Musiksoftware Ableton Live Verloopt in Berlin

Müssen Musikprogramme einen immer zur Verzweiflung bringen? Nicht unbedingt.

Manchmal sagen wenige Sätze viel über ein Produkt. Bei der Musiksoftware "Live" stehen sie auf der ersten Seite des Handbuchs. Dort heißt es: "Live ist das Ergebnis der Bemühung von Musikern, einen besseren Weg zum Komponieren, Produzieren und Aufführen von Musik mit dem Computer zu finden. ... Sollten Sie Vorschläge haben, wie wir Live besser machen können, lassen Sie es uns bitte wissen ."

Die Session-Ansicht in Live: Hinter jedem der farbigen Kästchen steckt ein Loop. Die Loops lassen sich beliebig sortieren. Das hat in dieser Form kein anderes Musikprogramm.

(Foto: Bild: Screenshot)

Die Sätze schrieb Ableton nicht zum ersten Mal ins Handbuch. Vielleicht aber passen sie besser denn je in eine Zeit und Branche, in der die Konkurrenz härter denn je ist - und der Wettbewerb mittlerweile auch aggressiv über den Preis geführt wird.

Dass die Sätze nicht nur leere Eingangsworte sind, spiegelt sich einmal mehr in Live 7 wider, der neuen Version, die jetzt veröffentlicht wurde: Eine ganze Reihe der neuen Module und Verbesserungen gehen auf Anregungen der Nutzer zurück. Und so ist mittlerweile eine Software entstanden, die bei aller Komplexität ungewöhnlich übersichtlich ist.

Live ist das einzige Produkt Abletons und ursprünglich war das Programm vor allem für das DJing, den Live-Auftritt und die Arbeit mit kleinen Klangbausteinen - Loops - konzipiert. Da machte es eine gute Figur. Doch es konnte sich in vielen Segmenten nicht mit den Großen in der Musiksoftwarebranche messen. Die Ausstattung war zu schmal und reichte auch qualitativ nicht für die große Produktion. Viele Musiker nutzten Live dennoch - für den kreativen Part nebenher.

Der schon in den vergangenen Jahren initiierte Umbau zu einem vollwertigen Musikproduktionsprogramm wurde in der neuen Variante noch weiter forciert: Die Audio- und Midi-Engine, das Doppelherz der Software also, wurde überarbeitet.

Ein bisschen Wurlitzer, ein bisschen Rhodes

Daneben gibt es zahlreiche zusätzliche virtuelle Instrumente: Drei neue Softwareinstrumente und ein erheblich vergrößertes Angebot an speziell in Live nutzbaren Sample-Instrumenten.

Der Unterschied zwischen beiden Instrumenten-Typen: Softwareinstrumente modellieren Klänge. Sie beanspruchen den Prozessor stark, belasten aber kaum den Speicher. Umgekehrt ist es bei den Sampleinstrumenten: Sie nutzen Tausende von Aufnahmen einzelner Töne, die von den Originalinstrumenten gemacht wurden. Diese brauchen viel Speicherplatz, beanspruchen aber weniger Prozessorleistung.

Die Software-Instrumente stammen aus einer Kooperation mit der kanadischen Firma Applied Acoustics Systems (AAS) und heißen Electric, Tension und Analog.

Electric ist eine Variante des vergleichsweise bekannten AAS-Produkts Lounge Lizard und simuliert die Klänge klassischer elektrischer Klaviere, etwas die des Rhodes oder des Wurlitzer-E-Pianos.

Tension modeliert Streichinstrumente und Analog die Klänge älterer Synthesizer.

Ableton hat alle Instrumente an das Live-Layout angepasst, so dass sie sich geschmeidig in das Programmumfeld einfügen und vergleichsweise einfach bedienen lassen.

Daneben gibt es neu eine zusammen mit der Firma Chocolate Audio entwickelte Sample-Schlagzeugsammlung sowie "Drum-Machines", eine Reihe von gesampleten Drumcomputern.

