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SZ-Serie: Die großen Spekulanten (17):Aufstieg mit Öl, Absturz mit Silber

Herbert und Bunker Hunt kauften den Silbermarkt beinahe leer, um unermesslich reich zu werden. Dabei verzockten sie fast das gesamte Familienvermögen.

Simone Boehringer

Das Öl hat sie groß gemacht: Die Familie Hunt entdeckte in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das bis dato größte Ölfeld der Welt im texanischen Kilgore. Damit sicherte sie sich eine Führungsposition bei der Ölförderung in Amerika und wurde zu einem der ganz großen Familienclans. Anfang der sechziger Jahre, nach der Entdeckung eines riesigen afrikanischen Ölfeldes im Lizenzgebiet der Hunts, wurde die Familie sogar zeitweise als vermögender eingestuft als ihr berühmtes Pendant: die Rockefeller-Familie.

Doch heute verbindet kaum jemand mehr den Namen Hunt mit dem schwarzen Rohstoff - ganz anders als den Namen der Rockefellers, deren Aufstieg und Reichtum eng mit dem Beginn des Ölzeitalters verbunden ist. Berühmt sind die Hunts heute vor allem noch für einen schwerwiegenden Fehler, den zwei Hunt-Söhne machten. Es war ein Fehler, der so folgenschwer war, dass er die Familie später nahezu das gesamte Familienvermögen kostete.

Kurspotential vermutet

In den siebziger Jahren - der Vietnamkrieg begann gerade den Amerikanern das Selbstbewusstsein zu rauben und die Inflationsrate wurde langsam zweistellig - spekulierten Nelson Bunker und William Herbert Hunt, heute 81 und 78 Jahre alt, mit Silber. Sie taten dies nicht aus Langeweile oder aus Spielsucht, wie ihr Vater Harold Hunt, der sich sein Anfangskapital für die erste Bohrlizenz mit Pokerpielen erzockt haben soll. Sie wollten vielmehr ihr Familienvermögen vor dem allgemeinen Preisverfall bewahren.

Die Hunts investierten deshalb zum einen in Ländereien und Immobilien. Noch heute gehören ihnen große, teils brachliegende Areale in diversen Vororten von Dallas. Zum anderen investierten sie in Edelmetalle. Das Halten von Gold war Privatleuten in Amerika allerdings seit 1933 verboten. Da lag es nahe, stattdessen Silber zu nehmen, zumal der Preis dafür mit 1,50 Dollar je Unze einiges an Kurspotenzial vermuten ließ.

Besser als Papiergeld?

1970 und 1973 kauften sich die Brüder Hunt zunächst 200.000 Unzen Silber. In dieser Zeit verdoppelte sich der Silberpreis auf drei Dollar je Unze. Ein Jahr später wurden die Börsen und die Aufsichtsbehörden aufmerksam: Die Hunts nannten plötzlich 55 Millionen Unzen Silber ihr Eigen - das entsprach etwa acht Prozent der gesamten Weltvorräte. Im Frühjahr 1974 stieg der Silberpreis auf sechs Dollar pro Unze, und die marktbeherrschende Stellung der Hunts sprach sich herum.

Die Brüder ließen sich ihr erworbenes Metall größtenteils physisch ausliefern. Das war ungewöhnlich. Damals wie heute erwerben Silberinvestoren im Normalfall sogenannte Kontrakte an einer Terminbörse. Diese Papiere verbriefen das Recht, zu einem bestimmten Zeitpunkt gegen ein festgelegtes Entgelt Silber einkaufen zu dürfen.

Bunker Hunt schimpfte damals an der führenden Rohstoffbörse Comex in New York: "Fast alles ist besser als Papiergeld" und "Jeder Depp kann eine Druckmaschine laufen lassen". Hunt traf damit einen wunden Punkt: Der damalige Regierungschef Richard Nixon hatte 1971 die Goldbindung des Dollar aufgehoben, und die Notenbank Federal Reserve hatte schon länger angefangen, weit mehr frisches Geld in Umlauf zu bringen als nach den Diktum des Goldstandards möglich war.

Die Inflation schritt voran. Die Hunts schafften ihr Silber nach Europa, vornehmlich in die Schweiz, angeblich aus Angst, dieses könnte - ähnlich wie einst Gold 40 Jahre zuvor - vom Staat konfisziert werden.

Lesen Sie weiter, wie eine Handelsaussetzung die Hunts ruinierte.

