Wikipedia:Unlöschbar machen

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Im Geschwader zur Rettung besonders gefährdeter Einträge stößt man auf Pop-Tarts und Erdferkel. Doch deren Tod darf nicht kampflos hingenommen werden.

Nicholson Baker / Deutsch von Eva-Maria Träger

Wikipedia hat etwas Unglaubliches. Diese Internet-Seite ist riesengroß, eigenwillig, vorsichtig, chaotisch, witzig, schockierend, voller schwelender Kontroversen - und dabei kostenlos und schnell. In wenigen Sekunden kann man unter "Diogenes von Sinope" nachschauen oder unter "Steckrübe", "Crazy Eddie", "Bagoas", "quadratische Gleichung", "Bristol Beaufighter" oder "Sanford B. Dole". Und dann verfügt man über Kenntnisse, die man vorher nicht hatte. Wikipedia ist wie eine gigantische, aus Luft gebaute Stadt, in der große Mengen von Menschen auf den Bürgersteigen hin und her eilen, die Picknickkörbe mit nahrhaften Snacks tragen.

Wikipedia: So wie die Ghostbusters Geister jagten, spürte Nicholson Baker gefährdeten Einträgen auf Wikipedia nach.

So wie die Ghostbusters Geister jagten, spürte Nicholson Baker gefährdeten Einträgen auf Wikipedia nach.

(Foto: Foto: Black Rhino Productions)

Innerhalb weniger als acht Jahren wurde Wikipedia von Leuten aufgebaut, die einander nicht kannten und in allen möglichen Fragen uneins waren, die sich aber zu dieser einen gemeinsamen, gemeinnützigen Sache berufen fühlten. Sie fühlten sich berufen, weil Wikipedia, an den Standards eines Nachschlagewerks gemessen, so demütig auftritt. Es bittet um Hilfe, und wenn es das tut, benutzt es das anrührende Wort "stub" ("Stummel"). Am Ende eines kurzen Artikels über was auch immer steht da: "Dieser Artikel über X ist ein Stub. Du kannst Wikipedia helfen, indem du ihn erweiterst." Da denkt man natürlich: Der arme kleine Stummel, dir werde ich helfen.

Und wenn Menschen tatsächlich halfen, wurden sie mit einem schmeichelhaften Titel belohnt. Sie hießen nicht "Wikipedias kleine Helfer", nein, sie waren die "editors" ("Redakteure"). Das Unternehmen glich einem gigantischen "Wir sammeln Laub"-Projekt, in dem jeder sofort als Landschaftsgärtner bezeichnet wurde. Einige benutzten dafür sehr professionelle Harken aus Metall oder trugen sogar Laubgebläse auf dem Rücken. Andere waren nur Kids, die mit ihren Füßen über den Boden fuhren und die Taschen ihrer Sweatshirts mit bloßen Händen vollstopften. Aber auch ihre Blätter waren auf dem gemeinsamen Haufen willkommen. Der Haufen wuchs und jeder tollte darin herum.

Wer füttert Wikipedia?

Im Lauf der Zeit wurde er zum größten Laubhaufen, den je einer gesehen hatte - ein Weltwunder. Dann aber tauchten selbsternannte Laubhaufen-Wächter auf, Zweifler und Gegner, die jede angebotene Handvoll Laub misstrauisch beäugten und ihre Köpfe schüttelten. Und dann meinten sie, dass die Blätter zu zerknautscht seien oder zu matschig oder zu gewöhnlich, und warfen sie einfach beiseite. Das war schade. Die Menschen, die den Laubhaufen bewachten, wurden "Löscher" genannt.

