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Das Meeting:Parteitag in der Firma

Es gibt Mitarbeiter, die sind nur für Meetings geeignet und für sonst gar nichts. Andere leiden dabei Höllenqualen. Die ganze Wahrheit über Meetings, Workshops und professionelle Trainer (sorry: Coaches).

Von Lisa Spitz

Vermutlich ist die Wirtschaftslage so schlecht, weil die Verantwortlichen in den Betrieben (und Behörden) ständig zusammensitzen und über die schlechte Wirtschaftlage sprechen müssen. Früher waren das Beratungen, Konferenzen, Verhandlungen und Tagungen, heute trifft man sich zu Workshops oder wenigstens zu Meetings. Das sagt schon alles. Meeting ist wie Party, nur ohne Musik, dafür mit Kaffee und Keksen. Seit es diese Verweilform gibt, hat eine neue Entfremdung von der Arbeit stattgefunden. Vielleicht gehört das auch zu den Folgen des sogenannten Infotainments.

Meeting

Erst pacen, dann leaden -es geht schließlich nicht um peanuts.

(Foto: Foto: photodisc)

Auch ein anderer Typus Mitarbeiter ist entstanden. Ohne weiterreichende Entscheidungsbefugnis und kreativen Spielraum, auch ohne Talent dazu, hangelt er sich von Meeting zu Meeting. Er kann Sachzwänge verdeutlichen, selbstverständliche Abläufe in ihrer Tragweite herausstellen, zu Bedenken geben, beipflichten, egal um was es sich handelt. Seine Routine macht ihn unersetzlich. Dem neuen Mitarbeiter ist es egal, wer Chef ist, er sorgt ja für die Kontinuität. Sein Ziel ist es, gut präpariert in das nächste Meeting zu gehen. Mit dem Vergleich der Filofaxe oder Palmtops enden deshalb alle Zusammenkünfte. Beim nächsten Mal werden die Sprechrollen vielleicht schon neu verteilt, da gilt es, Redezeit zu gewinnen, Strukturpapiere vorzulegen und Protokolle anzufechten. Es gibt Mitarbeiter, die sind nur für Meetings geeignet und für sonst gar nichts. Andere leiden dabei Höllenqualen, weil auf ihren Schreibtischen jede Menge Arbeit wartet.

Globales Verbrüderungsprogramm

Zunächst zum Workshop. Er ist so etwas wie ein Parteitag in der Firma und findet gerne an einem Wochenende statt. Wichtig ist das Gefühl, unbeschwert das Tagesgeschäft hinter sich lassen zu können. Deshalb fährt man beispielsweise in ein Golfhotel an den Tegernsee. Da kann auch abends keiner aus der Geiselhaft fliehen, und das tagsüber Gehörte hat Gelegenheit, bei einem Gläschen mit den Kollegen tiefer einzusickern.

Alles sehr menschlich. Zu einem Workshop wird gerne ein externer Trainer eingeladen, meist sind das ehemalige Mitarbeiter aus der Branche, die mit ihrer Berufserfahrung ins Tourneegeschäft eingestiegen sind. Ihre wichtigste Botschaft heißt: Erstens, das Unternehmen muss sich kundenorientiert aufstellen, zweitens, es muss drastisch Geld gespart werden.

Doch der Reihe nach. Künftig, so die Lektion, muss der Mitarbeiter den Kunden bei seinem Problem abholen und sich von ihm ständig bei der Arbeit begleiten lassen, jeder in der Firma soll sich in den Kunden und seine geheimsten Wünsche hineinversetzen, damit die Produkte des Hauses unentbehrlichen Nutzen stiften können. Da jedoch jedes Unternehmen selbst wieder Kunde von anderen Unternehmen ist, findet - global gesehen - ein einziges Verbrüderungsprogramm statt: Alle Menschen werden Kunden! Sicher gibt die UN bald Gelder dazu. Konfliktprävention. Aber wenn die Rechnung aufgeht, haben wir bald nur noch Waren, gleich ob Dosenöffner oder Tageszeitung, die sich unserer ausgeforschten Kundenexistenz entgegenschleimen.

Ein ähnlicher Kreislauf wird mit dem Sparen in Gang gesetzt. Die Grünen müssten Luftsprünge machen, wie ressourcenschonend der Kapitalismus plötzlich daherkommt: Der Filialleiter der Autofirma lernt bei einem Workshop seines Unternehmens, dass es auch ohne neue Ausstellungshalle geht, die Baufirma muss deshalb ihren Polier entlassen, der verkneift sich folgerichtig die neue Schrankwand, weshalb der Inhaber des betroffenen Möbelhauses die Anschaffung seines neuen Kombis verschiebt, was aber dazu führt, dass der Autohändler...Da alle Unternehmensberater den gleichen Katechismus aufsagen, kann man sich vorstellen, wann die Wirtschaft ihren letzten Atemzug macht.