Aufstieg mit Öl, Absturz mit Silber

Was zwischen 1975 und Anfang 1980 folgte, war ein Kampf der Hunts gegen die etablierte amerikanische Finanzwelt: Sie versuchten, durch weitere Aufkäufe von Silber das Angebot zu kontrollieren, um so den Preis in die Höhe zu treiben. Dazu überredeten sie weitere Familienmitglieder, ebenfalls mit größeren Summen in den Silbermarkt einzusteigen.

Börsen änderten ihre Regeln

Auch versuchten sie, bekannte Persönlichkeiten aus ihrem Ölnetzwerk, darunter den Schah von Persien sowie König Faisal von Saudi Arabien, für ihr Unterfangen zu gewinnen. Welche Motive hinter der Strategie steckten, ist unklar. Bunker und Herbert Hunt schweigen sich dazu bis heute aus.

Bekannt ist lediglich das Ende der bis heute beispiellosen Silberspekulation: 1979 kauften die Hunts zusammen mit befreundeten Investoren nochmals Silberkontrakte über rund 40 Millionen Unzen. Daraufhin verdoppelte sich der Silberpreis auf nunmehr 16 Dollar je Unze. Den Handelsverantwortlichen der Rohstoffbörse Comex wurde dies offenbar unheimlich, zumal sie sich ausrechnen konnten, dass die Hunts sich den Betrag abermals in Silberbarren ausbezahlen lassen würden. Das würde die Verfügbarkeit des ja auch industriell genutzten Silbers weiter beeinträchtigen.

Ende des Jahres änderten die beiden wichtigsten Rohstoffbörsen ihre Regeln: Investoren durften nur noch Kontrakte über höchstens drei Millionen Silberunzen halten. Was darüber hinausging, musste bis Februar 1980 verkauft werden. Zudem erhöhten die Börsenbetreiber die Nachschusspflichten. Entwickelte sich ein Kurs in die falsche Richtung, mussten Investoren immer genügend Geldreserven hinterlegen, um gegebenenfalls Kapital nachschießen zu können.

Keine Unterstützer mehr

Die Hunts und befreundete Investoren kauften daraufhin noch mehr Silber - sie finanzierten dies zunehmend über Kredite. Der Silberpreis stieg weiter auf 30 Dollar je Unze. Doch die Börse schränkte die Kontraktzahl weiter ein. Als alles nichts mehr half - die Hunts hatten ihre Silberpositionen weiter ausgebaut - setzte die Börse den Handel mit dem Edelmetall einfach aus. Nur noch Verkäufer kamen zum Zuge. Die Folge: Der Silberpreis fiel dramatisch.

Als dann der neue US-Notenbankchef Paul Volcker die Leitzinsen deutlich anhob, um der Inflation Einhalt zu gebieten, fanden die Hunts keine Unterstützer mehr. Niemand half ihnen, den Silbermarkt weiter leerzukaufen. Als der Silberpreis auf unter 20 Dollar je Unze gefallen war, mussten die Hunts endgültig aufgeben. Sie konnten an der Börse ihre Nachschusspflichten nicht mehr erfüllen und verkauften große Teile ihres Silberbestandes.

Zurück zum Öl

Ende März 1980 hatten sie 1,5 Milliarden Dollar Schulden aufgetürmt. Fed-Chef Volcker stimmte einem geordneten Ausstiegsplan für die Hunts zu - offenbar, weil er ein Finanzdesaster befürchtete. 1,1 Milliarden Dollar durfte die Familie über ein Bankenkonsortium am Anleihenmarkt borgen, musste dafür aber fast ihr gesamtes Vermögen von etwa acht und neun Milliarden Dollar als Sicherheit hinterlegen. 1988 meldeten die Gebrüder Hunt Privatinsolvenz an. Danach hatten sie noch 90 Millionen Dollar Schulden, die sie innerhalb von 15 Jahren zurückzahlen mussten.

Heute lebt der Hunt-Clan wieder vorwiegend vom Öl, mit dem er einst groß wurde. Die Gesellschaften rund um Hunt Oil gehören zu den wenigen größeren konzernunabhängigen Ölförderern der Welt, und der Ölpreis hat sich seit Anfang vergangenen Jahres auf zuletzt 126 Dollar je Barrel (159 Liter) verdoppelt. Zum Vergleich: Eine Unze Silber kostet heute knapp 17 Dollar. Das ist zwar deutlich mehr als im vergangenen Jahr, aber Öl ist wegen seiner rasanten Preissteigerungen trotzdem derzeit das lukrativere Geschäft. Kein schlechtes Timing von der Familie Hunt - dieses Mal.

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Quelle:
SZ vom 14.5.2008/jkf/tob
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