Aber das kam später. Zuerst war alles nur Spaß gewesen. Wikipedia hatte funktioniert und war gewachsen, weil es die zuvor nicht gebündelten Energien leidenschaftlicher Dilettanten konzentrierte. Die Debattanten, die Geschichtsfreaks, die Fans der alternativen Universen um Garth Nix, Robotech, Half-Life, P. G. Wodehouse, Kampfstern Galactica, von Buffy aus "Im Bann der Dämonen", von Charles Dickens oder Ultraman - all diese Menschen, die hofften, dass die Jahre, in denen sie Comics gesammelt, Bücher gelesen oder auf Fernsehbildschirme gestarrt hatten, keine Zeitverschwendung gewesen waren, fütterten Wikipedia mit den Früchten ihres Wissens. Das war nicht wie das Schreiben von Amateur- Rezensionen bei Amazon, wo man nur einer von Millionen ist, der eine läppische Meinung und eine weitere Lieblingslisten-Liste auf die Welt loslässt. Es war der Versuch, etwas aufzubauen, etwas Großes, das über die eigene Befindlichkeit hinaus Sinn ergibt, eine Bereicherung des menschlichen Daseins.

Wikipedia war der Knoten zwischen den Autodidakten und den Gelehrten. Die Sonderlinge mussten sich mit den Angepassten arrangieren, alles mischte sich - und niemand wusste, wer wirklich Ahnung hatte von den Dingen, über die er da schrieb, weil sich jede Identität hinter einem Usernamen verbarg. Evident war nur, dass das Produkt am Ende einen lesbaren Sinn ergeben und enzyklopädisch klingen musste. Es hatte ein bisschen oberflächlich zu sein, mehr oder weniger allgemein, unparteiisch, knapp, nicht werblich, neutral. Die Forderung, dass alle Einträge zueinander passen sollten, in Gestalt von flüssigen, emotionslosen Sätzen, reduzierte - zu einem gewissen Teil - die Widersprüche, die sich aus diesem Verfahren ergeben mussten.

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Unlöschbar machen

Die Bühne der schüchternen Menschen

Aus dieser Idee entstand etwas Missionarisches: die Vorstellung, die Großartigkeit des Internets durch ein noch nie da gewesenes Teamwork zu beweisen. Kluge Menschen ließen alles andere stehen und liegen und verbrachten Tage, Wochen und manchmal sogar Jahre ihres Lebens damit, Listen von unvollständigen Artikeln zu verfassen, Hilfsprogramme zu kreieren, Themen zu kategorisieren und zu verlinken, Artikel zu schreiben, umzuschreiben, zu verbessern - ohne je Anerkennung dafür zu bekommen, von dem gelegentlich auf der eigenen User-Seite platzierten "Wikipedia-Award Barnstar" einmal abgesehen. Und von dem Gefühl des geheimen Triumphs natürlich. Wikipedia gedieh auch deshalb, weil es eine heilige Stätte des Altruismus war, ein Ort, an dem schüchterne, aber gebildete Menschen eine Bühne fanden.

Den wahren Grund aber, warum Wikipedia so schnell wuchs, schilderte Mitbegründer Jimmy "Jimbo" Wales einmal so: "Das Hauptding ist, dass Wikipedia Spaß macht und süchtig macht." Suchtpotential, ja. Alle großen Internet-Erfolge - Email, AOL Chat, Facebook, Gawker, Second Life, YouTube, Daily Kos, World of Warcraft - besitzen ein mehr oder weniger großes Suchtpotential. Sie kriegen dich, weil sie den Einzelgänger ansprechen und doch sozial sind: Man klinkt sich immer wieder ein, wirft einen kurzen Blick hinein - als ob man zu einer lauten Party ein Stockwerk tiefer schleichen würde, nachdem man selbst eigentlich zu schlafen versucht hatte. Brion Vibber, der eine Zeit lang der einzige fest angestellte Mitarbeiter von Wikipedia war, versuchte bei einem Gespräch mit Google-Mitarbeitern im Jahr 2006, die Anziehungskraft der Enzyklopädie so zu erklären. Für Menschen, die wirklich etwas suchten, sei Wikipedia ein Ort der Recherche, sagte Vibber. Für die Artikelschreiber aber sei es "ein Online-Game mit einer Community, in der man ein bisschen abhängt und lustige Sachen macht. Einen Troll verprügeln, ein bisschen Material verbauen und so weiter". Trolle verprügeln ist für viele Wikipedia-Schreiber der Grund wiederzukommen.

