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Architektur-Psychologie:Bauen für das Bauchgefühl

Damit Menschen sich in ihren Räumen wohl fühlen, legen Psychologen schon mal einen Bauherren samt Bauplan auf die Couch.

Von Lars Klaaßen

Wann sind Räume und Häuser gut? Die Frage klingt simpel. Und wenn sie doch nicht so einfach zu beantworten ist, fragen wir halt die Architekten. Die müssen es wissen - sollte man meinen. Aber warum gibt es dann überall Räume, in denen sich die Menschen nicht wohl fühlen?

"Das liegt gar nicht mal alleine an den Architekten", sagt Günter Hertel, Leiter des Instituts für Architekturpsychologie (IAP). Die orientierten sich zwar auch oft mehr an der Architekturtheorie, statt an den alltäglichen Bedürfnissen der künftigen Nutzer ihres Gebäudeentwurfs. "Aber oft wissen nicht einmal die Bauherren selber, was sie eigentlich für Bedürfnisse haben."

Dabei hilft das IAP: "In ein- bis zweitägigen Workshops werden die Erwartungen an das künftige Gebäude konkretisiert und anschließend architekturrelevant formuliert", erläutert Hertel. "Für einen anschließenden Architekturwettbewerb steht damit ein Kriterienkatalog zur Verfügung."

Nicht nur Unternehmen, die Neubauten im großen Stil planen, auch private Häuslebauer sind bei der Planung des Eigenheims oft überfordert. Die Vielfalt der Möglichkeiten ist dabei nicht das einzige Problem. "Viele Eigenheim-Bauherren überschreiten ihre finanzielle Belastungsgrenze", so Hertel. "Auch weil sie zu groß planen und aufs Prestige abzielen, statt sich an den eigenen Bedürfnissen zu orientieren." Die gute Planung hingegen spare Geld und führe zum besseren Bauen.

Doch Wohnungen werden heutzutage auf unterschiedliche Weisen genutzt. Lebensstile sind verschieden und auch jeder einzelne Mensch ändert den seinen im Laufe des Lebens. "Früher war auf Grundrissplänen für Wohnungen bereits eingetragen, welches das Wohnzimmer, Schlafzimmer und Kinderzimmer ist", sagt Wohnpsychologin Antje Flade. "Gute Wohnhäuser sind heute hingegen nutzungsoffen gehalten."

Das heißt: Die Zimmer einer Wohnung sollten möglichst gleich groß sein. "Mindestens zwölf Quadratmeter", so Flade, "sollte ein Raum schon haben, damit er flexibel genutzt werden kann. Aber 16 Quadratmeter wären besser."

Bauen für das Bauchgefühl

Am Schnitt der Küchen lässt sich der Orientierungswandel am deutlichsten ablesen. Jahrzehntelang waren kleine Einbauküchen der Renner. Die hohe Effektivität auf kleinstem Raum hat aber den Nachteil, dass der Vorgang des Kochens vom Essbereich und dem Rest der Wohnung isoliert ist. "Die Durchreiche ist mittlerweile nicht mehr gefragt", sagt Flade. Ein breiter Durchgang, der den Essbereich mit der Küche verbindet, kann hingegen Kochen und Essen zusammenbringen. Und bei Bedarf wird er geschlossen. Jeder nach seiner Façon.

Mehr Angstellte als Arbeitsplätze

Effektivität und Platzersparnis gelten, anders als im Wohnungsbau, bei der Planung von Bürogebäuden nach wie vor als erstrebenswert. So genannte "non territoriale" Konzepte treiben diese Maxime auf die Spitze.

Die Idee dahinter: Wenn permanent ein bestimmter Prozentsatz der Mitarbeiter außer Haus tätig ist, müssen im Bürogebäude nicht ständig Schreibtische für jeden einzelnen Angestellten vorhanden sein. Deshalb erhält jeder Mitarbeiter lediglich eine eigene Box auf Rädern, in der er all seine persönlichen Sachen verstauen kann. Wer das Gebäude betritt, meldet sich elektronisch an und bekommt vom Zentralcomputer für seine folgenden Arbeitsstunden einen Tisch zugewiesen. Die persönliche Box wird an den temporären Arbeitsplatz gerollt.

Das Unternehmen spart sich mit diesem Konzept einige Arbeitsplätze und damit Quadratmeter. "Aber Menschen haben das Bedürfnis, sich Orte anzueignen", wendet Riklef Rambow ein, Psychologe und Dozent für Theorie der Architektur und Gründer des Instituts PSY: PLAN für Architektur- und Umweltpsychologie Forschung und Beratung.

"Auch am Arbeitsplatz möchten Menschen sich einrichten - in Form von Zimmerpflanzen Postern und anderen persönlichen Dingen." So etwas ist bei einem "non territorialen" Konzept - der Name sagt es schon - schlicht unmöglich.

Die unpersönliche Note ist nicht nur für die Mitarbeiter nachteilig, auch das Unternehmen kann die Folgen zu spüren bekommen. Denn wer sich nicht wohl fühlt, leistet in der Regel auch weniger. Und das kann langfristig höhere Kosten verursachen.

Auch im öffentlichen Raum ist es wichtig, dass Menschen sich wohl fühlen. Aber nicht, damit sie mehr leisten, sondern damit sie ihre Umwelt nicht verwüsten. Deshalb erstellt toway, ein Team von Architekturpsychologinnen, Konzepte zur Vermeidung von Vandalismusschäden. Dabei gilt es zunächst zu klären, um welche Form von Vandalismus es sich handelt.

Die Frage lautet nicht, was beschädigt wurde, sondern wie: "Wenn sich da jemand mit einem Graffiti künstlerisch betätigt hat, sollte man diesen Leuten einfach andere Flächen zur Verfügung stellen, erläutert Christina Bernhard. "Etwas Anderes ist es, wenn etwas beschmiert oder verdreckt wurde."

Die Architekturpsychologinnen haben in ihrem Arbeitsalltag festgestellt, dass es sich dabei meistens um schlecht einsehbare Ecken handelt. Oft hilft es, sie besser auszuleuchten - und vor allem: "Menschen dahin zu bekommen", sagt Bernhard. Eine Sitzbank oder ein Kinderspielplatz wirken oft schon Wunder.

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