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Wikipedia:Wahr oder falsch?

Dass Unternehmen oder Lobbyisten Einträge bei Wikipedia beinflussen wollen, ist nicht neu. Doch der Wiki-Scanner verrät jetzt genau, wer welche Einträge wie geändert hat.

"Was ist Wahrheit?" wollte vor rund 2000 Jahren der Statthalter des römischen Reiches Pontius Pilatus von Jesus von Nazareth wissen. Diese fundamentale Frage beschäftigt derzeit auch das Internet-Lexikon Wikipedia.

Wikipedia: Nich alle Zuarbeiter fühlen sich der Wahrheit verpflichtet.

(Foto: Logo: Wikipedia)

Eigentlich punktet das Nachschlagewerk mit dem Grundsatz, vom Wissen aller Nutzer jederzeit profitieren zu können. Doch genau dieses geniale Prinzip, jeden Nutzer mitarbeiten zu lassen, ermöglicht auch Vandalismus und gezielte Falschinformationen durch böswillige Veränderungen: Nicht alle Wikipedia-Zuarbeiter fühlen sich der Wahrheit verpflichtet.

Wer sind die falschen Informanten?

Für gewöhnlich sind die Wikipedia-Mitarbeiter beim Wiederherstellen der korrekten Fassung eines Artikels sehr schnell. Doch mindestens ebenso interessant wie die Falschinformation ist die Quelle, aus der sie stammt. Im Prinzip enthalten die Seiten von Wikipedia bereits alle Informationen, die zum Enttarnen der Fälscher nötig sind.

Denn wer auch immer etwas an dem Lexikon verändert, hinterlässt öffentlich einsehbar seine IP-Adresse: eine Nummer, die Rückschlüsse auf den benutzten Computer zulässt. Der Wiki-Scanner des amerikanischen Studenten Virgil Griffith verknüpft diese Nummern automatisch mit den dazugehörigen Besitzern.

Politisch, religiös oder kommerziell motivierte Veränderungen

Die Idee kam Griffith, als publik wurde, dass Abgeordnete des US-Kongresses ihre eigenen Seiten geschönt hatten. "Bei nicht-kontroversen Themen funktioniert Wikipedia schon. Bei kontroversen Themen kann Wikipedia durch Instrumente wie dieses zuverlässiger werden", erklärt er auf seiner Internetseite - also indem politisch, religiös oder kommerziell motivierte Veränderungen offenkundig werden.

Die Ergebnisse der Abfrage dort sind in der Tat erhellend: Mehr als 170 Änderungen am Lexikon zum Beispiel stammen aus Büros der Scientology-Sekte. Darunter sind die Lemmata "Schizophrenia", "Pseudoscience" und "Tom Cruise".

Von Rechnern des britischen Parlamentes wurden bislang 2151 Veränderungen vorgenommen: darunter Begriffe wie "Iraq Special Tribunal". Klar: Nicht jeder Eingriff ist eine böswillige Fälschung. Aber wenn unliebsame Einträge über Personen oder Unternehmen von diesen gelöscht werden, sagt das einiges aus über deren Kritikfähigkeit.

Wahr oder falsch?

Das US-Magazin "Wired" hat mit der Software eine Liste verdächtiger Veränderungen erstellt. So versuchte jemand von einem Rechner der israelischen Regierung aus, den Text über die Mauer in den palästinensischen Gebieten zu löschen. Übrig blieben wenige Sätze. Die Entscheidung der Vereinten Nationen, das umstrittene Bauwerk als illegal zu bezeichnen, sei "abscheulich, undemokratisch, illegal, rassistisch", heißt es nur noch.

Der Ölkonzern Chevron-Texaco löschte demnach gleich den ganzen Text über Biodiesel, während Microsoft eine kritische Passage über seine fehleranfällige Spielkonsole XBox 360 verschwinden ließ. Doch nicht nur für Unternehmen und Regierungsbehörden enthält die Liste peinliche Enthüllungen. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat den eigenen Eintrag verändert. Verweise auf kritische Texte verschwanden zwischenzeitlich im digitalen Orkus.

Kindische Einträge

Eher kindisch sind dagegen Einträge, die ein Mitarbeiter der britischen BBC vornahm. Der anonyme Autor behauptete, der ehemalige britische Ministerpräsident Tony Blair habe bei einem EU-Gipfel zu viel Wodka getrunken und sich anschließend "lebhaft" im Schlafzimmer ausgetobt. Ursprünglich war von Blairs ungesund hohem Kaffeekonsum vor einem Besuch im Fitness-Studio die Rede.

Die Betreiber von Wikipedia sehen die Veröffentlichungen betont gelassen. "Das ist nichts weltbewegend Neues", sagt Arne Klempert, Geschäftsführer der Wikimedia Deutschland. Alle Beiträge würden von den zahlreichen Autoren permanent überprüft. Nun sei nur "übersichtlich zusammengefasst", welche Unternehmen und Institutionen Wikipedia bearbeiteten. "Ein Großteil der anonymen Einträge ist produktiv und im Sinne des Projekts".