bedeckt München 29°

Start-up-Szene sucht das nächste große Ding:Programmieren, kampieren und derweil stagnieren

Es fehlt der evolutionäre Elan. Obwohl in Berlin das Geschäft mit dem Internet boomt und Tausende zu einer Start-up-Konferenz zusammenkommen, fragen sich alle, was das nächste große Ding sein könnte. Zwanzig Jahre nach Erfindung des Internets macht sich erstmals das Gefühl von Stagnation breit.

Michael Moorstedt

Im Sommer 2012 brodelt in Berlin das Geschäft mit dem Web. Große Technik-Blogs wie Gigaom, Venturebeat und auch das Wall Street Journal loben die lokale Gründerszene in höchsten Tönen, selbst die Stadtväter haben endlich was gemerkt - mit der Bekanntgabe einer halben Million Euro schweren Marketingkampagne wollen sie an Start-up-Stimmung anknüpfen. Und dann gastierte auch noch - nach Stationen in Spanien, Mexiko und Ecuador - zum ersten Mal die Campus Party in Berlin. Sie hat nach eigenen Angaben 10 000 Besucher und wäre damit größer als re:publica, TEDx und next, also all die anderen Internet-Konferenzen zusammen.

'Campus Party' ruestet sich fuer Tausende Teilnehmer

Sponsoren zahlen Zelte und auch sonst überkommt einen das Gefühl, dass die digitale Existenz immer mehr von Unternehmen vereinnahmt wird. 

(Foto: dapd)

Mal angenommen, für sechs Tage in der vergangenen Woche hätten sich also wirklich junge und kluge Menschen in Europas spannendster Start-up-Stadt versammelt, um ihre Versionen der Zukunft vorzustellen - dann müsste jetzt eigentlich klar sein, wie es weitergeht mit dem Netz, und wo das nächste große Ding sich gerade zusammenbraut. Ist es aber nicht. Die Wahrheit ist eher: Niemand weiß es so recht.

Erkennbar ist zunächst nur, dass die sogenannte Netzgemeinde keine Subkultur mehr ist. Man merkt es sofort, wenn man das Gelände der Campus Party am alten Flughafen Tempelhof betritt. Grimmiges Securitypersonal durchforstet die Taschen, Besucher müssen ihre Laptops registrieren lassen. Im Inneren stehen die Zelte in Reih und Glied, und auf jedem prangt ein Sponsorenlogo. Werbeagenturen haben die Kultur des Internet längst als Marketingvehikel entdeckt, bald überkommt einen das Gefühl, dass auch die eigene digitale Existenz immer mehr von Unternehmen und Sponsoren vereinnahmt wird.

Auch sonst fehlt der revolutionäre Elan. Immer wieder fällt das Wort vom Kirchentag. Dieser Vergleich stimmt zumindest in dem Punkt, dass alte Menschen der Jugend hier gute Worte mit auf den Weg geben - von der Kanzel des Keynote-Podiums herab. Teilen, sagt etwa Paulo Coelho - Schnulzen-Autor und gleichzeitig eifriger Social-Media-Nutzer - am ersten Tag mit professoraler Gravitas, sei das Wichtigste im Leben. Nichts ist unmöglich, predigt tags darauf Yossi Vardi, Start-up-Guru aus Israel - wenn man nur an sich glaube.

Positive Grundstimmung ist zu spüren

Am Freitag lässt der Wirtschaftsexperte Don Tapscott verlauten, die Welt sei defekt, doch die Besucher stünden im Zentrum eines neuen Modells, das Besserung verspräche. Neelie Kroes, EU-Kommisarin für die Digitale Agenda, lobt das Talent der jungen Leute, und am letzten Tag steigt Sir Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web und damit veritabler Halbgott, in Tempelhof ab und stellt noch einmal klar, dass Hacker nicht die Bedrohung, sondern die Hoffnung seien. Man kann also durchaus behaupten, dass eine positive Grundstimmung zu spüren ist.

Das Gefühl, dass dennoch Stillstand herrscht, erklärt sich aus der kurzen Geschichte des Netzes und seiner Innovationen. Die Daten der großen Epochenbrüche sind darin gnadenlos eng getaktet. Oder war das nur bisher so? Am 15. Januar 2001 zum Beispiel ging die erste Version der Wikipedia online, es begann das bisher größte publizistische Projekt der Menschheit. Kaum drei Jahre später, am 4. Februar 2004, erblickte Facebook das Licht des Web - und bald war "social" das Mantra, das Technik-Evangelisten gebetsmühlenartig wiederholten. 2006 ging Twitter live und im Jahr darauf hatte man mit dem iPhone auch das notwendige Werkzeug zur Hand, um all diese Dienste jederzeit und an jedem Ort zu nutzen.

Die Erfolgsformel bleibt gleich

Würden wir uns im Jahre 2012 noch immer im selben Rhythmus bewegen, wäre es jetzt höchste Zeit für den nächsten, alles verändernden Umbruch - oder, wie das auf Internet-Tagungen gerne genannt wird - für die nächste Disruption. Stattdessen bleiben die Parolen die gleichen. Unter dem riesigen Vordach des alten Flughafens sind auf mehreren Hundert Metern Computerarbeitsplätze aufgebaut, große Container schützen vor der Sonne. "If you have a brain, then you are a Start-Up", steht auf ihnen geschrieben, oder "Coders of the world, unite!". Sind das Motivations- oder Durchhaltesprüche?

Klar ist jedenfalls, dass die aktuellen Start-ups, in Berlin und anderswo, letztendlich an immer feineren Variationen der immer gleichen Netz-Gebote arbeiten. SoLoMo heißt schon seit langer Zeit die fix angepinnte Erfolgsformel - soziale, lokale und mobile Anwendungen müssen her, oder eine Kombination aus ihnen. Und egal, wohin man derzeit blickt, recht viel mehr wird einem nicht angeboten.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB