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Bewerbung:Das Schweigen rächt sich

Lücken im Lebenslauf: Personalexperten raten, unfreiwillige Auszeiten kreativ und berufsnah zu füllen.

Christine Demmer

Was die junge Juristin da scheinbar selbstbewusst im Vorstellungsgespräch von sich gibt, streift allenfalls die Wahrheit. "Nach dem Examen bin ich viereinhalb Monate durch Südamerika gereist und habe dabei intensiv Spanisch gelernt", sagt sie und hofft inständig, dass sich ihr Gegenüber nicht als Lateinamerika-Experte entpuppt und sie in ein Gespräch verwickelt. Tatsächlich hat sie nur einen zweiwöchigen Strandurlaub in Mexiko gemacht und seither pausenlos Bewerbungen geschrieben, freilich bisher erfolglos. Nun setzt sie alle Hoffnungen auf dieses Gespräch bei einem Reiseveranstalter und will daher die Zeit der erzwungenen Beschäftigungslosigkeit kurzerhand unter den Tisch fallen lassen. Dazu macht sie sich den im letzten Winter absolvierten Spanischkurs an der Volkshochschule zunutze.

Personalberater Jens Milbrandt hat solche Vertuschungsmanöver schon oft erlebt. Natürlich sei es ein Schwindel, aber der gehöre bei Berufseinsteigern zu den lässlichen Sünden. "Wer nur ein paar Wochen oder Monate der Beschäftigungslosigkeit verschweigen will und eine glaubwürdige und nicht vollends erlogene Alternative bietet, dann ist das gerade noch in Ordnung. Vor allem, wenn diese dem Arbeitgeber noch ein zusätzliches Argument für die Einstellung liefert - wie der Erwerb von Fremdsprachkenntnissen, kulturelles Interesse, sportliches oder karitatives Engagement."

Bei einer Auszeit von einem Jahr oder mehr werde es jedoch schwierig, meint Milbrandt. Es sei denn, der Bewerber habe in dieser Zeit seine Doktorarbeit verfasst, ein Buch geschrieben, einen Film gedreht, Familienangehörige versorgt. Oder er kann mit anderen konkreten Projekt-Ergebnissen belegen, dass er nicht auf der faulen Haut gelegen hat.

Auf kaum etwas sind Personalexperten stärker geeicht als auf das Aufspüren verschwiegener Lücken im Lebenslauf. "Bei jeder geschilderten Biografie zeichne ich in Gedanken einen Zeitstrahl mit und prüfe, ob die Angaben plausibel und widerspruchsfrei sind", sagt Milbrandt. Seine Kollegen bei der Hamburger Personalberatung Heidrick & Struggles halten es genauso. Denn längere Zeiten der Arbeitslosigkeit kämen meist doch zur Sprache - oder aber der Kandidat präsentiere eine solch hanebüchene Geschichte, dass er allein schon wegen nachgewiesener Dummheit eine Absage erhalte.

Die Suche nach einem kreativen und glaubwürdigen Pausenfüller wird allerdings mit den Jahren schwieriger. Wer sich im fortgeschrittenen Alter aus längerer Arbeitslosigkeit heraus bewerben muss und das nicht offen thematisieren will, kann sich höchstens auf freie Mitarbeit, Beratung oder die Teilnahme an einem berufsnahen Projekt herausreden.

Jens Milbrandt rät zwar grundsätzlich zur Wahrheit, dennoch weiß auch er, dass sich Bewerber immer wieder für die Lüge entscheiden. "Die muss dann aber rundum wasserfest sein", mahnt der Berater, "denn es wird gründlich nachgebohrt." Schließlich könnte es ja auch sein, dass der Stellenaspirant eine verbüßte Gefängnisstrafe vertuschen wolle. Das ist verboten und zieht beim Auffliegen die fristlose Kündigung nach sich. Und der Personalberater dürfte in einem solchen Fall nie wieder einen Suchauftrag von seinem Kunden erhalten.

© SZ vom 16.4.2005
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