"Altern ist, wenn du, verdammt noch mal, alt wirst"

Einmal angenommen, Sie arbeiteten an einem Wikipedia-Beitrag über das Altern. Sie benutzen dabei eine gehobene, wissenschaftliche Sprache: "Nach einer Periode fast vollständiger Zellerneuerung (bei Menschen im Alter von 20 bis 50 Jahren) wird der organische Verfall durch die abnehmende Fähigkeit charakterisiert, auf Stress angemessen zu reagieren, durch eine Vergrößerung des homöostatischen Ungleichgewichts und ein ansteigendes Krankheitsrisiko. Diese irreversible Folge von Veränderungen endet unausweichlich mit dem Tod." Nicht schlecht! Und dann kommt ein User mit der Adresse 206.82.17.190, ein Rowdy, und ersetzt den kompletten Artikel durch einen einzigen Satz: "Altern ist, wenn du, verdammt noch mal, alt wirst." Eine Minute später machen Sie den Eintrag des anonymen Schreibers mit ein paar Klicks rückgängig; Sie gehen in der "History" zurück zu der vorherigen Version des Artikels. Damit haben Sie Ihren Artikel gesichert - zumindest für den Augenblick. Aber Sie müssen wachsam bleiben, weil sich jederzeit ein anderer Autor einschalten könnte, und dann müssen Sie den erneut angerichteten Schaden wieder mit Ihrer "Rückgängig"-Waffe reparieren. So werden Sie abhängig. Sie sind ein Hüter des Guten geworden, indem Sie Wache stehen und nach jugendlichen Delinquenten Ausschau halten.

Manche Artikel sind so abwegig, dass sie nur selten von Vandalismus betroffen werden (obwohl ich einst einen winzigen Artikel über den Colletotrichum trichelum, einen Pilz, der Efeu befällt, verbessert habe, in dem jemand behauptet hatte, vierzig Prozent der damit infizierten Menschen seien gestorben). Andere Artikel werden sie viel öfter von Vandalen heimgesucht. Am 11. Januar 2008 wurde der komplette, faszinierende Beitrag über das Erdferkel ersetzt durch "ein hässliches Tier"; im Februar wurde das Erdferkel kurz als "mittelgroße aufblasbare Banane" beschrieben. Am 7. Dezember 2007 änderte jemand den langen Eintrag über Bettwanzen ("bed bugs") so, dass er wie ein Horrorfilm klang: "Bettwanzen sind in der Regel nur in der Morgendämmerung aktiv, mit dem höchsten Aktivitätslevel eine Stunde vor Sonnenaufgang. Trotzdem besteht die Möglichkeit, dass sie auch zu anderen Zeiten versuchen, sich an Ihrem Gehirn zu nähren." Einige Wochen später ersetzte jemand das alles durch: "BED BUGS MOTHER FUCKER THEY GON GET YO MOTHA FUCKING ASS BRAAAAAAAT FOOl BRAAAAAAAAAAAAAAAP." Ein kleines Programm der Antivandalismus-Software "VoABot II" machte den Eintrag, begleitet von einem kleinen Seufzer, rückgängig, weniger als eine Minute, nachdem er entstanden war.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum ein Pop-Tart ein altes Kondom ist.

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"Nippel und BrokkoliI!!!!"

Der Vandalismus erreichte im August 2006 einen Höhepunkt, nachdem der amerikanische Fernsehunterhalter Stephen Colbert - nach einem hervorragenden, aber etwas leidenschaftslosen Artikels von Stacy Schiff über Wikipedia, der im New Yorker gestanden hatte - in seiner Sendung dazu eingeladen hatte, erfundene Fakten über afrikanische Elefanten zu posten. Damit wollte er beweisen, dass die Wirklichkeit von Wikipedia nicht der Realität entspreche, sondern eine "Wikialität" sei - ein billiger Scherz und nur mäßig witzig. Die Leute vergingen sich immer wieder an dem Elefanten-Eintrag, bis dieser für eine Weile gesperrt war. Aber nicht sehr lang - und die Party ging weiter.

