Architektonische Geschichte Vorne Ambiente, hinten Oase

Stadtpalais mit verwunschenem Garten: Das Radspielerhaus im Münchner Hackenviertel ist eine Institution.

Von Georg Etscheit

Eigentlich erwartet man nicht, in der Münchner Innenstadt solch einen Garten zu finden. Gärten, wie es sie in Rom, Florenz oder Palermo gibt, wo sich hinter der Fassade manch nobel verwitterten Palazzos verwunschenes Grün verbirgt: dämmrige Oasen der Stille inmitten der geschäftigen Großstadt.

Doch hinter dem Radspielerhaus im Hackenviertel nahe des Sendlinger Tors gibt es solch ein kleines Paradies von Menschenhand mit einem etwas verwilderten Rasen, verwachsenen Beeten, efeuberankten Bäumen, allerlei Terracotten und einem Brunnen, der zurzeit aber trocken liegt. Hier könnte man sich Rainer Maria Rilke vorstellen, wie er mit eleganter Feder seine Verse drechselt: "Komm in den totgesagten Park und schau ..."

Von diesen Stadtgärten habe es in München einmal etliche gegeben, sagt Hubert von Seidlein, dem der Garten zusammen mit seinem Bruder Rasso gehört und auch das Radspielerhaus, von dem hier eigentlich die Rede sein soll. Es ist streng genommen kein Haus, sondern ein Palais. Einst gehörte es den Grafen zu Rechberg. Dann kaufte es der Vergolder und Innenausstatter Josef Radspieler. Der heutige Besitzer ist Radspielers Nachfolger in der 5. Generation.

Hubert von Seidlein hat noch das Vergolderhandwerk gelernt. Doch heute handelt er - ja, womit eigentlich? Von Seidlein weiß es selbst nicht so recht. Lauter gediegene Sachen finden sich in seinem Geschäft im Erdgeschoss des Radspielerhauses, das aus einer labyrinthischen Flucht hoher Räume besteht und einer malerisch unaufgeräumten Privatwohnung gleicht.

Irdenes Geschirr, edle Gläser, feine Stoffe und allerlei gehobene wohnliche Accessoires finden sich hier, nebst Möbeln vorzugsweise aus eigener Werkstatt im schlichten Stil der zwanziger Jahre. Ein Drittel seines Umsatzes erzielt von Seidlein mit Damenmode. "Ich verkaufe alles außer Drogen, Fahrzeugen und lebenden Tieren", scherzt der Geschäftsmann. "Der Radspieler" ist eine Institution in München.

Also, wie ist das mit der Geschichte des Radspielerhauses? "Schwierig", sagt Herr von Seidlein, lässt sich entschuldigen und kehrt nach einer guten Viertelstunde zurück, unterm Arm ein Packen staubiger, alter Akten und Pläne, zum Teil in Sütterlinschrift, die der 77-Jährige noch zu lesen versteht.