Straßen in München Winzererstraße

Gleich um die Ecke: Nichts ist wirklich weit in der Winzererstraße, aber alles ein paar Straßen weiter. Die Bildergalerie nimmt Verfolgung auf.

Von Bettina Sonnenschein

Wer in der Winzererstraße lebt, muss sich entscheiden: zu welchem Stadtviertel er gehören will. Im Osten liegen die Maxvorstadt und Schwabing, im Norden der Olympiapark und Milbertshofen, im Westen Neuhausen und Nymphenburg. Schwabinger zu sein, klingt doch allemal nicht schlecht, oder?

Im nördlichen Teil der Winzererstraße schieben sich Olympiaturm und -park in den Vordergrund.

(Foto: Foto: sueddeutsche.de)

Die Straße zwischen den Vierteln ist benannt nach dem Ritter und Landsknechtführer Winzerer, der 1525 das Übergreifen der Bauernkriege auf Bayern verhinderte. Etwas unscheinbar verläuft sie nahezu parallel zur Schleißheimer Straße, entlang eines Teils des Oberwiesenfelds.

Soldaten-Gelände

Lange lag dieses Gelände brach, genau gesagt bis Ende des 18. Jahrhunderts. Da bekam die königlich bayerische Artillerie mit dem "Artillerie-Laboratorium" auf der Höhe der Schellingstraße einen Schießplatz. Gut einhundert Jahre später blickte der Passant dann von der Winzererstraße aus nach Westen auf viele stattliche Gebäude.

Das Militär hatte sich zwischenzeitlich gründlich auf dem Areal ausgebreitet, mit allem, was dazu gehört: ein Flugplatz, Kasernen, wie beispielsweise die Prinz Leopold-Kaserne zwischen Schwere-Reiter- und heutiger Saarstraße, und ein Offizierskasino, das noch heute steht. Die Artillerie-, Infanterie- und Schwere-Reiter-Regimenter hatten ihre Heimat gefunden.

Für prächtige Aufmärsche eignete sich die Winzererstraße allerdings nicht. Es ist überliefert, dass Anwohner in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts sich erfreut zeigten, dass ihr "Feldweg" durch den Ausbau des Olympiageländes endlich zur ordentlichen Straße wurde. Da war die Zeit, da Luftschiffe vom Oberwiesenfeld herüber flogen und berittene Truppen vorbeizogen, längst vorbei.

Sehr viel Wohnraum

Inzwischen wird auch nicht mehr geschossen in der Winzererstraße, sondern sehr viel gewohnt. Sicher, da kommen auch täglich Menschen, um in der Straße zu arbeiten. In ihren Print-Shop, einen Sachbuchverlag oder in kleine Versicherungsbüros zum Beispiel. Doch die charakteristische Wohnerfahrung werden sie nie machen.

Um die Ecke

Egal nämlich, ob im Kasernenbau, in der Wohnanlage der "Baugenossenschaft der Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer" aus den zwanziger Jahren, im nüchternen Nachkriegshaus oder zweckorientierten Siebziger-Betonklotz: Wer in der Winzererstraße wohnt, muss vom geraden Weg abweichen. Muss um die Ecke gehen, um zum nächsten Supermarkt zu gelangen. Um die Ecke liegen die Schwabinger Kneipen. Um die Ecke finden sich Universitätsinstitute und Shoppingmeilen. Nichts ist wirklich weit, aber alles ein paar Straßen weiter.

Öffentliche Besuchszeiten

Ein paar Gänge allerdings, und überwiegend solche, die man eher ungern erledigt, lassen sich in der Winzererstraße ganz einfach und geradlinig erledigen: Von Süd nach Nord gibt es eine extreme Anhäufung von städtischen und staatlichen Behörden. Angefangen beim Arbeits- und Sozialministerium, zum Gesundheitsministerium, hinauf zum Bundesamt für Güterverkehr, weiter zum Straßenbauamt, zum Zentralfinanzamt, dem Sozialamt Nord und schließlich dem Arbeitsgericht - zwischen Hausnummer 9 und 104 geht's öffentlich zu.

Und dann gibt es da auch noch eine Einrichtung, die Heimatgefühle sichert: das Stadtarchiv. Auch diese Institution ist in einem ehemaligen Militärbau, dem einstigen Wehramt, untergebracht. Seit 1926 lagert hier das gesamte Wissen über München - auch über die Winzererstraße.