Der Eintrag zu den "Pop-Tarts", süßen Teigtaschen, die vor allem in Amerika beliebt sind, ist ebenfalls recht unstet. Anfang Februar 2008 war zu lesen: "Pop-Tarts sind kleine Eistörtchen aus Deutschland." Aus früheren Versionen konnte ich lernen: Jährlich werden über zwei Milliarden Pop-Tarts verkauft. Sie wurden in den sechziger Jahren in China erfunden. Beliebte Geschmacksrichtungen sind "gezuckerte Erdbeeren, Brauner-Zucker-Zimt und Sperma". Pop-Tarts sind ein "flacher Keks". Nein: "Pop-Tarts sind flache Gebäckstücke, Kevin McCormick ist ein verfickter Loser, um nicht zu sagen ein schwuler Wicht." Nein: "Ein Pop-Tart ist ein altes Kondom." Einmal, letzten Herbst, war der ganze Eintrag ersetzt worden durch:

Das klingt zwar chaotisch, aber sogar die Pop-Tarts-Seite ist die meiste Zeit unter Kontrolle. Die "nicht hilfreichen" oder "unpassenden" - manchmal dumpfen, rassistischen, bösartigen, dummen - Entgleisungen werden schnell durch menschliche Späher und algorithmisierte Hilfsroboter gelöscht. Es ist ein Spiel. Wikipedianer betrachten Vandalismus als Problem. Das mag so sein. Aber ein kritischer Beobachter wird zugeben müssen, dass Wikipedia ohne seine Dämonen niemals so erfolgreich geworden wäre.

Wer anfängt, auf die andere Seite des Spiegels zu treten, muss mutig sein

Wikipedia kann ein gemeines Nachschlagewerk sein. Niemand weiß vorher, ob man, wenn man den Namen von James Bryant Conant, des einzigen Krieger-Präsidenten der Universität Harvard, nachschlägt, einen langweiligen, unparteiischen Artikel findet, oder ob auf der Seite, so wie am 26. April 2006, für 17 Minuten, nur zu lesen ist: "ER IST EIN BLÖDER DUMMKOPF."

James Conant war in manchen, wichtigen Dingen tatsächlich ein Dummkopf: ein ehrgeiziger Antisemit, der an Wunderwaffen glaubte - ein Mann, den es ebenso glücklich machte, darüber nachzudenken, auf welche neuen Arten man Menschen töten könne, wie darüber, auf welche Art man eine Universität zu führen habe. Ohne die Verrückten, die Unverschämten und die Graffiti-Sprüher aber wäre Wikipedia nur die nützlichste aller jemals erschienenen Enzyklopädien. Doch so, wie es sich tatsächlich darstellt, ist es eine rasante Partie Paintball.

Das erste, was ich selbst auf Wikipedia veröffentlichte (unter dem Usernamen "Wageless"), waren einige mäßig gute Sätze auf der Seite über Bovines Somatotropin. Ich klickte auf "Bearbeiten" und wurde plötzlich von einem merkwürdigen schwindelähnlichen Gefühl ergriffen, als wäre ich auf die andere Seite des Spiegels gewechselt und hätte nun die Erlaubnis, eine riesige Maschinerie oder ein sehr sensibles Teil einer biomedizinischen Apparatur zu bedienen. Es erschien alles so fragil, so leicht zerstörbar. Man fragt sich: Warum wehren sich die Worte nicht mehr? Nun, man gewöhnt sich schnell daran. Und erinnert sich an die wichtigste Direktive von Wikipedia: "Sei mutig." Man beginnt das Leben auf der anderen Seite des Spiegels zu mögen.

Nach den Bovines-Hormonen bastelte ich ein wenig an der Inhaltsangabe von "Schlaflos in Seattle", während ich mir den Film im Fernsehen anschaute. Etwas später nahm ich einige Korrekturen an der Einleitung des Artikels über Hydraulikflüssigkeit vor - später machte sie jemand sogar noch besser. Eines Abends nach dem Nachtisch suchten meine Frau und ich nach Rezepten für Fruchtpastete. Danach arbeitete ich längere Zeit an dem Artikel über Fruchtpasteten, in dem allerdings immer noch nicht alles stimmt. Ich schraubte ein bisschen am Artikel über Periodisierung. Zu diesem Zeitpunkt begann ich, mit meinen aufgeklappten Computer am Küchentresen zu stehen. Nach nur einer Woche befand ich mich auf dem geraden Weg ins erste Stadium der Wikipedia-Abhängigkeit.

