bedeckt München 22°
vgwortpixel

Die großen Erbfälle - Geld, Macht, Hass:Ein Geniestreich politischer Mythenbildung

Napoleons Testament mutet auf den ersten Blick lächerlich an. In Wahrheit ist es ein politisches Manifest, das die bonapartistische Legende stiftete.

Auch ein gestürzter, auf eine ferne Insel im Südatlantik verbannter und seiner gesamten Macht beraubter Kaiser wird nicht einfach zu einem Privatmann, zu einem Rentner ohne alle Ambitionen. Solche Resignation lag zumal Napoleon in den mehr als fünf Jahren, die er bis zu seinem Tod am 5. Mai 1821 auf Sankt Helena zubringen musste, sehr fern.

First Consul

Nach dem endgültigen Machtverlust konzentrierte Napoleon Bonaparte (1769 - 1821) seine ganze Energie darauf, der Mit- und Nachwelt ein verklärtes, gegen Einwände resistentes Bild seiner Herrschaft und seiner weiteren Ziele zu vermitteln.

Nachdem sich seine anfangs gehegten Hoffnungen, dieses Schicksal zu wenden, endgültig zerschlagen hatten, konzentrierte er seine ganze Energie darauf, der Mit- und Nachwelt ein verklärtes, gegen Einwände resistentes Bild seiner Herrschaft und seiner weiteren Ziele zu vermitteln.

Dem verdankt sich das "Evangelium von Sankt Helena", wie die Erinnerungen genannt werden, die seine Begleiter nach seinem Tod veröffentlichten und die über weite Strecken Protokolle von Napoleons Äußerungen sind, mit denen er sein Tun und Lassen rechtfertigte, mit dem er zeitweilig Kontinentaleuropa seinem Willen unterwarf.

Geniestreich politischer Mythenbildung

Dieses Vermächtnis stiftete die bonapartistische Legende, ein Geniestreich politischer Mythenbildung, auf den gestützt rund dreißig Jahre nach Napoleons Tod dessen Neffe Charles Louis Napoleon von einer überwältigenden Mehrheit der Franzosen zum Kaiser Napoleon III. proklamiert wurde.

Damit erfüllte sich die Absicht, auf deren Vorbereitung Napoleon zeit seiner Verbannung all seine Energie konzentriert hatte. Diesem Kalkül genügt auch das umfangreiche Testament, das der vom Tod gezeichnete Ex-Kaiser zwischen dem 13. und dem 24. April 1821 aufsetzte und an das deshalb nicht die Maßstäbe gelegt werden können, die für die letztwilligen Verfügungen eines Privatmanns gelten, der verbindliche Anordnungen über die Verteilung seines Erbes trifft.

Tatsächlich war Napoleon auch gar nicht in der Lage, ein solches Testament zu verfassen. Zum einen hatte er auf Sankt Helena keinen genauen Überblick über die Vermögenswerte, die er, von der wenigen Habe abgesehen, über die er in seinem Exil verfügte, als Privatmann besaß und die er vererben konnte.

Ansonsten nur rührend und lächerlich

Zum anderen beschlichen ihn, wie die Instruktionen an die Testamentsvollstrecker zeigen, leise Zweifel, ob das kumulierte Vermögen der "domaine privé", also die Erträge aus der Zivilliste, die ihm sowohl als Kaiser von Frankreich wie als König von Italien zuflossen, auch nach seinem Sturz widerspruchslos als sein Privateigentum anerkannt werden würden.

Ungeachtet dieser Unklarheiten verfasste Napoleon ein detailliertes Testament, das deshalb auch und gerade in seinen vermögensrechtlichen Aspekten als ein politisches Manifest verstanden werden muss. Allein in dieser Perspektive erweist sich das Dokument als eine in sich sinnvolle letztwillige Verfügung, die ansonsten nur rührend oder lächerlich anmutet.

Eben das wird auch dadurch zweifelsfrei erhellt, wie das Erbe verteilt werden soll. Die Familie, die schon während seiner Herrschaft üppig ausgestattet wurde, wird im Testament von Napoleon nur mit einigen wenigen persönlichen Erinnerungsstücken bedacht.