Das führt denn auch gleich zu einem neuen Verkaufskonzept: Ableton gibt es nun auch als Ableton Suite, in der die Software mit den neuen Instrumenten im Paket gekauft werden kann. Zusätzlich werden in Kürze weitere Orchesterinstrumente angeboten - nicht zuletzt als Zugeständnis an Filmmusiker.

Die Instrumente sind die auffälligsten neuen Features, doch im eigentlichen Programm gibt ebenfalls zahlreiche Neuerungen. Darunter die Unterstützung von Recycle-Dateien, die Slicing-Möglichkeit, Side-Chaining und das Drum-Rack.

Gerade mit der Unterstützung der weit verbreiteten Recycle-Dateien kommt Ableton einem lange geäußerten Wunsch der Nutzer nach. Die Recycle-Technologie wurden von der schwedischen Firma Propellerhead entwickelt: Mit ihr lassen sich Musikdateien in kleine Scheiben schneiden - slicen.

Der Vorteil: Das Abspieltempo der Datei lässt sich bei gleichbleibender Tonhöhe stark verändern, ohne dass es - wie etwa bei der Time-Stretch-Technologie - schnell zu störenden Tonverzerrungen kommt.

Live kann die Recycle-Dateien nicht nur lesen und nutzen, sondern auch selbst ähnliche Dateien erzeugen. Dies funktioniert mit dem Feature "Slice-to-Midi".

Hierbei wird die Datei ebenfalls in viele kleine Tonstückchen unterteilt, jedoch zugleich in eine Midi-Datei umgewandelt.

Jedes der Tonstückchen lässt sich dann beispielsweise mit einer Midi-Tastatur ansprechen. Damit das möglichst einfach funktioniert, hat Ableton ein weiteres Gerät lanciert: das virtuelle Drum-Rack. Es integriert die Tonschnipsel in ein Gerüst und ermöglicht es, jeden dieser Schnipsel separat zu bearbeiten oder mit Effekten zu belegen. Der Charakter eines Tons lässt sich damit von Grund auf verändern.

Das Drum-Rack spiegelt ganz die Ableton-Philosophie wider: Es ist einfach zu bedienen und offen für alle Experimente. Keine andere Musiksoftware verfügt über ein vergleichbares Tool.

Natürlich ist das Drum-Rack vor allem für kurze, perkussive Klänge und zum Aufbau komplexer Schlagzeugbegleitungen gedacht - es kann aber alle Tondateien integrieren.

Daneben hat Ableton - ebenfalls auf Wunsch vieler Nutzer - die bislang nur rudimentär vorhandene Möglichkeit zum Sidechaining erweitert. Sidechaining ermöglicht es, Instrumente durch andere Instrumente zu steuern. Es ist also nichts anderes als eine spezielle virtuelle Verkabelung von Effekten und Instrumenten.

Wenn beispielsweise im Radio die Musik immer genau dann leiser wird, wenn der Moderator in die Musik hineinspricht, funktioniert das über Sidechaining. Oder man braucht es im Dance-Bereich, um den klassisch pumpenden Rhythmus zu erzeugen.

Ansonsten gibt es viele kleinere Neuerungen, die das Arbeiten mit Live angenehmer machen. Die Arrangement-Ansicht indes, die am ehesten dem Aufbau eines klassischen Musikprogramms entspricht, lässt immer noch einige Wünsche offen. Vor allem die kleinteilige Darstellung ist wenig einladend.

Und wer sein Audio-Rohmaterial intensiver bearbeiten will, kommt um die Anschaffung eines separaten Wave-Editors kaum herum.

Die Session-Ansicht hingegen, die vor allem bei der Arbeit mit Loops ihre Vorteile ausspielt, ist nach wie vor unerreicht.

Wer das alles selbst testen will, kann das tun: Ableton bietet auf der Webseite alle Varianten des Programms als Demoversion an.