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Die Kunst der Selbstausbeutung:"Arbeitslose auf Bewährung"

Schrenk: Auf jeden Fall war die Trennung zwischen Freizeit und Arbeit stärker. Freizeit war Freizeit. Heute sind viele Berufstätige rund um die Uhr für die Firma erreichbar.

SZ: Umfragen haben ergeben, dass Arbeitnehmern ihre Freizeit zunehmend wichtiger wird. Widerspricht das nicht der Theorie der Selbstausbeutung?

Schrenk: Selbstausbeutung ist absolut ambivalent. Ich habe zum Beispiel mit einem Banker gesprochen, der 80 bis 90 Stunden in der Woche arbeitet, keine Freundin hat, dessen Wohnung noch nicht eingerichtet war. Er findet es schade, dass er keine Freizeit hat, ist aber beruflich sehr eingespannt. Die Leute wissen durchaus, dass ihnen etwas fehlt und Arbeit nicht alles ist. Doch der Arbeitsmark hat sich verschärft. Weil die Konkurrenz größer ist, haben Angestellte Angst, ihren Job zu verlieren. Sie sind Arbeitslose auf Bewährung.

SZ: Welche Rolle spielen heute noch Gewerkschaften - sind sie ein überholtes Modell oder notwendiger denn je?

Schrenk: Gewerkschaften fällt es schwer, auf Selbstausbeutung zu reagieren. Nur als Beispiel: In vielen Unternehmen, etwa bei Mercedes oder auch VW, stechen die Angestellten sich um 17 Uhr aus und gehen dann wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. So eine Haltung ist für eine Gewerkschaft natürlich ein Problem. Sie müssen sich also etwas einfallen lassen, wie sie die einzelnen Selbstunternehmer überhaupt noch erreichen.

SZ: Welche Wege gibt es aus der Selbstausbeutung?

Schrenk: Die neue Arbeitswelt ist vertrakt und verworren. Wir müssen sie und das Prinzip der Selbstausbeutung erst einmal verstehen und dann neue Grenzen zwischen Job und Freizeit ziehen.

© SZ-Primetime vom 16.10.2007
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