Literatur:Gates vor Gericht: World War 3.0

Lesezeit: 2 min

Warum das Microsoft-Monopol jedes Kartellverfahren überstand. Ein Protokoll juristischer Winkelzüge.

Sylvia Englert

(SZ vom 10.10.2001) - Das Drama "Microsoft gegen die US-Regierung" ist eine unendliche Geschichte. Seit Jahren geht es hin und her, manchmal erscheint der eine als Gewinner, dann triumphiert wieder der andere. Akribisch protokolliert Auletta die juristischen Winkelzüge der Anwälte auf beiden Seiten und überschüttet den Leser mit einer Fülle von Namen und Details. Der unfreiwillige Effekt: Die vom Verlagsprospekt versprochene krimiähnliche Spannung will sich nicht recht einstellen. Statt dessen bemüht man sich als Leser krampfhaft, den Überblick zu behalten.

Gates vor Gericht

Wie Auletta selbst bemerkt: "Kartellrechtsprozesse sind nicht gerade aufregende Gerichtsdramen." Zudem hat die Story noch längst nicht ihren Abschuss gefunden, weshalb auch das Resümee inzwischen überholt ist. Das Blatt hat sich nämlich mit der neuen Regierung Bush wieder einmal gewendet, und ein Ende des Prozesses ist noch immer nicht in Sicht. Immerhin: Die vorliegende Ausgabe ist vom Autor in diesem Juni nochmals aktualisiert worden.

Wer sich näher für Microsoft interessiert, dem sei dieses Werk ans Herz gelegt. Auletta taucht tief in Gates Biographie und Microsofts Unternehmenskultur ein und erklärt das ruppige Geschäftsgebaren des Softwaregiganten. Sein unausgesprochenes Fazit: Alle Dinge, die sich der Konzern hat zu schulden kommen lassen, entspringen weniger krimineller Energie als jugendlich-naivem Überschwang und Überehrgeiz. Und die Opfer waren zum größten Teil keine armen, hilflosen Lämmer.

Ein negativer Eindruck

Obwohl Auletta Verständnis demonstriert, läßt er schon am Anfang keinen Zweifel darüber, auf wessen Seite seine Sympathien liegen. Er missbilligt Microsofts Einstellung, Wettbewerb als Krieg zu verstehen, und porträtiert Gates, den er wiederholt interviewt oder auf Konferenzen getroffen hat, als unreifen, leicht verhaltensgestörten Jungen, der auf den Standpunkt steht: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns". Er läßt seinem immensen Ehrgeiz freien Lauf.

Im Laufe des Prozesses drängte sich dieses wenig schmeichelhafte Bild auch den Prozessbeteiligten auf, denn Gates kam nicht einmal selbst in den Gerichtssaal, sondern machte seine Aussage in der Microsoft-Zentrale auf Video. In dieser Aussage verhielt er sich so unkooperativ und rüpelhaft, dass das Dokument ihm eher schadete.

Auflettas Buch will zweifellos Zusammenhänge herstellen, etwa was die Antitrust-Gesetzgebung für Microsoft künftig bedeutet? Oder die Frage, ob man die bisherige Gesetzgebung im schnellebigen Internetzeitalter überhaupt noch anwenden kann. Viele Beobachter hatten den Eindruck, dass der Prozess sich "möglicherweise mit den Verhältnissen von gestern befasste, während die Branche bereits weiterzog." Doch bis Microsofts Monopol einmal Vergangenheit ist, wird noch einige Zeit vergehen.

Dass der langwierige erste Prozess, den das Buch behandelt, keine Folgen für den Software-Riesen haben wird und viele Entscheidungen inzwischen aufgehoben wurden, ist pikanterweise mit Aulettas Recherchen für das Buch verknüpft. Das Berufungsgericht tadelte Richter Jackson nämlich dafür, dass er während des Prozesses mit Reportern gesprochen und damit "die Integrität des gerichtlichen Verfahrens in Frage" gestellt habe. Gemeint waren damit unter anderem die zehn Stunden, in denen Ken Auletta Richter Jackson interviewen durfte. So wurde der Autor zum unfreiwilligen Mitspieler in jenem Drama, über das er eigentlich nur berichten wollte.

KEN AULETTA: Gates vor Gericht: World War 3.0 - Microsoft und seine Feinde. 544 Seiten. Europa Verlag, Hamburg 2001. 49.50 DM

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