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Grenzwerte von Bisphenol A:Zunächst dominierten Studien aus der Industrie

Geändert hat sich offenbar die Politik der Behörde mit Sitz in Parma. Früher beharrte die Efsa darauf, sich vor allem auf teure Studien mit vielen Versuchstieren zu stützen, die den anspruchsvollen Standards der "Guten Laborpraxis (GLP)" entsprachen. Daher gingen vor allem Industrie-finanzierte Studien in die Bewertung ein. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch kleinere, gut geplante Studien unabhängiger Forscher interessante Ergebnisse beitragen können. Jedenfalls halten die Efsa-Experten es nun doch für wahrscheinlich, dass BPA Effekte auf die weibliche Brustdrüse hat, auch Leber und Nieren könnten Schaden nehmen.

Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in Berlin vollzieht diesen Schwenk offenbar mit. Bislang hatte das BfR die Efsa-Linie stets verteidigt. Jetzt aber erklärt Detlef Wölfle von der Abteilung "Sicherheit von verbrauchernahen Produkten" des BfR: "In den vergangenen drei Jahren gab es eine Unmenge von Studien zu BPA, und die Unsicherheit ist dadurch keineswegs kleiner geworden." So wisse man jetzt, dass BPA im Stoffwechsel der Maus erheblich schneller abgebaut wird als beim Menschen. Daher liege - bei vergleichbarer Aufnahme von BPA - die Konzentration im Blut des Menschen deutlich höher als bei Mäusen. Wenn Ergebnisse aus Tierversuchen auf Menschen übertragen werden, müsse man daher einen größeren Unsicherheitsfaktor einrechnen.

"Es ist zu begrüßen, dass die EFSA beschossen hat, den Unsicherheiten durch einen niedrigeren TDI Rechnung zu tragen", sagt Wölfle. 2006 hatte die Efsa noch konträr argumentiert: BPA werde vom menschlichen Organismus schneller abgebaut als bei Mäusen und Ratten, hieß es damals. Eine Fehleinschätzung sei dies nicht gewesen, erklärt ein Efsa-Sprecher, die Wissenschaft habe sich eben weiterentwickelt.

"Die Regulation und Bewertung von Chemikalien ist häufig auch politisch beeinflusst. Dass die Efsa hier zu einer Neubewertung gekommen ist, hat auch damit zu tun, dass der öffentliche Druck immens groß ist - Bisphenol A hat in der Diskussion um hormonähnlich wirkende Chemikalien hohen Symbolwert", kommentiert Andreas Gies, Leiter der Abteilung Umwelthygiene des Umweltbundesamtes (UBA). Zudem hätten Wissenschaftler, die bisher die Studien im Auftrag der Industrie durchgeführt haben, angesichts neuer Studien mit einem Umdenken begonnen. So zeigten Tierversuche kürzlich, dass BPA Stoffwechselstörungen bei den Nachkommen hervorruft, wenn trächtige Mäuse damit gefüttert werden - auch wenn die Menge weit unterhalb der für ungefährlich gehaltenen Dosis liegt (Reproductive Toxicology, Bd. 42, 2013).

Die Kunststoffindustrie gibt sich gelassen. Die Neubewertung von BPA durch die Efsa sei angesichts der Vielzahl der Studien und der Fülle der Fragen sinnvoll, erklärt der Industrieverband Plastics Europe auf Anfrage, man habe keine Einwände gegen das Verfahren. Aus dem reduzierten vorläufigen TDI ergäben sich "keine direkten wirtschaftlichen Auswirkungen". Die Industrie geht davon aus, dass BPA verwendet werden kann wie bisher, denn die Obergrenze für die Aufnahme von BPA werde ohnehin nicht erreicht.

In der Tat hat die Efsa in Berechnungen, die sie im Sommer 2013 vorlegte, ermittelt, dass Menschen aus Lebensmitteln und Umwelt weniger BPA aufnehmen, als auch mit dem niedrigeren TDI zulässig wäre. 2006 hatte die Efsa noch geschätzt, dass Säuglinge bis zu elf Mikrogramm BPA pro Kilogramm aufnehmen - gut doppelt so viel, wie die jetzt vorgeschlagene Obergrenze erlauben würde. Den neuen Berechnungen zufolge nehmen Kleinkinder weniger als ein Mikrogramm auf, für größere Kinder und Erwachsene liegen die Werte noch niedriger - damit wäre alles im grünen Bereich.

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