Computernerds Zwischen Freiheit und Freibier

Open Source, Free Software, Creative Commons - was genau hinter diesen Begriffen steckt, wissen nur wenige. Digitale Freiheitskämpfer wollen das ändern: Mit der Hilfe von Bier. Aber auch das ist nicht ganz einfach.

Von Daniel Steinmaier, Berlin

Braumeister Phillip kippt Gerste und Malz in den Braukessel. In der Hausbrauerei "Barley and Hops" in Berlin-Friedrichshain wird heute Mittag "Free Beer" gebraut. "Wer jetzt an Freibier denkt, liegt falsch" sagt Markus Beckedahl, Open-Source-Aktivist und Mitglied der Organisation "Creative Commons". Denn genau auf den Unterschied zwischen Free Beer und Freibier kommt es heute an.

Free Beer ist nicht kostenlos. Streng genommen ist Free Beer eine Biermarke. Der Name ist aber trotzdem keine Mogelpackung. Free Beer ist nämlich "Open Source Beer". Wie bei einem Open-Source-Computerprogramm jeder den Quellcode des Programms sehen könne, erklärt Beckedahl, dürfe bei Free Beer jeder das Rezept sehen. Im Unterschied zu anderen Biermarken, die ihre Rezepte streng geheim hielten.

"Free Beer überträgt den Gedanken von Open Source aus der digitalen in die reale Welt" sagt Michelle Thorne von "Creative Commons" den rund zwanzig jungen Leuten, sie sich um den Braukessel in der ehemaligen Metzgerei scharen.

Warum das Beispiel Bier?

Damit verdeutliche "Free Beer" genau das, was ihre Organisation anbiete, sagt Michelle Thorne. Ob Fotos, Musik oder Texte, Creative Commons halte für verschiedenste Werke Lizenzen bereit. "Im Internet kann man sich unkompliziert eine Lizenz bei uns aussuchen" - je nachdem, was man den Nutzern seines Werks gestatten wolle. Etwa eine Lizenz, die einen Remix des Werkes erlaubt, aber beispielsweise dessen kommerzielle Verwertung ausschließt. Oder auch eine Lizenz, die das erlaube.

Warum erklärt sie das ausgerechnet am Beispiel Bier? Marcus Beckedahl, der selbst mehr nach Computerbastler als nach extensivem Biertrinker aussieht, erklärt es: Richard Stallman, der bärtige Guru der Free-Software-Gemeinde, habe einst gesagt, wenn man sich Free Software vorstelle, solle man mehr an das "frei" in "Freiheit" denken denn als das "frei" in "Freibier".

Davon inspiriert habe eine dänischen Künstlergruppe mit dem Namen Superflex die Idee gehabt, ein "Free Beer" zu entwickeln, das eben kein Freibier sei. Sondern eben Free Beer, mit einem "frei" wie in "Freiheit", dass für die Freiheit von Information stehe.

Keilriemen mit Nylonstrumpf reparieren

"Der Vergleich zwischen Bier und Software ist aber nicht ganz sauber", sagt John Weizmann, der als Jurist für die Organisation "Creative Commons" arbeitet. Seiner Meinung nach ist das Rezept für das Bier gar nicht lizenzierbar. "Eine reine Idee ist nicht schutzfähig." Linzenzierbar sei aber die Marke "Free Beer" - also die Logos, der Name, die Beschreibungen des Projekts, sagt John Weizmann. "Deshalb ist der Vergleich auch nicht ganz falsch."

Problematisch findet er aber auch die Bezugnahme auf Richard Stallmann, den Guru der Free-Software. Dem sei die Bezeichnung Open Source ein Dorn im Auge. "Nur den Quellcode lesen zu dürfen, ist Stallmann nicht genug" sagt John. Stallmans Begriff von "Free Software" fordere mehr Freiheiten.

Markus erklärt den Unterschied zwischen Free Software und Open Source mit einem Beispiel. "Wenn dein Auto kaputt ist, und die nicht mal das Recht hast, unter die Kühlerhaube zu sehen, dann ist das so wie bei Microsoft." Open Source dagegen sei, wenn man die Kühlerhaube öffnen dürfe, aber den gerissenen Keilriemen nicht austauschen darf. "Free Software dagegen heißt, dass man den Keilriemen auch mit einem Nylonstrumpf reparieren darf."

Und das Bier? "Free Beer" darf man reparieren. "Version 1.0 hat nicht besonders toll geschmeckt", sagt Nicole Ebber, die an der Aktion beteiligt ist. "Jetzt sind wir schon bei Free Beer Version 3.4" sagt sie. "Da wurden schon einige Bugs behoben." Insofern funktioniere die Idee von Free Software auch beim Free Beer.

Braumeister Phillip hat die Rezeptur heute aber noch mal abgeändert. "Dann ist das jetzt Version 3.5" stellt er fest. Und fragt: "Wer stellt die aktuelle Version denn nachher ins Netz?"