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Druck auf Mitarbeiter:Erst der Job, dann die Gesundheit

Historisch niedrigster Stand

Wie in Unternehmen mit Krankheiten verfahren wird, hat der Sozialforscher Stephan Voswinkel von der Universität Frankfurt recherchiert. "Krankheitsverleugnung: Betriebliche Gesundheitskulturen und neue Arbeitsformen" lautet sein derzeitiges Forschungsprojekt, das um eine statistische Auffälligkeit kreist: Seit 1980 ist der Krankenstand in deutschen Unternehmen von 5,5 auf 3,3 Prozent gesunken. Das ist der historisch niedrigste Stand überhaupt. Sind Deutschlands Beschäftigte also so gesund wie nie? "Nein", sagt Voswinkel, "mit dem betrieblichen Tunnelblick auf Anwesenheitsquoten hat sich vielmehr der Präsentismus verbreitet."

Mit mehr Eigenverantwortung sowie Projekt- und Teamarbeit unter Zeitdruck nähmen viele Beschäftigte den sozialen Druck ihrer Arbeitskollegen vorauseilend vorweg und räumten beruflichen Belangen Priorität vor der Gesundheit ein. "Solchen Beschäftigten fällt es schwer, sich auf die Arbeitnehmerrolle zurückzuziehen und sich krankschreiben zu lassen", sagt Voswinkel.

Mehr Druck und Disziplin

Wer sich also mit dem sprichwörtlichen Kopf unterm Arm zur Arbeit schleppt, betreibt "Krankheitsverleugnung": Die Krankheit gerät zum illegitimen Störfaktor, der unterdrückt, ignoriert oder ausgeblendet wird. Die Angst um den Arbeitsplatz in Zeiten der Wirtschaftskrise tut darüberhinaus das Ihrige zur Erhöhung der Anwesenheitsquote in den Betrieben.

US-Studien förderten zutage, dass dies aufgrund eingeschränkter Schaffenskraft für dreifach höhere Produktivitätsverluste sorgt als etwa Fehltage. In diesem Licht betrachtet trügen die durch Lidl und Müller ins Gerede gekommenen Rückkehrgespräche Voswinkel zufolge durchaus den "Doppelcharakter einer kontrollierenden Fürsorge" - einmal als Zeichen guten Arbeitgeberwillens, andererseits als Instrument für mehr Druck und Disziplin. Letztlich sei das eine Frage der Unternehmenskultur. Oder, wie die beim IG-Metall-Vorstand angesiedelte Gesundheitsexpertin Eva Zinke sagt: "Es grenzt an Zynismus, wenn Beschäftigte erst krank werden müssen, damit mit ihnen geredet wird."

© SZ vom 21.4.2009/bön
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