Interview mit Jaron Lanier Hässlich, unzivilisiert und böse

Der Internet-Pionier, Künstler und Gegenwartsphilosoph Jaron Lanier gilt als härtester Kritiker der anschwellenden Euphorie über das Web 2.0. Er sagt, das neue Internet führt ohne Individualität über kurz oder lang statt zu kollektivem Fortschritt zu einer neuen Form von digitaler Unterdrückung.

Von Stefan Holtel & Konrad Buck

SZ: Was ist das Web2.0? Eine Religion? Oder das große Geschäft?

Internet-Pionier Jaron Lanier

(Foto: Foto: Dan Farber)

Lanier: Es ist keins von beidem. Das Internet ist eine Technologieform, die verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen hat und heute jede Menge ebenso interessanter wie gefährlicher Aspekte aufweist. Die Frage ist, was man daraus macht. Ich sage nicht, dass das Internet per se schlecht ist. Ganz im Gegenteil, es gibt sehr viele positive Aspekte des Internets. Aber es ist wie beim Schachbrett: Es gibt genauso viele weiße wie schwarze Felder! SZ: Und die schwarzen sind...

Lanier: ...vergleichbar mit einer aufstrebenden Religion, welche im Falle des Machtzuwachses - und das Internet wird einflussreicher werden - sehr gefährlich werden kann. SZ: Google strebt also nach der Alleinherrschaft im Netz, und Forscher wie Ray Kurzweil liefern dafür eine digitale Welt, in der der Mensch der künstlichen Intelligenz unterliegt?

Lanier: Nein. Bitte! Die Wahrheit liegt genau dazwischen. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich nichts Schlechtes von den Google-Kids oder von Ray Kurzweil denke. Das Problem besteht darin, dass die momentanen Entwicklungen sowohl ins Positive als auch ins Negative umschlagen können. Manchmal kann eine Idee gefährlich werden, wenn sie zu dominant wird.

SZ: Wer oder was ist zu dominant?

Lanier: Das Internet läuft Gefahr, eine Monokultur zu unterstützen. Es kann so weit kommen, dass Leute in eine bestimmte Denkschiene rutschen, so dass sie nichts anderes mehr wahrnehmen und daher leicht manipulierbar werden.

SZ: Heißt das, dass uns jemand beeinflusst und zu Konsumenten einer gleichgeschalteten Monokultur machen will?

Lanier: Nicht jemand, sondern etwas, eine sich falsch entwickelnde Technik. Das Internet basiert auf einer Technologie. Diese schlägt ein System vor, in welchem Menschen ihre Identitäten verlieren und Teil eines neuen Massenmediums werden sollen. Es wird eine Art Erlösung behauptet, wenn jemand anonyme Artikel für die Online-Enzyklopädie Wikipedia erstellt oder in anderen Datenbanken Photos oder Videos teilt. Momentan ist das alles harmlos, da das Internet noch sehr jung ist. Aber in 10 oder 20 Jahren, werden wir komplett darin eingetaucht sein. Das Internet wird alles vermitteln. Darin liegt die Gefahr. Dieser Ansatz ähnelt anderen Umständen, die in der Vergangenheit immer nur das Schlechteste im menschlichen Verhalten hervorbrachten.

SZ: Die vielbeschworene Schwarmintelligenz ist also ein Irrweg?

Lanier: Ja, denn die dahinter steckende Idee suggeriert, es müssten nur möglichst viele Leute das Gleiche tun, und schon käme etwas Tolles raus. In Wahrheit sind es immer Individuen oder kleine Gruppen, die Kreatives hervorbringen. Das einzig Positive am Internet in diesem Zusammenhang besteht darin, dass es möglichst viele kreative Individuen schnell und unkompliziert zusammenbringen kann. Aber dann müssen die Leute außerdem noch eine gute Idee haben und anschließend hart arbeiten, um die Idee zu einem marktfähigen Produkt oder gar zu einer für den Menschen tatsächlich hilfreichen Organisation aufzubauen. Und genau das passiert viel zu selten. Stattdessen verlieren sich die Jugendlichen hauptsächlich in belanglosen Kollektiven. Die ,,Weisheit der Masse'' könnte nur dann funktionieren, wenn das Internet dazu genutzt würde, die in der Masse durchaus existierenden wenigen Weisen zu lokalisieren, sie zur Kooperation zu bewegen - und ein gutes Geschäft zu machen.

SZ: Warum passiert das so selten?

Lanier: Es war ein großartiger Schritt, als einzelne Computer erstmals zu Netzwerken verbunden wurden. Ich glaube, darin liegen unglaubliche Potentiale. Allerdings habe ich ein Problem damit, dass Menschen in einer breiten Masse aufgehen sollen, wenn der einzelne Computer sich ins Netzwerk einklinkt. Ich möchte verdeutlichen, dass der technische Teil von Web 2.0 hervorragend war. Aber ich kritisiere die Idee, im gleichen Atemzug die Menschen zu einer anonymen breiten Masse zu machen. Nehmen Sie die Blogs: Nicht-anonyme Einträge, in denen die Personen sich zu erkennen geben, sind halbwegs zivil. Sie sind Teil der Zivilisation. Sobald Leute aber anonym schreiben, werden sie gemein. Sie werden widerlich. Lass Menschen zur breiten Masse werden und sie werden böse. Und sie verlieren sich selbst.

SZ: Selbst Wikipedia ist böse?

Lanier: Ach, Wikipedia. Wikipedia liest sich wie eine normale Enzyklopädie. Aber wenn man die Entstehungsgeschichte der einzelnen Einträge liest, wie da um Formulierungen gekämpft wird... Menschen sind gemein zueinander. Diese Konflikte sind übel, hässlich und haben nichts mit zivilisiertem Umgang zu tun. Nicht ohne Grund heißen sie Edit-Wars, also "Bearbeitungs-Kriege".