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Alle neu in Frankfurt:Mr. Dax zieht um

Dirk Müller hat wie kein anderer das Auf und Ab an der Börse personifiziert - nun erhält im neuen Handelssaal ein Mann seinen Platz, der mit Hape Kerkeling auftritt.

Er trägt den Bart jetzt wie Kevin Kuranyi. Nur etwas grauer als der Fußballer. In feinen Linien überziehen akkurat gestutzte Haare Wangen und Kinn, wo früher meist großflächig ein Stoppelbart stand.

Hier wird Montag Eröffnung gefeiert.

(Foto: Foto: dpa)

Der Kursmakler Dirk Müller, der für viele Menschen so etwas wie das Gesicht der Börse ist, hat sich optisch modernisiert. Und jetzt ist sein Arbeitsplatz dran: An diesem Montag gibt die Deutsche Börse das Parkett ihres neuen Handelssaals frei. Das Schaufenster der Börse wird neu herausgeputzt - heller und moderner soll es künftig sein.

Wenn der Eindruck trügt

Jahrelang saß Müller in diesem Schaufenster, direkt unter der Kurstafel, auf der in einer langen zackigen Linie der Leitindex Dax abgebildet ist. Hinter der dunkelbraunen Täfelung seiner Makler-Schranke - einem Tresen in einer schummrigen Kneipe nicht unähnlich - verglich er Kaufgebote mit Verkaufspreisen, stellte Kurse, nahm Aktien in sein Auftragsbuch, um sie bald darauf wieder abzustoßen.

Eigentlich eine unspektakuläre Arbeit, der er hier seit 1998 für die ICF Kursmakler AG nachging. Dennoch lauerten oft stundenlang die Kameraleute vor seinem Arbeitsplatz unter der Dax-Kurve und warteten auf eine fotogene Geste - einen gehobenen Daumen, ein Haareraufen - die dann am Tag darauf die Titelgeschichten über Kursrekorde und Börsencrashs schmückten. ,,Ich habe ihnen die Bilder gerne gegeben'', sagt Müller.

Müller konnte das. Mit einem Blick, einer kleinen Handbewegung vermittelte der 38-Jährige den Eindruck, als spielten sich auf dem Parkett dramatische Szenen ab. Die Realität sieht längst anders aus.

Nur noch ein paar dutzend Makler und kaum ein Aktienhändler verlieren sich in dem Börsensaal. 90 Prozent des milliardenschweren Handels mit Aktien und anderen Wertpapieren lösen die Händler in ihren Bankentürmen aus. Über ihre Computer schicken sie auf Hochgeschwindigkeitsleitungen Aufträge an das elektronische Handelssystem der Börse mit dem Kunstnamen Xetra und an die Parkett-Makler um Müller.

Deshalb ist im Börsensaal jetzt Platz für ein neues Design. Früher verschanzten sich Müller und seine Kollegen in drei engen Karees aus rotbraunem Holz. Dazwischen war reichlich Raum für die Händler, die vom Parkett aus den Maklern Aufträge zurufen konnten. Jetzt sieht das Innere des Saals aus, als habe sich darin eine Armada von Ufos niedergelassen: Fünf kreisförmige Maklerburgen leuchten in futuristisch weißem Glas, für Händler ist kaum noch Platz.

,,Hier arbeiten Menschen''

Der Börsensaal hat sich nicht nur oberflächlich verändert, er ist an die Bedürfnisse der Makler angepasst worden. ,,Die Anforderungen sind extrem gestiegen'', sagt Müller. War die Börse noch Mitte der neunziger Jahre nur wenige Stunden geöffnet, wird heute von neun bis 20 Uhr gehandelt. Müllers Arbeitstag hat häufig zwölf Stunden.

Zwölf Stunden, in denen er auf sechs Bildschirme starrt und jedem Anleger, der seine Aufträge nicht über Xetra abwickelt, den fairsten Kurs garantieren muss. ,,Die neuen, ergonomischeren Arbeitsplätze sind eine Erleichterung'', sagt Müller. Am meisten aber freut er sich über die neue Deckenbeleuchtung, die das Tageslicht simuliert. Gedämpft noch, wenn Müller morgens seine Bildschirme anknipst, heller am Mittag, wenn meist schon klar ist, ob es ein guter oder schlechter Börsentag wird. Und abends dämmert es auch drinnen in dem fensterlosen Saal am Börsenplatz 1.

