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Aggression gegen den PC:"Ich fahre mich besser runter, bevor du mich haust"

So ein Computer kann einen ganz schön wütend machen, wenn mal wieder nichts geht. Aber muss man deswegen gleich zuhauen? Viele Anwender tun's. Ein Interview über den Frust vorm PC.

Von Nicola Holzapfel

Marleen Brinks hat ihre Magisterarbeit über das Thema "Aggression gegen Computer" geschrieben. Nicola Holzapfel fragte die Soziologin, warum manche Arbeitnehmer ihr PC auf die Palme bringt.

Bildschirmarbeiter

"Es ist natürlich sehr frustrierend, wenn du weißt wie's geht, und das Ding trotzdem nicht macht, was es machen soll."

(Foto: Foto: photodisc)

sueddeutsche.de: Was tun Nutzer ihren PCs denn alles an?

Marleen Brinks: Am häufigsten wird mit der Maus auf den Tisch geschlagen. Oder sie wird an die Wand geworfen. Gute 15 Prozent haben in meiner Umfrage angegeben, dass sie ihren Rechner treten oder den Bildschirm schlagen.

sueddeutsche.de: Das kann teuer werden...

Brinks: Ja, je nachdem, was man kaputt macht.

sueddeutsche.de: Und loben manche ihren PC auch?

Brinks: Es gibt Leute, die ihren PC streicheln und mit ihm reden.

In einer anderen Studie wurde festgestellt, dass sich Studenten in einem Computerraum immer an den gleichen Arbeitsplatz setzen. Sie entwickeln wirklich eine persönliche Beziehung zu dem PC.

sueddeutsche.de: Woran liegt das?

Brinks: Die Interaktion von Mensch und Computer ist der Interaktion zwischen Mensch und Mensch sehr ähnlich.

Und es ist eine Frage der Abhängigkeit. Die ist beim PC höher als bei anderen Geräten. Benutzer entwickeln Frust und Aggressionen vor allem gegenüber Geräten, bei denen eine große subjektive Abhängigkeit erlebt wird. Es gibt wenige, die mit ihrem Bügeleisen reden.

Dazu kommt, dass Otto Normalverbraucher bei seinem Rechner nicht durchblickt. Er gibt einen Input und erwartet Output. Und wenn der nicht kommt, dann führt das zu Frust und eventuell zu Aggression.

sueddeutsche.de: Und was ist mit den IT-Experten: Schlagen die nicht zu?

Brinks: Doch, sie sind sogar noch aggressiver als der Rest.

Das hat damit zu tun, dass ich als Anwender in die IT-Abteilung gehen und das Problem delegieren kann, wenn mein PC nicht geht. Aber ein IT-Verantwortlicher kann sich an niemanden wenden, wenn der PC nicht "will".

Und das liegt ja oft gar nicht an falscher Bedienung. Ein typischer Fall ist, dass ein neues CD-Rom-Laufwerk eingebaut und der Treiber installiert wird, und plötzlich die Grafik-Karte nicht mehr geht.

Und es ist natürlich sehr frustrierend, wenn du weißt wie's geht, und das Ding trotzdem nicht macht, was es machen soll. Bei IT-Experten geht das auch schnell an ihre Ehre.

sueddeutsche.de: Wer neigt denn am ehesten dazu, seinem PC gegenüber grob zu werden?

Brinks: Das sind eher junge Leute, die Gewalt gegenüber im allgemeinen nicht ganz abgeneigt sind und deren Kollegen sich auch so verhalten.

sueddeutsche.de: Ist das Problem den Unternehmen bekannt?

Brinks: Das ist noch kaum bekannt. Dabei haben in meiner Umfrage nur 24 Prozent der Befragten angegeben, dass sie noch nie gegenüber ihrem PC aggressiv gewesen sind. Wenn Sie das auf 20 Millionen Bildschirm-Arbeitsplätze in Deutschland hochrechnen, können Sie sich vorstellen, wie groß das Phänomen ist.

Aber Themen wie Software-Ergonomie und Benutzerfreundlichkeit kommt in Informatik-Ausbildungen nur am Rande zur Sprache. Da ist man noch nicht sensibilisiert.

sueddeutsche.de: Die Hersteller sind also selbst schuld, wenn ihre PCs geschlagen werden?

Brinks: Die Hersteller stehen natürlich unter Konkurrenzdruck und das hat zur Folge, dass Entwicklungszyklen immer kürzer werden. Das kommt der Qualität von Software nicht zu Gute. Und Patches werden oft nur denen zur Verfügung gestellt, die tatsächlich Probleme haben. Es würde helfen, sie allen Anwendern zur Verfügung zu stellen.

Auf der anderen Seite ist das Extrem-Programming im Kommen, dass Software zusammen mit den Endverbrauchern und den Kunden entwickelt wird. Das ist relativ vielversprechend.

Am MIT arbeiten Wissenschaftler gerade daran, Emotionen von Computern erkennen zu lassen. Also, dass der Rechner von sich aus sagt: "Ich sehe, du bist heute nicht so gut drauf, ich fahre mich besser mal wieder runter, bevor du mich haust."

Das steckt natürlich noch in den Kinderschuhen. Aber es wurde tatsächlich schon entwickelt, dass die Maus anhand des Hautwiderstands erkennt, wie es dem Benutzer geht.

Und es würde auch helfen, wenn PCs höflicher werden. Leute ärgern sich zu Tode über die Fehlermeldung "Error 536", nach der der blaue Bildschirm kommt. Wenn sie wenigstes Informationen erhalten würden, was denn nun genau passiert ist, könnten sie besser damit umgehen.

sueddeutsche.de: Aber selbst einen unhöflichen Computer muss man doch nicht gleich schlagen...

Brinks: PC-Anwender müssen lernen, anders mit ihrem Frust umzugehen.

Es liegt ja eben nicht daran, das sie nicht wissen, wie sie ihren Rechner bedienen sollen. Sondern es geht darum, dass sie sich auf die Palme bringen lassen. Und das sollte man ändern. Man muss lernen, sich nicht so abhängig zu machen von der IT. Das heißt: Regelmäßig Backups machen, Zeit, in der der Rechner streikt, für andere Dinge verwenden. Und wenn man merkt, dass es einem allzu sehr auf die Nerven geht, eine Runde um den Block machen und tief durchatmen.

Aber natürlich muss auch die Hard- und Software in Ordnung sein und die Nutzer müssen ausreichend geschult sein.

sueddeutsche.de: Hauen Sie Ihren PC auch?

Brinks: Nein. Ich rede nur mit ihm. Ich schlage ihn nicht.

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