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Der Mensch im festen Griff der Technik:Digitale Sklaventreiber

Überfrachtet mit Informationen, ständig unterbrochen: Der moderne Büromensch kommt kaum mehr zum Arbeiten. Nun soll Software sein Tun überwachen und entscheiden, was relevant ist, was nicht.

Entspannt plaudert Eric Horvitz schon eine halbe Stunde lang in seiner Bürozelle auf dem Microsoft Campus in Redmond, einer beschaulichen Vorstadt von Seattle. Das Handy unterbricht seinen Redefluss nicht, das Festnetztelefon ist nicht zu hören. Die E-Mail-Box meldet sich ebenso wenig wie ein Chatprogramm oder der digitale Terminkalender. All die modernen Plagegeister, die nicht zuletzt Microsoft in die Welt gesetzt hat, scheinen in Horvitz' Gegenwart wundersam gezähmt. "Das liegt an der hier entwickelten Notification Platform", erklärt der Computerwissenschaftler grinsend, während er sich in seinen Schreibtischstuhl zurücklehnt. "Das System weiß aus meinem Kalender, dass ich ein Treffen habe - und über ein Mikrofon stellt es fest, dass unser Gespräch andauert. Deshalb hält es alle Benachrichtigungen zurück, die warten können."

Wundermittel Technik? Erst stresst sie, nun soll sie den Stress, den sie selbst verursacht, wieder beseitigen.

Wundermittel Technik? Erst stresst sie, nun soll sie den Stress, den sie selbst verursacht, wieder beseitigen.

(Foto: Foto: sueddeutsche.de)

Der bislang nur als Prototyp existierende virtuelle Privatsekretär ist ein Wunschtraum für überbeschäftigte Büroangestellte. Täglich kämpfen sie mit der sich aus allen Informations- und Kommunikationskanälen ergießenden Ablenkungsflut. Wer über die Anforderungen klagt, dem wird nur das Ideal des "Multitasking" vorgehalten: Man müsse halt mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen. Mitarbeiter sollen emsig Word-Dokumente bearbeiten, Buchhaltung führen, programmieren und Besprechungen vorbereiten. Kaum Zeit zum Atemholen: Ständig drängt ein unerledigter Auftrag, wartet eine E-Mail auf Antwort, treffen Unterlagen ein und wichtige Anrufe.

Kritiker wie der Informationstheoretiker David Levy von der University of Washington glauben, dass Menschen in all dem Datenchaos eine Auszeit brauchen, dass die Lösung in Gehirnen gefunden wird, nicht in Chips: "Wir müssen uns auf uns selbst besinnen, nicht auf den Computer." Doch wenn es nach Horvitz geht und nach seinen Konkurrenten bei Apple und anderen Softwareschmieden, dann werden weder unnachsichtige Selbstdisziplin am Schreibtisch noch computerfreie Erholungszeiten die gestressten Bürokräfte retten. Stattdessen soll die Technik, die sie so subtil versklavt hat, helfen, die Fesseln zu lockern.

Das erweiterte Selbst

Der Befund am digitalen Arbeitsplatz ist ernüchternd. Gloria Marks, Expertin für interaktive Technologien an der University of California in Irvine, hat 2004 eine Aufsehen erregende Studie über das Arbeitsverhalten in einer Hightech-Firma veröffentlicht. Ihr Ergebnis: Im Schnitt verbrachten die Mitarbeiter nicht mehr als elf Minuten mit einem Vorhaben - einer Recherche etwa oder einem Protokoll. Grund für diese sprunghafte Arbeitsweise waren vor allem von außen kommende Unterbrechungen. Zur Konzentration trägt das nicht gerade bei. "Die kognitiven Kosten für diesen ständigen Wechsel sind hoch", sagt Marks knapp. Zumal die kurzen Arbeitsphasen einem noch kurzatmigeren Takt aus Drei-Minuten-Tätigkeiten folgten: Telefon, Internet, persönliche Gespräche.

Wer im fragmentierten, multimedialen Arbeitsprozess produktiv sein will, tut sich schwer. Ungezählte Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen effizienter tätig sind, wenn sie sich Aufgaben der Reihe nach widmen, nicht gleichzeitig. Eine Studie der Technologiefirma Basex vom Anfang des Jahres errechnete, dass die ständigen Störungen die US-Volkswirtschaft jährlich 28 Milliarden Arbeitsstunden kosten. Der Psychiater Edward Hallowell macht schon ein neues Leiden aus, das durch Multitasking verursacht wird - den "Aufmerksamkeitsdefizit-Charakterzug". Klinische Studien zu solchen Beschwerden stehen jedoch noch aus.

