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Doping im Job:"Pillen zu schlucken, ist nichts Besonderes mehr"

Meiners: Nein, denn Haschisch oder Koks sind illegal. Im Gegensatz dazu sind die Medikamente der Doper alle legal und zugelassen. Hat ein Kranker ein Rezept dafür, wird er sie auch ganz einfach bekommen. Für Gesunde ist es dagegen nicht so simpel. Sie beschaffen sich die Pillen im Ausland, wo die Rezeptpflichten laxer gehandhabt werden. Sie bestellen bei Internet-Apotheken, erhalten von ihrem Arzt vielleicht auch mal ein Ärztemuster oder besorgen sich die Mittel bei Freunden und Bekannten.

sueddeutsche.de: Wie muss man sich das vorstellen? Gibt die Mutter eines Kindes mit ADHS dann die Pillen weiter?

Meiners: So in etwa. Es gibt auch Wunschverordnungen: Dabei bekommen Gesunde ein Mittel auf Privatrezept verordnet. Oder man tauscht sich aus und bekommt von Kollegen Tipps, wie die Medikamente zu beschaffen sind.

sueddeutsche.de: Besitzen die Doper ein Unrechtsbewusstsein?

Meiners: Das hängt natürlich immer von der Reflexionsfähigkeit des Einzelnen ab. Den meisten ist vermutlich klar, dass das, was sie tun, auf Dauer nicht gesund ist. Trotzdem nehmen sie lieber eventuelle Nebenwirkungen in Kauf als im Job kürzer zu treten.

sueddeutsche.de: Was unternehmen Arbeitgeber dagegen? Oder ist es Firmen sogar recht, wenn ihre Mitarbeiter auf diese Weise ihre Leistungsfähigkeit steigern?

Meiners: Natürlich freut sich jedes Unternehmen über Höchstleistungen. Auf Dauer werden Doper jedoch richtig krank, irgendwann steigt der Körper aus - und das ist nicht mehr im Sinne des Arbeitgebers. Grundsätzlich ist aber jeder Mitarbeiter selbst dafür verantwortlich, sich zu entspannen und das richtige Maß zwischen arbeitsintensiven und ruhigen Phasen zu finden. Doper schaffen das nicht. Sie sind überdurchschnittlich leistungswillig sowie hochmotiviert und passen sich dem Ideal der 24-Stunden-Dienstleistungsgesellschaft an.

sueddeutsche.de: Das heißt, sie dopen nicht, weil das Unternehmen sie stresst, sondern weil sie sonst ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen?

Meiners: Im Prinzip ja. Doper empfinden nicht zwingend ein Defizit im Unternehmen, etwa großen Druck. Vielmehr ist es ihre eigene Entscheidung, immer mehr leisten zu wollen oder - gerade bei berufstätigen Frauen - dem eigenen Perfektionismusanspruch gerecht zu werden. Wer sowohl in der Familie als auch im Job vollkommen sein will, schafft das eben nicht immer ohne Hilfsmittel.

sueddeutsche.de: Wird das Phänomen zunehmen?

Meiners: Ja, wir rechnen damit, dass sich der Trend fortsetzt und die Zahl der Doper in Zukunft steigt. Erstens erschweren es Smartphones und E-Mail, abzuschalten und die Arbeit auch mal Arbeit sein zu lassen. Zweitens steigt in der Gesellschaft die Akzeptanz, solche Medikamente zu nehmen. Lifestylepillen gegen Haarausfall oder für glattere Haut haben die Entwicklung eingeläutet: Heute nehmen wir bei Wehwehchen, die wir früher akzeptiert hätten, bereitwillig Tabletten. Es ist nichts Besonderes mehr, Pillen zu schlucken. Das wird sich auch auf das Doping am Arbeitsplatz auswirken.