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Aktion für Arbeitslose:Einmal Kultur ohne zurück

Berlins Kultursenator Flierl will aus Hartz-IV-Empfängern Theatergänger machen. Also chartert er einen Bus und lässt Arbeitslose in die Oper chauffieren.

Eigentlich ist alles ganz einfach. "Eine Win-Win-Situation", sagt Thomas Flierl. Aber manche wollen eben partout nicht gewinnen, und deshalb sitzt der Berliner Kultursenator an diesem Freitagnachmittag in seinem Dienstmercedes und fährt gen Osten, ins Plattenbauviertel Hellersdorf, um Werbung zu machen für die Hochkultur. Wenn Heinz Schwerdtfeger ins Zentrum fahren will, ist das immer eine kleine Weltreise: Eine ganze Stunde ist er dann unterwegs. Nicht, dass er keine Zeit hätte: Schwerdtfeger, 54 Jahre alt, ist arbeitslos. Wie auch alle anderen, die am U-Bahnhof Cottbusser Platz warten. Heute qualifiziert sie das für einen Opernbesuch mit Thomas Flierl. Denn dessen Vision von der Hochkultur für alle Schichten ist bisher eine Utopie geblieben.

Mehr Kultur für Arbeitslose: In Berlin lockt ein Hartz-IV-Ticket.

Mehr Kultur für Arbeitslose: In Berlin lockt ein Hartz-IV-Ticket.

(Foto: Foto: ddp/sueddeutsche.de)

Vor einem Jahr hat Berlin das Sozialticket eingeführt. Für drei Euro können Hartz-IV-Empfänger seitdem das Theater, die Oper oder das Konzert besuchen. "Man muss den Theatern klar machen, dass sie eine soziale Verantwortung haben", sagt der Senator. Doch die Zuschauer müssen das Angebot annehmen. Und bislang fragten nur wenige nach dem Drei-Euro-Ticket. Gerade einmal 3000 Stück wurden verkauft. Das ärgert den PDS-Senator, und deshalb ist er nun auf dem Weg nach Hellersdorf.

Dort wartet schon der Bus, gechartert vom Bezirksverband der PDS, der ihn zusammen mit den Arbeitslosen zurück bringen soll ins Zentrum. Ziel: Die Komische Oper. Kaum eingestiegen, greift Flierl auch schon zum Mikrofon. Besonders die jungen Leute, sagt der Senator, wolle er ansprechen. Nach denen muss man allerdings ziemlich lange suchen. Eine einzige junge Frau hat sich in den Bus verirrt: die 24-jährige Madlen, die gerade eine Umschulung absolviert. "Die Aktion soll die Machbarkeit symbolisieren", erklärt Flierl. Was er nicht sagt: Ganz nebenbei will auch der Senator von der Aktion profitieren. Schließlich stehen im September die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus an, da kann ein wenig Volksnähe - zumal zu den Ostberliner Stammwählern - kaum schaden.

Doch das Volk will einfach nicht. Nur vier Frauen und zwei Männer sind in den Bus gestiegen, die meisten Plätze bleiben leer. "Wir können aus kulturfernen Menschen keine Theatergänger machen", sagt Sabine Schwarz, die als stellvertretende Vorsitzende des PDS-Bezirksverbandes Marzahn-Hellersdorf für den Opernbesuch geworben hat. "Aber wir wollen zeigen, dass Hartz-IV-Empfänger nicht niveaulos oder dumm sind."

Tatsächlich musste niemand zur Mitfahrt überredet werden, denn kulturfern ist hier keiner. Als der Bus vor der Komischen Oper hält, warten dort schon fünf Frauen vom Berliner Arbeitslosenzentrum Wedding, die auch nicht gerade wirken, als bräuchten sie Nachhilfe in Sachen Hochkultur. Dass die Aktion von der PDS unterstützt wird, hören sie zum ersten Mal. Mit den Linken will keine von ihnen in Verbindung gebracht werden. "Ich will eigentlich nur die Vorstellung sehen", sagte eine der Frauen.

Trotzdem lässt es sich der Kultursenator nicht nehmen, auch die Neuankömmlinge mit seiner Vision vertraut zu machen. Sylvi aus Reinickendorf kann darüber nur lächeln. "Ohne Monatskarte für den Nahverkehr ist das Drei-Euro-Ticket wenig wert", sagt die junge Frau. Doch die kann ein Hartz-IV-Empfänger oft nicht bezahlen. Heute hat sie sich die Oper geleistet: Drei Euro für "Die Liebe zu den drei Orangen" von Sergej Prokofjew. Es ist ein märchenhaftes Stück, mit bunten Kostümen, zahlreichen Volten und einem Happy End.

Nach der Veranstaltung wartet allerdings kein gecharterter Bus mehr auf die Gäste, und auch das Gespräch mit dem Senator muss ausfallen. Er hat sich in der Pause auf den Heimweg gemacht. Jetzt sind die Hartz-IV-Empfänger wieder Arbeitslose ohne Privilegien. Dabei hätte Schwerdtfeger gerne noch gewusst, wie er nach der Aufführung mit dem Bus wieder nach Hellersdorf kommen soll. "Ich bin nicht ängstlich", sagt er. "Aber nach 23 Uhr fahren da Leute mit, denen ich lieber nicht begegnen will." Vorhin bei der Hinfahrt, da hat der Senator ihm noch den Tipp gegeben, mit dem Taxi zu fahren, das könne man sich schließlich auch teilen.

© SZ vom 7.6.2006
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