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Den Artikel "weniger löschbar machen"

Was mich schließlich ganz und gar hineinzog, war der Versuch, Artikel vor dem Löschen zu retten. Das wurde meine Mission, und es kam so: Ich las einen kurzen Eintrag über Richard Denner, einen Post-Beat-Poeten und Kleinstverleger, der in den sechziger Jahren in Berkeley studiert hatte und dann, nach einigen verlorenen Jahren, ein paar kleine Gedichtbände herausgab, die er auf einer Handpresse irgendwo im Nordwesten der Vereinigten Staaten gedruckt hatte. Ein User namens "PirateMink" schlug vor, den Artikel zu löschen, weil Denner keine "relevante Person" sei - was immer das heißen mag. (Es gibt Bände, Stapel, jede Menge Kontroversen darüber, was "relevant" bei Wikipedia heißt: Niemand würde etwas so Betiteltes jemals aussortieren). Ein anderer User, "Stormbay", stimmte "PirateMink" zu: Keine Angabe von Quellen, also nicht relevant.

Kurz, Denner befand sich in ernsthaften Schwierigkeiten. Ich versuchte, den Artikel weniger "löschbar" zu machen, indem ich ein Zitat aus einem Interview mit dem Berkeley Daily Planet einbaute, in dem Denner sagte, dass er sich in den sechziger Jahren als Straßendichter versucht habe: "um mir einen Espresso zu verdienen, kritzelte ich mit Filzstiften auf Servietten im Cafe Med und auf die Arme und Beine von Mädchen". (Wenn ein Artikel sich mit Zitaten aus externen Quellen vor dem Löschen sträubt, kann ihn das vor dem Tod bewahren - ähnlich wie die buschigen Haare bei Raupen). Auf der Seite mit den Lösch-Diskussionen stimmte ich für "Behalten" und wies darauf hin, es gebe viele Dichter, die nur kleine Bücher veröffentlicht hätten: "Welcher Schaden entsteht dadurch, diesen Eintrag zu behalten?"

Ein Administrator namens "Nakon" - einer von ungefähr tausend freiwilligen Administratoren, die von anderen Usern vorgeschlagen werden - nahm sich eine Minute, um die zwei "Löschen"-Stimmen und mein Votum für "Behalten" zu betrachten, und vernichtete dann den Artikel. Denner war weg. Wie elektrisiert begann ich die "AfLs" (Artikel für die Lösch-Diskussionen-Seite) und die noch dringenderen "Schnelllöschkandidaten" und "PRODS", die "proposed deletes" ( die zum Löschen vorgeschlagenen Seiten) nach Einträgen zu durchsuchen, die auf ähnlich grundlose Weise gefährdet zu sein schienen. Und wenn es ernst wurde, versuchte ich, sie zu retten.

Der Eintrag verschwand nicht!

Taekwang Industry, eine Textil-Fabrik aus Südkorea, war ein solcher Fall. Ein User mit dem Namen "Kusunose" "proddete" den Eintrag - versah ihn also mit einem rot-markierten Hinweis, der die Löschung innerhalb der nächsten fünf Tage vorsieht. Ich entfernte den Hinweis als Zeichen meines Einwands und machte mich hastig daran, den Text etwas aufzupolieren, indem ich eintrug, dass die Firma "Acelan" enthaltendes Elasthan herstellt, Regenjacken, Regenschirme, Natriumcyanid und schwarze Abayas. Der Eintrag verschwand nicht. Wow, fühlte sich das toll an! Also machte ich weiter.