Gemessen an Horvitz' Gelassenheit mag Technik einen Ausweg aus der Krise weisen. Entworfen in den Microsoft Research Labs, die als Ideengeber für den weltweit größten Softwarekonzern fungieren, überwacht die "Notification Platform" alle eingehenden E-Mails, Anrufe und sonstigen Benachrichtigungen und gewichtet sie nach Dringlichkeit. Im Falle elektronischer Post überprüft der Filter, ob eine Nachricht von einem regelmäßigen Korrespondenzpartner stammt, ob Fragen im Text vorkommen oder ob der Sender einen Termin erwähnt. Bei einem Telefonat vergleicht das System die übermittelte Nummer des Anrufers mit der Rangfolge wichtiger Gesprächspartner, die die Prioritäten des Nutzers widerspiegelt. Nicht unbedingt schmeichelhaft: Bei Horvitz rangiert Bill Gates vor der eigenen Ehefrau. Wer unbekannt ist, landet sofort beim Anrufbeantworter.

Gleichzeitig kontrolliert die "Notification Platform", womit der Nutzer beschäftigt ist. Sensoren verraten, ob er tippt, das Mikrofon stellt fest, ob er ein Gespräch führt, und sein Kalender gibt preis, wo er sich gerade aufhält, wenn er nicht im Büro ist. "Als ich vor einiger Zeit im Urlaub war, erhielt ich eine einzige Nachricht", sagt Horvitz. Ein Fachjournal hatte ein Schriftstück nicht erhalten, das er versprochen hatte. "Bei meiner Rückkehr wäre es zu spät gewesen." Deshalb fügt Horvitz mit Blick auf die Kritiker des permanenten Vernetztseins hinzu: "So weiß ich selbst im Urlaub, dass ich mir um nichts Sorgen machen muss, wenn mein Handy nicht klingelt."

Die Entscheidung, ob und wann ein Nutzer informiert werden soll, trifft die "Notification Platform" aufgrund einer Wahrscheinlichkeitsanalyse. Dabei wägt sie den Nutzen einer Nachricht gegen die Folgen der Unterbrechung ab. "Da agiert das System stellvertretend für uns. Es verarbeitet Informationen auch nicht viel anders als unser Bewusstsein, wenn wir aufgrund beschränkter Informationen rasch Entscheidungen treffen müssen", erklärt der Computerwissenschaftler. "Gewissermaßen ist es eine virtuelle Erweiterung unseres Selbsts."

Digitale Sklaventreiber

Da mag es etwa unpassend erscheinen, Horvitz umgehend von einer E-Mail zu unterrichten, weil er gerade einen Artikel schreibt. Doch das gespeicherte Nutzerverhalten des Forschers legt nahe, dass er innerhalb der nächsten zehn Minuten eine Pause machen wird. Dann kann die Software, ohne größeren Konzentrationsverlust zu verursachen, Horvitz' Aufmerksamkeit beanspruchen. Vor allem dann, wenn es den Hinweis in einem Textfenster mit einer Entschuldigung für die Unterbrechung höflich vorbringt, wie Nutzerstudien zeigen.

Die emsig spähende Software kann auch Arbeitskollegen ihres Besitzers mitteilen, wann er erreichbar sein dürfte. Ein Klick auf seinen Namen in der Mitarbeiterliste zeigt an, womit er beschäftigt ist - und wann er voraussichtlich E-Mails liest oder müßig Löcher in die Luft starrt. "Wir wollen dabei aber sichergehen", beeilt sich Horvitz zu sagen, "dass die Privatsphäre gewahrt bleibt - jeder kann selbst bestimmen, wem welche Informationen zugänglich sind." Ob Vorgesetzte indes erfreut reagieren, wenn Mitarbeiter sich weigern, ihren Arbeitsrhythmus offen zu legen, kann der Microsoft-Mann auch nicht sagen.

Mit digitalen Knechten, die Kommunikationskanäle sorgsam überwachen, ist die Gefahr der geistigen Verhedderung aber längst nicht gebannt. Oft ist der Bildschirm mit offenen Fenstern derart zugepflastert, dass Benutzer ein wichtiges Projekt aus den Augen verlieren - und vergessen.

