. Unter Bedingungen, die absolute körperliche Höchstleistung verlangen.

"Bei uns liegt ein Verletzter ja nicht auf der Straße", erklärt Eckert, "sondern er hängt in der Steilwand oder liegt in unwegsamen Gelände." Um dort nicht nur hinzukommen, sondern auch medizinische Hilfe zu leisten, haben Bergwachtler eine zweieinhalbjährige Ausbildung hinter sich, in der sie in rund 750 Stunden und etlichen Praktika und Rettungsschichten lernen, auf jeden Fall reagieren zu können - medizinisch wie bergtechnisch. Dazu kommen jährliche Eignungstest, Übungseinsätze und Fortbildungen, mindestens sechs Dienstwochenenden pro Jahr in den Bergen und die Einsätze beim BRK.

Und das alles - ehrenamtlich. Nur ein kleiner Teil der Bergwacht ist hauptamtlich angestellt, die meisten der rund 6000 Bergwachtler in Bayern setzen sich aus Motiven ein wie Eckert, der im Hauptberuf Referent des Geschäftsführers und Justiziar des Deutschen Alpenvereins ist: "Ich wollte schon immer Menschen helfen, und ich wollte wissen, wie viel psychisches und körperliches Leid ich wegstecken kann." Das Akkordeonspielen musste er "aus Zeitgründen" aufgeben, doch selbst seine Lebensgefährtin hat jetzt begonnen, sich zur Bergwachtlerin ausbilden zu lassen. Der Dienst am anderen geht eben vor.