Ich kämpfte mit Presse-Zitaten für das Jitterbug-Telefon, ein Handy mit großen Tasten und einer weichen Hörmuschel für ältere Menschen; für Wladimir Narbut, einen unbedeutenden russischen Vertreter des Akmeismus, dessen zweites Buch "Halleluja" von der Polizei konfisziert worden war; für Sara Mednick, Neurowissenschaftlerin aus San Diego und Autorin von "Take a Nap! Change Your Life"; und für Pyro Boy, der sich auf der Bühne in einen menschlichen Feuerwerkskörper zu verwandeln pflegt. Ich schrieb mir die Arifs auf die Fahnen, eine zypriotisch-türkische Gang aus London (bei LexisNexis fand ich, dass der Irish Daily Mirror sie als "Englands Nummer 1 unter den gewalttätigen Gangs" bezeichnet hatte); und "Card Football", eine Football simulierende Poker-Variante; Paul Karason, einen Typen mit Strapsen, der sein Gesicht unter Zuhilfenahme von kolloidalem Silber blau anlaufen lässt; Jim Kara, einen Gitarren-Restaurator und Internet-Musiker, der bei einem Skisprung-Wettbewerb eine schwere Kopfverletzung erlitten hatte; den Autor Owen King, den Sohn von Stephen King; den Whitley Neill Gin, der nach südafrikanischen Pflanzen schmeckt; die "Whirled News Tonight", ein Improvisationstheater in Chicago; und Michelle Leonard, eine deutsche Songschreiberin, die zu einem Hit mit dem Titel "Love Songs (They Kill Me)" beigetragen hatte.

Alle diese Menschen und Dinge hatten andere Autoren für "nicht relevant" erachtet, manche mit gedankenloser Härte - der Eintrag über Michelle Leonard, hieß es, sei "komplett erlogen" (zu Unrecht, wie ein anderer Autor, "Bondegezou", der sich im europäischen Pop besser auskennt, später erklärte). Jedesmal, wenn ich zur Rettung eines Artikels beitragen konnte, freute ich mich sehr - und stolzierte umher wie Henry Fonda in "Die zwölf Geschworenen". Zur gleichen Zeit, während der ich meine kleinen, (für mich) faszinierenden "Behalten"-Kriege führte, fanden überall auf Wikipedia Hunderte von ähnlichen Auseinandersetzungen statt. Ich trug mich beim "Article Rescue Squadron" (ARS) ein, dem "Geschwader" zur Rettung von Einträgen: Das ARS ist eine kleine Gruppe, die "extremistische Löschaktionen" verhindert. Außerdem erfuhr ich von einem Projekt mit dem Namen WPPDP (für "WikiProject Proposed Deletion Patrolling"), in dem die Teilnehmer die Listen von zum Löschen vorgeschlagenen Artikeln nach solchen durchsuchten, die nicht verschwinden sollten.

Auch Alamonda gibt es nicht mehr

Da täglich über 1500 Einträge gelöscht werden, kann diese Arbeit schnell zum Lebensinhalt werden. Aber einige Autoren (wie der geduldige Bibliothekar hinter dem Usernamen "DGG") scheinen sie Woche für Woche erledigen zu können, ohne dabei verrückt zu werden. Ich hingegen bekam kein Wort mehr von dem mit, was meine Familie mir erzählte, und verschwand ganze zwei Wochen hinter meinem Bildschirm bei Versuchen, kurze, manchmal zu werbliche, aber dennoch wertvolle Biographien zu retten, indem ich sie in eine neutralere Sprache übertrug und hastig Zeitungsarchive und Suchmaschinen nach Verweisen durchkämmte, die ihren Bekanntheits-Quotienten erhöhen könnten.

Nicht, dass ich dachte, jeder Artikel sei einen solchen Kampf wert. Irgend einer schrieb beispielsweise etwas über Plamen Ognianov Kamenov. Vollständig zitiert lautete der Artikel wie folgt: "Hi, ich heiße Plamen Ognianov Kamenov. Ich bin Bulgare. Ich bin smart." Dass es diesen Eintrag nicht mehr gibt, leuchtet ein. Ein anderer Benutzer, offensichtlich ein Kind, verfasste eine reizende kleine Geschichte über eine fiktive Kaiserin namens Alamonda, die die Kammerzofen ihres Mannes hasste. "Sie fiel in Ohnmacht, so eifersüchtig war sie", stand in dem Artikel. "Alamonda starb um sechs Uhr abends in ihrem Zimmer. Am 4. August 1896." Auch Alamonda gibt es nicht mehr. Trotzdem werden immer noch viele gute Beiträge - verifizierbar, informativ, anregend, aber ungewöhnlich - aus diesem papierlosen, unendlich erweiterbaren, wie eine Ziehharmonika gefalteten Archiv verbannt, von Menschen mit einem allzu engen, klippschulmäßigen Verständnis davon, welche Wissensbedürfnisse eine Online-Enzyklopädie jetzt und in Zukunft erfüllen sollte.

