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Immobilienexperte befragt:"Die Banken sind wie Lemminge"

Pro Jahr fehlen in Deutschland laut Berechnungen des Eduard-Pestel-Instituts circa 200.000 neue Wohnungen.

Der Vorsitzende des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen, Walter Rasch, skizziert, welche Maßnahmen in dieser Situation helfen können.

Walter Rasch

(Foto: Foto: privat)

SZ: Wie erklärt sich der wachsende Wohnraum-Mangel in Deutschland?

Rasch: Zum einen wächst die Anzahl der Haushalte, weil es immer mehr Alleinlebende gibt, zum anderen steigt die Pro-Kopf-Wohnfläche, die die Deutschen beanspruchen. Die Politik hat die Wohnungsbaubranche jahrelang als Sparschwein benutzt. Wegen der hohen Bau- und Grundstückskosten lohnt es sich fast nicht, neue Mietwohnungen zu errichten. Und die Abschaffung der Eigenheimzulage demotiviert die Häuslebauer.

SZ: Bis zum Jahr 2025 hat Nürnberg zum Beispiel, gemäß der Studie, einen Bedarf von 74000 Wohnungen. Was sollte auf regionaler Ebene besser laufen?

Rasch: Nürnberg ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nun mal - trotz aller landes- und kommunalpolitischen Maßnahmen, die in Nürnberg geradezu Vorbildcharakter haben -, nicht ausreicht, den derzeitigen Mangel zu beheben. Deshalb ist auch der Bund gefordert, Maßnahmen in den Regionen anzuschieben.

SZ: Behindern die Banken die Aktivitäten der Baubranche?

Rasch: Ja. Die Banken sind wie Lemminge. Wenn eine Bank die Eigenkapitalquote erhöht, tun das alle. Vor der Krise mussten Bauträger oft nur eine Eigenkapitalquote von zehn Prozent mitbringen, jetzt sollen es häufig 40 bis 50 Prozent sein. Wie soll das funktionieren? Angesichts des milliardenschweren Rettungsschirms für die Banken könnte man angesichts der Wohnungsknappheit in Ballungsgebieten bei Neubau-Projekten von ihnen mehr Entgegenkommen erwarten.

SZ: In München stammt circa die Hälfte der Wohnungen aus den Jahren 1949 bis 1978. Kann die Sanierung im Bestand zur Lösung des Problems beitragen?

Rasch: Das kommt auf den Einzelfall an. In vielen Fällen ist der Abriss sinnvoller, weil eine Sanierung zu aufwendig wäre: Ältere Wohnungen wurden nicht im Hinblick auf die energetischen und generationsübergreifenden Konzepte gestaltet, die wir in der Zukunft benötigen.

SZ: Was sollte der Staat tun, um die Wohnbauaktivitäten anzukurbeln?

Rasch: Zum Beispiel die lineare steuerliche Abschreibung auf Wohngebäude von derzeit zwei auf vier Prozent erhöhen oder die degressive AfA wieder einführen. Für letztere wäre es besonders günstig, sie auf acht Prozent anzuheben, sobald die energetischen Ziele bei einem Projekt übertroffen werden. So entstünde ein zusätzlicher Anreiz für Bauträger.