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Hypersexualität:"Ich bin eine Nymphomanin"

Für die nächste Fassung des Klassifikationssystems der Weltgesundheitsorganisation ICD-11 rechnet Briken damit, dass zumindest eine "sexuelle Zwangsstörung" als Diagnose verankert wird. Im aktuellen ICD-10 wird nur kurz "gesteigertes sexuelles Verlangen" - Satyriasis beim Mann oder Nymphomanie bei der Frau - erwähnt, ohne genauere Definition. "Wenn eine Störung im Krankheitsmanual nicht vorkommt, bedeutet das eigentlich, dass sie wissenschaftlich nicht ernst genommen wird", sagt Briken. "Dann haben wir Schwierigkeiten, dass die Krankenkassen für die Behandlung aufkommen." Im Moment wählen die Psychiater bei ihrer Diagnose deshalb andere Kategorien, wie "Störung der Impulskontrolle" oder "nicht anderweitig spezifizierte sexuelle Störung".

Die Verwirrung um Begriffe und Kriterien deutet auch Lars von Triers Film an. Joe tritt im zweiten Teil in die Mitte einer Selbsthilfegruppe, eine Handvoll Frauen reiht sich dort im Stuhlkreis zum Gespräch. "Ich bin eine Nymphomanin", sagt sie und wird barsch von der Psychologin korrigiert: "Wir nennen das sexsüchtig."

Aber auch Sexsucht ist als Begriff umstritten. Zwar verwendeten ihn viele Patienten selbst, sagt Briken. Als medizinischer Fachbegriff tauge er aber nicht, da für hypersexuelles Verhalten die Mechanismen stoffgebundener Süchte nur teilweise eine Rolle spielten. Den Ausdruck Nymphomanie hingegen verwendeten Ärzte schon ab den 1990er-Jahren nicht mehr, obwohl er im ICD-10 auftaucht.

Phänomene sexueller Sucht sind keine Erfindung der Moderne. Sie wurden über die Jahrhunderte immer wieder beschrieben, und stets prägte die gesellschaftliche Anschauung die wissenschaftlichen Konzepte. So charakterisierten renommierte Ärzte im 19. Jahrhundert - allesamt Männer wohlgemerkt - die weibliche Sexualität auf eine Weise, die heute absurd erscheint. Nymphomanie entwickelten demnach Frauen, die romantische Musik hörten oder unangemessene Romane lasen. Wenn sie masturbierten, hieß es, drohe ihnen Schwachsinn und Hysterie. Auch Depression, "Amoralität" oder Epilepsie hatten nach damaliger Auffassung mit dem Sexualverhalten zu tun. Führende Gynäkologen versuchten, durch Klitorisbeschneidungen Besserung zu erreichen.

Übermächtiges Verlangen entsteht womöglich im Kindesalter, wenn Eltern zum Porno-Gucken bitten

Heute lehnt die Wissenschaft solchen Unsinn als barbarisch ab, aber die Gründe, warum Menschen hypersexuelles Verhalten entwickeln, sind weiterhin nicht abschließend geklärt. Erfahrungen aus Kindheit und Jugend spielen vermutlich eine Rolle, etwa sexuelle Übergriffe oder eine übersexualisierte Atmosphäre im Elternhaus. Patienten erzählten zum Beispiel, sagt Briken, dass sie miterlebt haben, wie Mutter oder Vater ihre Sexualpartner laufend wechselten. Sie berichten von offenen Türen, von Eltern, die Pornos schauten und sagten: "Setz dich dazu, guck mit."

Ebenso problematisch erweist sich Briken zufolge das komplette Gegenteil, wenn also sexuelles Verlangen und Verhalten in allen Bereichen tabuisiert wird. Für die Betroffenen werde Sexualität dann zu einem Raum, in dem sie - abgespalten von ihrem Alltag - alles unterbringen können, was sonst nicht zur Sprache kommen darf. Oft quälen die Betroffenen auch Depressivität oder Angst, Langeweile und innere Leere. Sex erscheint ihnen dann als einzige Möglichkeit, negative Gefühle zu mildern.

Zudem könnten neurobiologische Vorgänge eine Rolle spielen. So spricht bei den Betroffenen das Belohnungssystem im Gehirn überdurchschnittlich stark auf sexuelle Reize an. Deshalb behandeln Ärzte einen - allerdings kleinen - Teil hypersexueller Patienten auch medikamentös, zum Beispiel mit Antidepressiva. Die mindern nicht nur Depressionen und Ängstlichkeit, sondern dämpfen auch die Libido. Die Patienten können sich dann besser selbst kontrollieren.

Die größten Behandlungserfolge zeigen allerdings Psychotherapien. In der ersten Phase besprechen Therapeuten dabei mit ihren Patienten, wie diese ihr Verhalten besser kontrollieren können, zum Beispiel indem sie ihren Computer mit einer Filtersoftware versehen und ihn in einen Raum stellen, in dem sie nicht stundenlang unbeobachtet masturbieren können. Außerdem lernen die Patienten, auf negative Gefühle anders zu reagieren als mit Sex - zum Beispiel mit Sport, Entspannungs- oder Achtsamkeitsübungen.

In einem zweiten Schritt sollen die Patienten verstehen, wie sich die Symptome vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebensgeschichte, von Erlebnissen und Konflikten erklären lassen. Eine solche Therapie dauert manchmal Jahre, aber die Erfolgsaussichten sind gut, sagt Briken, ähnlich wie bei Patienten, die genau das Gegenteil quält: zu wenig Sex oder Lust. Davon sind nämlich deutlich mehr Menschen betroffen als von Hypersexualität.

Egal ob zu viel oder zu wenig: Briken beklagt generell eine Unterversorgung für Patienten, die unter ihrer Sexualität leiden, insbesondere seit das große sexualwissenschaftliche Institut in Frankfurt geschlossen wurde. "In Hamburg haben wir unser spezialisiertes Institut und können trotzdem nicht alle Patienten versorgen", sagt Briken. Das weiß auch der Mann am Telefon. Zweimal hat er mehrere Wochen in Suchtkliniken verbracht, eine davon ist mittlerweile geschlossen. Zum wöchentlichen Treffen seiner Selbsthilfegruppe fährt er mehr als hundert Kilometer. Zwar macht er in der Stadt, in der er wohnt, auch eine Psychotherapie. Aber die Psychologin ist nicht auf Fälle wie ihn spezialisiert, sagt er. "Sie tut ihr Möglichstes."

© SZ vom 19.04.2014/les
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