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Wohngifte:Wenn die Wohnung krank macht

Stecken Gifte in Teppichen, Farben oder Kleber, sind Erkältungen, Übelkeit, Kopfschmerzen, oder Schwindel typisch.

Familie Krüger freute sich: Im Zuge einer Rundum-Sanierung ließ der Vermieter die alten Terrassenfliesen gegen neue austauschen. Doch die vermeintliche Verbesserung der Wohnsituation erwies sich als trügerisch. Denn nach Abschluss der Arbeiten nahmen die Krügers in ihrer Wohnung einen unangenehmen Geruch wahr, die Schleimhäute waren gereizt.

Bleibende Gifte in Fugen und Spalten

Die Ursachenforschung brachte an den Tag: Die Handwerker hatten zur Abdichtung der Fliesen ein styrolhaltiges Material verwendet, das durch einen Verarbeitungsfehler nicht aushärten konnte. So entließ der Stoff seine giftigen Dämpfe in die Umgebung und drang auch in die Mietwohnung ein. Kopfschmerz, Übelkeit und tränende Augen waren die Folge.

Aber auch nachdem die Isolierung erneuert worden war, nahmen die Beschwerden kaum ab: Die Gifte hatten sich bereits in den Räumen festgesetzt. Die Wohnung musste renoviert, sämtliche Möbel und Kleidung gereinigt, zum Teil sogar ersetzt werden. Der Rechtsstreit um Schadenersatz war auch ein halbes Jahr später noch nicht beendet.

Typische Auswirkungen

So wie bei den Krügers geht es indes selten zu. Im Gegenteil: Schadstoffe in Innenräumen werden von den Bewohnern oftmals zunächst überhaupt nicht als solche erkannt. Brennende Augen, Kopfschmerzen und kratzender Hals könnten schließlich auch die Vorboten einer Grippe sein. Oder die Symptome werden als Folgen von Stress interpretiert.

Und dass die Beschwerden im Urlaub abklingen, wird dann der Entspannung zugeschrieben. Bis die Betroffenen erkennen, dass womöglich die eigene Wohnung sie mit Umweltgiften quält, haben sie meist schon einen Ärztemarathon hinter sich.

Bekannte Gifte

Formaldehyd: Was sind überhaupt "Umweltgifte" - und welche sind in der Wohnung zu finden? Am bekanntesten ist das krebserregende Formaldehyd, das zur Herstellung von Spanplatten für Möbel oder den Innenausbau benutzt wird. Auch Teppiche können es in sich haben: Die in der Schädlingsbekämpfung verwendeten Pyrethroide beispielsweise dienen als Mittel gegen Motten. In Farben und Lasuren hingegen findet man Lösemittel, die eingeatmet das zentrale Nervensystem angreifen.

Polychlorierte Biphenyle: Ein weiteres Wohngift sind Polychlorierte Biphenyle (PCB), die aus Flammschutzmitteln ausdünsten. Langzeitschäden können das Immunsystem treffen.

Diethylhexylphthalat: Schadstoffe setzen sich auch im Hausstaub fest. Als die Stiftung Warentest vor geraumer Zeit ihre Leser aufrief, Hausstaubproben zur Analyse einzuschicken, fand man in fast jeder dritten Spuren von einer Substanz mit dem unaussprechlichen Namen Diethylhexylphthalat (DEHP). Es wird als "Weichmacher" verwendet, um spröde Kunststoffe biegsam und nutzbar zu machen.

In Tierversuchen wurde nachgewiesen, dass DEHP beispielsweise die Hoden schädigen kann, aber auch die Leber. Die Konzentration von DEHP in den Proben sei dabei mitunter so hoch gewesen, dass ein Kleinkind "allein durch das Schlucken von Hausstaub mehr als die tolerierbare Menge aufnimmt", so die Warentester.

Den meisten dieser Gifte ist gemein, dass sie zu Müdigkeit führen, und Übelkeit, tränende Augen, Schwächegefühl und Kopfschmerzen hervorrufen. Selbst Depressionen gehören in das Krankheitsbild.

Die Vielfalt der Symptome erschwert die Suche nach den Ursachen. Hier kann nur ein akribisches Protokoll helfen festzustellen, ob sich die innerhalb der Wohnung auftretenden Beschwerden bei längerer Abwesenheit verbessern.

Hilfe von Experten

Erhärten sich die Anhaltspunkte auf Schadstoffe in den Wohnräumen, empfiehlt es sich, einen Arzt aufzusuchen. Ärztekammern und Krankenkassen helfen den Leidenden, auf Umweltgifte spezialisierte Mediziner zu finden. Verstärken die Untersuchungen einen Krankheitsverdacht, kann eine Wohnungsbegehung durch Gutachter helfen, mögliche Gefahrenquellen zu lokalisieren.

Mieter sollten allerdings zuvor mit ihrem Vermieter über mögliche Ursachen und Kosten reden. Denn wer ein Gutachten in Auftrag gibt, trägt in der Regel den oft hohen Preis selbst.

Neues ohne Gift

Ein genauer Plan zur Beseitigung von Schadstoffen nach erwiesener Belastung lässt sich erst anhand der Analyse von Fachleuten erstellen. Schlimmstenfalls hilft nur der Auszug aus dem Haus, zumindest aus der Wohnung, zum anderen die Entfernung der Emissionsquellen und zum dritten eine Teilsanierung des betroffenen Raumes.

Es macht also Sinn, schon beim Einkauf potenzielle Giftquellen zu meiden. Möbel und Bodenbeläge sollten aus umwelt- und gesundheitsschonendem Material sein: unbehandeltes Holz, Linoleum, Wolle oder Fliesen bieten sich an. Auch viele Baumaterialien und Farben für nahezu alle Zwecke gibt es in umweltfreundlichen Varianten.

Duftöle verbessern nicht das Raumklima

Wer unangenehme Gerüche in seiner Wohnung feststellt und sie mit wohlriechenden Essenzen überdecken will, ist womöglich schlecht beraten. Zwar helfen würzige Düfte in Form von Spray, als Öl oder Räucherstäbchen, die Atmosphäre scheinbar zu entspannen.

Doch die Duftikusse sind nicht immer ungefährlich. So warnte das Umweltbundesamt (UBA) schon vor Jahresfrist vor einem unüberlegten Einsatz solcher Essenzen in Innenräumen. Studien hätten gezeigt, so heißt es in einer Stellungnahme der UBA-Kommission "Innenraumlufthygiene", dass "Duft- und Aromastoffe eine mögliche Ursache für Allergien und allgemeine Befindlichkeitsstörungen sein können". Es sei jedoch nicht genau zu bestimmen, wie einzelne Aromen mit bereits in der Luft vorhandenen Stoffen reagieren und wie diese neuen Verbindungen wirken. Es gebe "zum Teil große Unsicherheiten".

Das Umweltbundesamt empfiehlt, "die Konzentration vermeidbarer Luftinhaltsstoffe in Innenräumen so gering wie möglich zu halten". Wer unter "Befindlichkeitsstörungen" leide, könne prüfen, ob sich ein Zusammenhang zur heimischen Duftlampe herstellen lasse.

Mit Sicherheit verbessern weder Spray noch Duftöl die Luftqualität. Üblen Gerüchen muss man nachgehen - es könnten sich eben auch Schadstoffe dahinter verbergen. Sind Geruchsbelästigungen nur vorübergehend - nach einer Renovierung hängen Gerüche naturgemäß noch eine Weile in der Luft - gibt es ein einfaches Mittel: das Fenster öffnen.