Jeder kann einen Artikel "abschießen", indem er einfach einen Software-Befehl in Doppelklammern einfügt. Weitaus schwieriger ist es, etwas zu verbessern, das schon geschrieben ist, oder sogar mit etwas ganz Neuem anzufangen. Heute gibt es bei Wikipedia nicht wenige Leute, die nur schikanieren wollen und eine Befriedigung daraus ziehen, die Arbeit anderer zu zerstören und zu verhöhnen - bis hin zu Witzen über die Verwendung von Umgangssprache. Sie durchlöchern Artikel mit Warnungen und Notizen über fehlende Belege und Löschvorhaben, bis die Artikel keine mehr sind. Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob es Artikel über jede einzelne Pokémon-Figur geben sollte.

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Wie Kinder, die Sandburgen zerstören

Im Herbst 2006 versuchten ganze Gruppen selbsternannter Redakteure, Einträge über Web-Comic-Künstler zu vernichten - dabei gehören diese zu den originellsten und sprachgewandtesten Menschen im Netz. Solche Gruppen kennzeichneten einen Gegenstand als "Nicht relevant" und machten die entsprechenden Artikel dann gemeinsam schlecht. Einer von ihnen sprach freimütig von der "Web-Comic-Künstler-Entfernungsaktion 2006". Eines der Opfer, Trev-Nun, Autor von "Ragnarok Wisdom" schrieb: "Ich hatte den Eindruck, sie genossen das wie Kinder, die fremde Sandburgen zerstören." Howard Tayler, ein anderer Künstler, meinte: "Die Relevanz-Schlachten werden überall in Wikipedia geschlagen, von imperialistischen, schäbigen Möchtegern-Diktatoren, die sich als demütige Redakteure ausgeben." Rob Balder, Autor des Web-Comics "PartiallyClips", verglich die organisierten Eliminierer mit Bücherverbrennern und schrieb: "Eure Texte sind höflich, ja, aber eure Handlungen sind schamlos. Jedes Wort in jedem gültigen Eintrag, das ihr zerstört habt, sollte euch ins Gesicht geschrieen werden."

Als sich die Löschungen und Konflikte im Jahr 2007 häuften, erklärte Andrew Lih, einer der klügsten Beobachter von Wikipedia, gegenüber einem kanadischen Reporter: "Es geht derzeit eher um das Entfernen, Löschen, Einschränken von Informationen, als darum, sie zur Verfügung zu stellen und wachsen zu lassen." Im September 2007 schuf der Wikipedia-Selbstdarsteller Jimbo Wales - ein "Bewahrer", der glaubt, dass Leute, die sich einen Artikel über jede einzelne Pokémon-Figur wünschen, diesen, bitteschön, auch bekommen sollten - einen Ein-Satz-Eintrag über Mzoli's, ein Restaurant am Stadtrand von Kapstadt in Südafrika. Der Artikel wurde bald danach zum Löschen vorgemerkt. Nach einem Ansturm von Internet-Vandalen (die Seite wurde zum Beispiel ersetzt durch "Ich hasse Wikipedia, es ist eine linksradikale Propaganda-Veranstaltung unter der Führung von ein paar linken Extremisten") ist Mzoli's nun das Modell eines guten Eintrags, gespickt mit allerlei Presse-Zitaten. Mittlerweile gibt sogar einen Eintrag über das "Löschen und Bewahren bei Wikipedia", datiert von Januar 2008. Eine frühe Attacke, ihn zu entfernen, hat er bereits überstanden.

Nicholson Baker, geboren 1957 in Rochester, New York, lebt als Schriftsteller in Berwick, Maine. Auf deutsch erschien von ihm zuletzt "Eckenknick oder wie die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen" (2005). Sein Buch "Human Smoke" (2008) über den Zweiten Weltkrieg erregt derzeit in den Vereinigten Staaten und England Aufsehen.

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