Kiss me, Stupid!

Ein professioneller Coach unterstützt seinen Vortrag gerne durch ein kryptisches Zeichensystem, in das sich die Anforderungen des Auftraggebers einfügen lassen. Die vorbereiteten Kästchen passen wunderbarerweise immer genau zu den offenen Fragen. Dazwischen fasst er seine Botschaften mit beweiskräftigen Akronymen zusammen. Zum Beispiel: KISS - keep it simple and stupid. Das hilft wie ein Mantra bei der täglichen Arbeit weiter. Für Mitarbeiter, denen das zu schlicht gestrickt ist, flechtet der Trainer beiläufig Anspruchsvolles ein, etwa: Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten, als die Denkrichtung zu ändern. Das sitzt. Albert Einstein wagt niemand zu widersprechen.

Zum guten Ton gehört selbstverständlich Englisch, das bringt etwas Share-holder-Atmo ins Team: erst pacen, dann leaden, es geht schließlich nicht um peanuts und keiner will länger die cash-cow sein, darüber muss man sich comitten. Flankierend nutzt der Wanderprediger heutzutage noch eine zweite semantische Quelle: New Age, das macht die unsentimentale Faktensprache gleich freundlicher. Er wird also in irgendeinem Zusammenhang den Begriff ganzheitlich setzen, so als handle es sich um Ayurveda für die Heilung der Bilanzen. Fraktal steht dagegen für die Einsicht in das Geworfensein der betrieblichen Existenz, die nur durch ein Re-Birthing des Konzerns wieder Halt finden kann.

Machen wir mal eine Strickliesl

Was im Workshop im Groben vergoren wurde, fließt auf Trinkstärke herabgesetzt in die nun folgen Meetings. Das Exekutivwerkzeug hier wie dort ist ein sogenanntes Flipchart, das zwar einer Staffelei ähnelt, von seiner Nutzung her aber mit dem Utensil der Kreativen nichts gemein hat. Darauf schreibt der Moderator in Kinderbuchstaben Begriffe wie "Emotion" oder "Synergie". Dazwischen zeichnet er Pfeile oder Kringel. Er bittet ausdrücklich, nichts mitzuschreiben, weil es später alles zum Mitnehmen gebe. Genau so ist es, am Ende des Meetings erhält jeder kopierte Blätter, darauf stehen Begriffe wie Emotion oder Synergie, dazwischen Pfeile und Kringel.

Außerdem ist ein stabiler Alu-Koffer unentbehrlich. Darin befinden sich fette Faserschreiber und pastellfarbene Zettelblöcke in der Form von Slipeinlagen. Falls Sie in Ihrem Unternehmen so ein unbeaufsichtigtes Gepäckstück entdecken, verständigen Sie den Haumeister, damit er diesen terroristischen Sprengsatz sofort entfernt. Die regelmäßige Handhabung seines Inhalts kann sonst Ihr Unternehmen ruinieren. Damit sitzen nämlich gut bezahlte Führungskräfte beisammen und spielen Management. Es beginnt zum Beispiel mit der Kardinalfrage: Was können wir noch herstellen und verkaufen? Auch wenn die Firma Werkzeugmaschinen produziert, darf man ruhig "Strickliesel" auf seinen Wisch schreiben und an die Pinnwand heften. Dazu wird der Moderator sagen, ja, das ist eine gute Idee, wir dürfen in dieser Phase unseres Re-Engineerings keinen Vorschlag vernachlässigen. Gewonnen!

Im nächsten Schritt werden die Zettelchen nach Farbe und Größe sortiert, damit man Prioritäten setzen kann. Zuerst wird man das angehen, was man ohnehin schon vorhatte, die Frühindikatoren wiesen ja alle in dieselbe Richtung. Dafür bildet sich eine Arbeitsgruppe, die einen Termin für ein Meeting vereinbart. Die fraglichen Vorschläge werden aufbewahrt, was bedeutet, dass man vorausschauend schon für weitere Workshops Vorräte anlegt. Jetzt laufen alle auseinander und warten auf das Ergebnispapier.

Insgeheim geht die Diskussion unter den Kollegen natürlich weiter. Zum Beispiel über Frau Dr. Spittlgerber, die einen schwarzen Stringtanga unter ihrem hellen Hosenanzug getragen haben soll. Das steht allerdings nicht im Protokoll. Es endet mit dem Hinweis, dass das nächste Mal bitte jeder selbst sein Kaffeegeschirr in die Küche tragen soll.

Mehr kann ich im Moment nicht mitteilen, ich muss gerade wieder zu einem Meeting.

© SZ vom 2.3.2004
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