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Guerilla-Marketing:Steve, hilf!

Es sollte ein Marketing-Gag für einen guten Zweck werden. Aber die Aktion, für die eine Berliner Studentin den Computergiganten Apple ungefragt einspannen wollte, nahm eine unerwartete Wendung.

Von Helmut Martin-Jung

Julia Filimonow hätte es nicht so machen müssen. Aber sie wollte sich eben nicht für eine Seminararbeit abstrampeln, die letzten Endes doch nur in der Tonne landen würde. Die 24-Jährige, Studentin der "Informationsgestaltung" im siebten Semester an der Berliner Universität der Künste, schlug ihrem Professor Michael Klar vor, doch eine reale Kampagne für eine real existierende Nicht-Regierungs-Organisation zu machen.

Das Original: iPod-Werbung

(Foto: apple.de)

Filimonow machte sich auf die Suche und stieß auf die Berliner Suchthilfe, die zum Paritätischen Wiohlfahrtsverband gehört. Die Kampagne, die sie und ihre Mitstudenten Ana Druga und Frank Stowasser bis zum Oktober vergangenen Jahres, zeitgleich zur Messe Popkomm, entwarfen, gefiel sowohl den Entscheidern bei der Suchthilfe als auch Professor Klar.

Eine klassische Guerilla-Marketing-Aktion hatten sich die drei ausgedacht, um die Suchthilfe bekannt zu machen: 400 Plakate im Stil der Werbung von Apple für seinen Mp3-Spieler iPod sollten in Berlin geklebt werden. Motto: "Nicht alle Drogen sind so harmlos wie Musik".

Die Erwartung: Apple würde sich beschweren, die Presse - von den Studenten informiert und die Plakate des Anstoßes direkt vor der Nase - würde die Sache aufgreifen und ihr Aufmerksamkeit verschaffen. Am Ende wären alle Sieger, Hauptsache man erregt Aufsehen - win-win-Situation nennt man so etwas in der Wirtschaft.

Doch es kam alles ganz anders: Denn das Unternehmen, bei dem die Studenten die Plakate zum Kleben abgaben, sollte - kurioser Zufall - auch die echten Apple-Plakate aufhängen. "Plötzlich hatten die zwei Plakate auf dem Tisch", erzählt Filimonow.

Der Firmenchef rief bei der Suchthilfe an - und bei Apple. Dort eskalierte die Sache. Die europäischen Apple-Niederlassungen meldeten sich nacheinander per Telefon bei der Suchthilfe, schließlich drang der Fall sogar bis in die Zentrale nach Cupertino, Kalifornien, vor.

Dort schließlich beauftragte man eine deutsche Kanzlei, die Keule zu schwingen: Falls die Plakate aufgehängt werden sollten, werde Apple die Suchthilfe wegen Rufschädigung verklagen und eine Vertragsstrafe von 5100 Euro verlangen. Bei einem eventuellen Prozess liege der Streitwert außerdem im Millionen-Bereich, deutete Fachanwalt Gordian N. Hasselblatt an. Dieses Risiko wollte die Suchthilfe nicht eingehen, die Plakate wurden nicht geklebt.

Ende der Geschichte? "Zugegeben, unsere Idee, auf die einstweilige Verfuegung von Apple zu spekulieren, ... war etwas schlitzohrig. Aber eben der effizienteste Weg, die Berliner Suchthilfe bekannt zu machen", schrieb Julia Filimonow kurz vor dem Jahreswechsel an — Steve Jobs, den legendären Apple-Chef, persönlich.

"Steve, frueher warst Du doch ein Flower-Power-Kind. Mochtest Bob Dylan und Joan Baez. Mensch, Steve, frueher warst Du doch ein Pirat und jetzt benimmst Du Dich wie die Navy", fährt sie fort und haut Jobs die mehr als 20 Jahre alte Geschichte mit Apple Records um die Ohren.

Denen passte es nicht, dass die US-Computerfirma denselben Namen benutzte. Jobs konnte eine Klage nur abwenden, weil er versprach, nie ins Musikgeschäft einzusteigen. "Diese grosszuegige Haltung hast Du mit Deinem 'iTunes-Music-Store' nicht gerade belohnt."

Noch hat Jobs nicht geantwortet.

© sueddeutsche.de
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