Riesenmonitor als Aufräumer

Im Nachbargebäude von Horvitz' Forschungsgruppe sitzt die Kognitionspsychologin Mary Czerwinski in einer signalfarbenen Bluse - recht passend, ist sie doch Leiterin des Bereichs "Visualisierung und Interaktion". Ihr Labor ist ein Konferenzraum mit einer mit Flachbildschirmen gepflasterten Wand. Über einigen Tischen sind zudem Displays wie Flügelaltäre angebracht. "Es ist keine Zauberei nötig, um das Dickicht am Bildschirm zu lichten", sagt Czerwinski. "Für den Anfang reicht es, mit einem großen oder auch mit mehreren Bildschirmen zu arbeiten."

Die Forscherin hatte 2003 herausgefunden, dass ein großer Bildschirm gegenüber handelsüblichen 15-Zoll-Monitoren die Produktivität um 30 Prozent erhöht. Allerdings maß das erfolgreiche Vergleichsobjekt volle 42 Zoll. Das ist wohl noch eine Nummer zu groß für normale Büros. Dennoch hält Czerwinski die Aufrüstung bei fallenden Preisen für unumgänglich: "Eine solche Steigerung der Arbeitsleistung haben wir auf keinem anderen Weg erreicht."

Eine weitere Strategie in Sachen besserer Überblick zielt darauf, Fenster zu bündeln, die zu einer Aufgabe gehören. Daran arbeiten Forscher der Oregon State University. Ihre Hilfsfunktion "Task-Tracer" registriert akribisch, welche Dokumente, Termine und Anwendungen zusammengehören. Wird der Nutzer abgelenkt oder hat er sich anderen Aufgaben zugewandt, stellt das Programm mit einem Mausklick auf einen Projektnamen den Kontext wieder her.

Auf verwandte Weise nutzt eines von Czerwinskis Projekten die Peripheriewahrnehmung abseits des momentanen Fokus der Aufmerksamkeit. "Scalable Fabric" erlaubt Dokumente und Programme verkleinert an den Bildschirmrand zu schieben und unter einem eigenen Namen zusammenzufassen. Zieht man eines der Fenster in die Mitte des Arbeitsfeldes, vergrößert es sich kontinuierlich. Mit einem Doppelklick entfaltet es sich dort zur Originalgröße.

Die Ökonomie des Bildschirms zu perfektionieren, bleibt für Czerwinski jedoch auf Dauer nur ein Hilfsmittel. Wie der Datenkritiker David Levy glaubt sie, die eigentliche Lösung werde im Kopf geschaffen - aber mit anderen Vorzeichen: Der menschliche Geist werde sich durch den Umgang mit Computern auf Dauer verändern, meint die Psychologin. Zum Beleg erzählt sie von ihrer Tochter, die mit Computern aufgewachsen ist. Am Abend zuvor habe sie ihrer Schulfreundin telefonisch geholfen, eine Gedichtstrophe zu interpretieren. Nebenher tippte sie in ein Chatprogramm und schaffte es auch noch, Online-Lexika für ihre Hausaufgaben zu konsultieren. "Das hat sie spielerisch gemeistert."

Um solchen Geistesleistungen systematisch auf die Spur zu kommen, misst Czerwinskis Mitarbeiter Desney Tan bereits die Gehirnströme von Computernutzern. Ausgetüftelte Analyseprogramme haben in den Denkkurven Charakteristika gefunden, die mit hoher Treffsicherheit aussagen, ob eine Person sich ausruht, in ein Computerspiel involviert ist oder Rechenaufgaben löst. Auf lange Sicht erlaube das zu erkennen, so Tan, wann man einen manisch tippenden Programmierer stören darf - sofern der Elektroden an der Schläfe trägt. Doch geht es nicht nur darum, Horovitz' "Notification Platform" neuronal aufzurüsten. "Wir wollen Computer und Bewusstsein besser aufeinander abstimmen", erklärt Tan. "Der Computer könnte so erkennen, wann eine Person mit der Software kämpft - und ihr dann unter die Arme greifen."

Microsofts Marktmacht mag helfen, solch gewagte Ideen in die Tat umzusetzen. Dem können Kritiker des von Information getriebenen Lebensstils nicht viel entgegensetzen. Außer der Hoffnung, wie David Levy sagt, "dass wir eine Art Naturschutzbewegung gegen die Datenflut in Gang setzen werden." Auch die Umweltschützer hätten lange gebraucht, bevor sie die Mitte der Gesellschaft erreichten. "Das gibt mir Hoffnung. Ich glaube, dass die Bewegung gegen ,Information Overload" erst am Anfang steht. "

Vom "digitalen Wahnsinn" und Auswegen aus der Datenflut handelt auch die Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe des Magazins SZ Wissen.

© SZ vom 20.7.2006
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