Dem alten Handelssaal, der 1957 gebaut und in den achtziger Jahren modernisiert wurde, trauert so recht niemand nach. ,,Es gibt eigentlich nichts, wo ich sagen würde, da fehlt was'', sagt Müller. Dann fällt ihm doch noch etwas ein. ,,Der Herr Lehmann fehlt uns.''

Frank Lehmann war für Müller eine Art Bruder im Geiste. Etliche Jahre hatte der Journalist mit den eisgrauen Haaren und den lässig drapierten Seidenschals kurz vor der Tagesschau auf unnachahmliche Art die Börse in die Wohnzimmer von Buxtehude bis Berchtesgaden gebracht. ,,Er war eine Identifikationsfigur für die Leute und hat etwa Menschliches in das Börsengeschehen gebracht'', sagt Müller. Denn auch darum geht es beim Parketthandel.

,,Den Leuten zu vermitteln, dass da noch Menschen arbeiten und Anleger nicht schutzlos Computern ausgeliefert sind.'' Vor allem bei kleineren Aktien, wo jeder Auftrag heftige Schwankungen auslösen kann, sind Müller und seine Leute gefragt, sie können auch dann faire Kurse gewährleisten. Das werde sich nie ändern, glaubt der Makler. Und dennoch: Zweifel waren da. Immer wieder hatte es seit der Einführung des elektronischen Handels Diskussionen gegeben, ob man das Parkett nicht ganz abschaffen könne. ,,Deshalb ist der neue Börsensaal auch ein schönes Signal, dass man uns noch braucht'', sagt Müller.

Verräterisches Geraschel

Plötzlich raschelt es im Hintergrund. Als ob ein Windstoß durch den Saal gefahren wäre, wirbeln die Buchstaben und Zahlen auf den Kurstafeln rundherum durcheinander. Und dann kostet hier eine Daimler-Aktie ein paar Cent mehr, dort wird die T-Aktie wieder einen Tick tiefer ausgewiesen. ,,Das Geraschel der Kurstafeln bleibt Gott sei Dank'', lacht Müller. Da höre man gleich, wenn die Geräuschkulisse hochgehe, dass sich was tut. ,,Das Adrenalin steigt dann mit, und die Konzentration ist wieder da.''

So wie damals, am 11. September 2001, den Tag, an dem zwei Flugzeuge die Türme des World Trade Center zum Einsturz brachten. Das Rascheln der Kurstafeln brauste auf und mischte sich mit dem Gebrüll der Makler und Händler. ,,Es ging nur noch darum, schnell zu reagieren, damit der Handel nicht zusammenbricht'', erinnert sich Müller. Sie wollten das Finanzsystem am Laufen halten, das die Terroristen an einer der empfindlichsten Stellen, in New York, getroffen hatten. Doch wie sicher waren die Männer im Frankfurter Börsensaal? Um 16 Uhr kam der Aufruf: ,,Räumen Sie das Parkett.'' Da habe jeder alles stehen und liegen lassen.

Das möchte Müller nicht noch einmal erleben. Aber ein bisschen turbulenter dürfe es ruhig mal wieder zugehen. Weil dann mehr Leben an der Börse ist, mehr Kommunikation, mehr Lehmann. Auch wenn der Dax sich jetzt wieder Rekordständen nähert, ist es hier an der Börse ruhig. ,,Man hört nirgends die Hosanna-Rufe wie im Jahr 2000'', sagt Müller.

Das sei aber gut so. Dass er seinen Platz unter der Dax-Tafel vergangenes Jahr räumen musste, bedauert er auch nicht. Das Interesse der Medien habe zeitweise schon überhandgenommen. Dem Dax leiht demnächst ein anderer sein Gesicht. Joachim Llambi, Makler bei Concord Effekten, könnte das sein. Mit dem Fernsehen kennt er sich aus: Er sitzt bei Hape Kerkelings ,,Let's Dance'' in der Jury. Vielleicht wird Llambi jetzt wie einst Müller ein Börsenstar.